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Monat: Juni 2024

Fülle des Lebens

Ich lese barfuss
die Kieselsteine am Meer
in Blindenschrift,
höre im Schweigen
die Herztöne des Universums,
suche in deinen Briefen
letzte Spuren von Vertrauen
zwischen den Zeilen.
Ich bin Kind geblieben
der Phantasie noch nicht gestorben.
Ich bin
noch immer.

Ja, noch immer sein, der Phantasie nicht gestorben, liebend gerne sein, im Einklang mit sich selber und mit der Umgebung! Das ist gar nicht so einfach in diesen Zeiten, in denen vieles erodiert und brüchig wird, was uns zuvor im Leben gehalten hatte: der Glaube an die Kraft des Friedens, an die Vernunft der Politiker, an die Menschenfreundlichkeit demokratischer Prozesse, an die Macht des offenen Dialogs, an der Wertschätzung für verschiedene Meinungen. Irgendwo zwischen geschwärzten RKI-Files und gnadenlosen Waffenexporten, (fast) ohnmächtigen Versuchen, die Corona-Massnahmenpolitik aufzuarbeiten und der Sehnsucht nach Heilung der gesellschaftlichen Entsolidarisierungen, zwischen Nahostkonflikt und Aufspaltungstendenzen vor der eigenen Haustüre, irren Menschen umher auf der Suche nach neuen Leitplanken und Ankerpunkten für ihr Leben, das aus den Fugen geraten scheint.

«Koyaanisqatsi» sagt ein indianisches Wort für «die Erde ist aus dem Gleichgewicht». Wahrscheinlich gibt es kein entsprechendes Wort für den Verfall demokratischer Werte. Cancel Culture, Delegitimierung anderer Positionen beziehungsweise Ausgrenzung im Diskurs bis hin zu verbalen Entgleisungen (Covidioten, Friedensschwurbler, Impfverweigerer, Putinversteher und vieles mehr) scheinen tatsächlich die Oberhand zu gewinnen, zumal sie die geballte Macht des Mainstreams in Medien und Politik hinter sich wissen. Wie gelingt es da, sein Gleichgewicht zu behalten, der Intuition des Herzens zu folgen oder authentisch zu bleiben und sich nicht zu verbiegen?

Im Gleichnis des Guten Hirten (dem zu folgen sich lohnt, weil er nicht entzweit, blossstellt, manipuliert oder unterdrückt) spricht Jesus: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben (Joh. 10). Die Schafe kennen ihren Hirten, es geht um Vertrautheit, Heimatgefühl, vielleicht sogar um Würde: Jedes einzelne Schaf zählt, für jedes würde der Hirte durchs Feuer gehen.

Die Fülle des Lebens – da fallen mir viele Begriffe ein. Glück, Sinn, Freude, Vitalität, Inspiration, Geborgenheit, Begegnung, Umarmungen, Nähe, Freundschaft, Wertschätzung, Fest, Kreativität, Weite, Horizonterweiterungen, Bewusstwerdung, wertvolle Augenblicke (der Clown in Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns» sagt: «Ich bin ein Clown, ich sammle Augenblicke»). Ja, zur Fülle gehören Humor, Lachen und Weinen. Das Leben in Fülle dürfen wir uns wieder zurückerobern in einer Welt, die etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das Leben in Fülle bringt die unruhige Kompassuhr wieder langsam in die richtige Richtung. Und dafür ist manchmal ein konstruktiver Trotz sehr hilfreich … Jetzt ist die Zeit, die Herzenstüre zu öffnen, um dem Leben in Fülle wieder Einlass zu gewähren. Jetzt ist die Zeit, nicht mehr zu warten (auf Godot, aufs Schicksal, auf bessere Zeiten, worauf auch immer). Jetzt ist die Zeit, damit wir sie vergessen und nur noch Augenblick sind. Und selbst wenn das nicht immer gelingt: «Es gibt auch ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.» Das wusste bereits Dietrich Bonhoeffer.

von Wolfgang Weigand

***

Wolfgang Weigand ist freischaffender Theologe, Autor und Kabarettist. Das Gedicht erschien zuerst in seinem Gedichtband «Unentwegt», Königshausen & Neumann, 2022.


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Keine Zeit für Geschichten?

Wir leben in einer so dramatischen Gegenwart, dass nur noch Informationen zählen – und für Geschichten keine Musse mehr bleibt.

Als vor vier Jahren der Lockdown über die Welt hereinbrach, verstummte auch die Kultur. Keine Konzerte mehr, kein Theater, kein Kino, keine Lesungen, keine Comedy. Alles, was noch öffentlich stattfand, fand online statt. Aber auch online gab es keine Kultur mehr. Im wörtlichen Sinn. Es gab nur noch Propaganda.

Dann tauchten die ersten kritischen Stimmen auf. Kritische Ärzte, kritische Virologen, kritische Journalisten und wachsame Bürgerinnen und Bürger. Sie alle kämpften mit Information und mit Intuition, mit Kopf und mit Herz gegen die Propagandaflut an. Doch kritische Kulturschaffende fehlten.

Dann erklangen die ersten Stimmen, die ersten Akkorde von Musikern. Sie sangen und spielten gegen die Propaganda an, gegen die Lüge, für die Wahrheit und für die Freiheit. Sie wurden dankbar empfangen, denn Musik wärmt die Herzen, sie nährt die Hoffnung und befeuert den Mut.

Doch die Musiker, die an den Kundgebungen – den erlaubten und nicht erlaubten – die Bühne betraten, waren gering an der Zahl. Auch bei uns, in der Schweiz. Um sie zu zählen, brauchte man eine einzige Hand. So ist es immer noch.

Wo blieben die anderen? Wo blieben die Stars? Sie schwiegen. Aus Schwäche, aus Existenzangst. Oder sie machten mit, glaubten an die Impfpropaganda und fanden den Ausschluss der Ungeimpften leider notwendig. Sie liessen sich vor den Karren der Lüge spannen. Dieselben Bands, dieselben Sängerinnen und Sänger, deren Musik uns immer begleitet hatte, für die wir an Festivals und Konzerte gepilgert waren – dieselben Musiker verrieten all das, was uns heilig war. Indem sie über uns spotteten oder sich schweigend zu Mittätern machten. Wir konnten es nicht begreifen. Wie können Menschen, die etwas Künstlerisches, etwas Schönes gestalten, eine so menschenfeindliche Einstellung haben?

Weil Musiker keine besseren Menschen sind, nur weil sie gute Musik machen. Sie haben Talent. Sie besitzen die Fähigkeit, Melodien und Klänge, die eine Botschaft des Himmels sind, in Musik umzusetzen, in Kompositionen und Songs. Auch die Texte der Songs, die darin enthaltenen Bilder sind eine höhere Gabe. So entsteht jede Kunst. Wahre Kunst ist himmlische Inspiration. Kaum verlassen Musiker aber die Bühne, sind sie Zeitgenossen wie jeder von uns. Dann zeigt es sich, ob sie nur mit dem Kopf oder auch mit dem Herzen denken. Und wenn der Erfolg ihnen schmeichelt, vergessen sie manchmal das Herz.

So war es auch bei Corona. Der Mainstream macht aus Musikern Stars. Er propagiert und bezahlt sie. Er denkt für sie. Stars müssen liefern, damit sie Stars bleiben. Deshalb haben sie keine Zeit und keine Notwendigkeit für ein unabhängiges Denken. In den Arenen des Mainstreams zu singen und gegen den Mainstream, gegen die Impfung, gegen die Experten zu denken, das schafften sie nicht. Auch die meisten Filmemacher zogen das Schweigen vor. Die meisten Schauspieler. Die meisten bildenden Künstler. Und sogar die meisten Comedians. Gerade sie, die Hofnarren der Gesellschaft, nahmen ihre Bestimmung nicht wahr. Unter den Arrivierten waren es wenige Ausnahmen. In der Schweiz im Grunde nur eine einzige. Er musste büssen für seine Verweigerung.

Und schliesslich: Auch die Schriftsteller schwiegen. Es war ein dröhnendes Schweigen. Und es hält immer noch an.

Wenn ich von Schriftstellern spreche, meine ich damit Autoren, die Prosa schreiben. Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, literarische Essays, vielleicht auch Gedichte. So wie der Musiker aus höheren Sphären Musik empfängt, so werden dem Autor Geschichten geschenkt. Sie fliegen ihm zu. Doch kaum schiebt er die Schreibmaschine beiseite, ist auch er ein gewöhnlicher Zeitgenosse. Und aus dem einstigen Dichter, dem Schöngeist, ist ein Intellektueller geworden, der nicht an Gott, sondern an die Wissenschaft glaubt. Je grösser die Auf lagen seiner Bücher sind, umso mehr ergeht es ihm wie dem Musiker. Umso mehr muss er liefern. Umso weniger muss er sein Herz befragen.

Kein bekannter Belletristikautor in der Schweiz hat sich dem Mainstream in den letzten vier Jahren entgegengestellt. Keiner. Nicht einmal in ihren Romanen, in ihren Werken haben sie dem Staat widersprochen. Nur ein paar wenige gibt es, am Rande der Literaturszene, die sich zur Opposition und zur Freiheitsbewegung bekennen. Vom grossen Strom haben wir uns schon lange verabschiedet. Und wenige sind wir auch deshalb, weil wir keine Sachbücher schreiben. Wir bringen keine unterschlagenen Facts, keine signifikanten Zahlen, keine wichtigen Analysen, keine alternativen Gesellschaftsentwürfe. Auch spirituelle Bücher schreiben wir nicht. Wir formulieren höchstens Gedanken, wir zeichnen Bilder mit Worten, wir schmieden Verse, und vor allem: wir erzählen Geschichten.

Das ist zurzeit nicht gefragt, so kommt es mir vor. Zu Podiumsgesprächen wird eingeladen, Referate werden gehalten, Vortragsabende finden statt – aber keine Erzählabende. Die Freiheitsbewegung hat keine Zeit für Geschichten. Sie hat Wichtigeres zu tun. Ich begreife das. Die Welt ist im Aufruhr, sie treibt uns erbarmungslos vor sich her, da bleibt nach all den Informationen und Argumenten bloss noch Raum für Entspannung mit Comedy und Musik.

Wäre mein Bleistift doch eine Gitarre! Ich bin bloss ein Erzähler und ein Gedankengänger. Aber ich glaube an die heimliche Kraft von Büchern, die keine Sachbücher sind. Ich glaube an die Magie von Geschichten. Sie zeigen das Grosse im Kleinen, das Politische im Persönlichen, das Spirituelle im Menschlichen. Gute Geschichten werden vom Leben geschrieben.

von Nicolas Lindt

***

Nicolas Lindt ist Schriftsteller aus Wald und Segnas. In seinen Werken und in seinem Podcast «Fünf Minuten» erzählt er wahre Geschichten. Er tritt am Sommerfest von Graswurzle und Aletheia am 29. Juni in Stetten AG mit «Zeit für Geschichten» auf.
nicolaslindt.ch
fuenfminuten.ch


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Meine Klaviere und ihre Stimmungen

Klaviere sind eigensinnige, empfindliche Wesen. Man muss gut aufpassen, wie man sie anpackt und mit ihnen umgeht. Wer es sich mit ihnen verspielt, dem können sie richtig gefährlich werden.

In Zeiten von E-Pianos bekommt man alte Klaviere praktisch hintennachgeworfen. Das ist in meinem Fall fast buchstäblich gemeint, denn ich habe diese sperrigen Schmuckstücke immer von Leuten geerbt, die im dritten Stock wohnten. Jeder, der das Abenteuer Klavierumzug schon erlebt hat, weiss, dass das nicht trivial ist, sondern lebensgefährlich. Ich habe früher selbst eine Zeit lang als Zügelmann gearbeitet – jedesmal Adrenalin pur, es wird zehnmal mehr geflucht und geschrien als «normal», denn ein kleiner Misstritt auf der Treppe könnte ein gravierendes Rondo-Finale einläuten. Zügelmänner hassen Klaviere und Klaviere hassen offenbar Zügelmänner. Unfassbar, dass ein so schönes Instrument solche bad vibes auslösen kann.

Mein vorletztes Klavier war am Schluss 120 Jahre alt und todkrank. Der Klavierstimmer betrachtete es mit Abscheu durch seine Goldrandbrille, als ob es ihm eine schlimme Krankheit übertragen könnte, sobald er es berührte. «Werfen Sie es am besten direkt in die Mulde!», riet er mir. Ich war empört über seine Pietätlosigkeit und sein kaltherziges Kalkül. Er sah nichts anderes vor sich als ein elendes Wrack – ich hingegen eine altehrwürdige, treue, sterbende Freundin. Aus Protest bestellte ich mir den billigsten Stimmschlüssel aus China, den ich finden konnte und rief: «Das wäre ja gelacht!» Dieser Stimmschlüssel kam niemals an, und da ich damals in den Zeitungen von diversen schweren Containerschiffhavarien las, nehme ich an, dass er auf stürmischer See zusammen mit dem anderen Plunder über Bord ging und nun irgendwo in den Weiten des Meeres schwimmt statt stimmt. Ich orderte also den zweitbilligsten Stimmschlüssel und rief: «Jetzt aber!» Leider löste mein amateurhafter Eingriff eine unaufhaltsame Kaskade von Folgebeschwerden aus: Saiten rissen, Filzpolsterchen flogen mir nur so um die Ohren. «Polster kann ich wieder ankleben, und wozu überhaupt so viele Saiten?», redete ich mir ein. Die Aktion artete wochenlang aus, bis ich mir zähneknirschend eingestehen musste, dass es schon einen Grund gibt, wieso der Klavierstimmer eine lange, anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen hat, um solche Operationen erfolgreich auszuführen, und ich nicht. Am Ende erzeugte das arme, geschundene Instrument nur noch höllische, blecherne Misstöne, geeignet, um John Cage zu intonieren oder den Soundtrack zu einem Endzeit-Western zu spielen. Die Quintessenz: «Do it yourself» in diesem Bereich bewährt sich nicht.

Ich beschloss danach, die alte, kranke Dame gegen eine Jüngere einzutauschen. Die Einzigen im Umkreis von 100 Kilometern, die bereit waren, die Auserwählte aus ihrem Turm im dritten Stock zu locken, waren drei verwegene Tamilen, die das Piano in einer haarsträubenden Aktion die schmale Treppe und beinahe sich selbst den Buckel runterrutschen liessen, während die entsetzte Vorbesitzerin das Spektakel zeternd kommentierte. Ich weiss noch genau, wie ich angstschweissgebadet danebenstand und mir dachte: «Gleich werde ich Zeuge eines schweren Unfalls, wie schrecklich!», während ich gleichzeitig angestrengt mitzuhelfen versuchte, das Ereignis und das Klavier mit Gebeten und Telekinese in die richtige Richtung zu lenken. Nachdem wir das überlebt hatten, beförderten wir die ausgemusterte Ex-Freundin zur Altmetalldeponie, wo die rachelustige Alte es beinahe doch noch geschafft hätte, uns zu erschlagen, weil der Tamile an der Hebebühne den falschen Knopf betätigte. Glücklicherweise drückte die himmlische Intervention an dieser Stelle rechtzeitig «Pause». Mein neues altes Klavier trudelte dann auf einem fliegenden Teppich in die Wohnung. Es wird nur mit Samthandschuhen berührt und schwingt wieder harmonisch auf wohltuenden 432 Hertz. ♦

von Christian Schmid Rodriguez


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Weltbeziehung und Urvertrauen

Der Resonanzbegriff bei Harmut Rosa

Regenbögen, Sternschnuppen, die Liebe: Die schönsten Dinge im Leben lassen sich nicht greifen. Sie sind unverfügbar. In sich, wie für uns. Wer mit ihnen in Resonanz gehen will, für den gilt nur eines: absolute Bedingungslosigkeit. Eine Bedingungslosigkeit, bedingt durch nichts anderes als die «Urvertrauen stiftende Erfahrung einer tragenden Weltbeziehung».

Wo der Glaube herrscht, die Welt verfügbar machen zu können, setzen wir «am Leben sein» mit «lebendig sein» gleich. Es gilt: Solange wir am Haben anstatt am Sein orientiert sind, bringen wir nicht nur die Welt auf Distanz zu uns, sondern uns gleichzeitig in eine Fremdheit mit uns selbst. Was bleibt, ist eine Beziehung der Beziehungslosigkeit. Wir sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt, als dass wir die Dinge ihrem wahren Wesen nach erkennen könnten. Wir interpretieren und sezieren lieber, anstatt zu beobachten und abzuwarten. Unfähig, das Leben so zu nehmen, wie es ist, verkehren wir unser Gefühl, in die Welt geworfen zu sein, dahingehend, uns aus ihr hinauszuschleudern.

Es ist dieses «Fremdgesteuertwerden», der Reflex, Ohnmacht durch Kontrolle zu kompensieren, den der Soziologe Hartmut Rosa auf unsere Furcht vor Weltverlust zurückführt. Als «Grundangst der Moderne» versetze sie uns in einen «Agressionsmodus». Aus ihm heraus nähmen wir jede Unkoordinierbarkeit als Bedrohung wahr und liefen obendrein Gefahr, das Ausdehnen unserer eigenen Weltreichweite, also unserer Wahrnehmung dessen, was wir in dieser Welt alles unter Kontrolle und in Besitz nehmen könnten, auf Kosten anderer zu manifestieren. Wir stehen der Welt innerlich unverbunden, gleichgültig oder sogar feindlich gegenüber und befinden uns damit inmitten einer prinzipiellen Verwechslung von Erreichbarkeit und Verfügbarkeit sowie Symbiose und Verbindung. Dies mache uns nicht nur blind dafür, was es bedeute, uns von dieser Welt wahrhaft berühren zu lassen, – wir würden auch verkennen, dass unser insgeheimes Hoffen auf einen Zuwachs an Lebensstandard durch mehr Sicherheit und Macht nicht der Gier nach Mehr, sondern unserer Angst vor dem Immer-weniger entspränge.

Ein anderer Sinn für Verbundenheit

«Eine bessere Welt ist möglich, und sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Massstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und das Antworten.» – Hartmut Rosa, Resonanz

Ohne ein intaktes Weltverhältnis, so viel steht für Hartmut Rosa fest, kann es kein gelingendes Selbstverhältnis geben. Wer sich selbst nicht spürt, könne sich auch die Welt nicht anverwandeln. Und wem die Welt stumm und taub geworden sei, dem käme auch das Gefühl für sich selbst abhanden. Was wirkt wie eine Spirale der ausbleibende Begegnung, führt uns unweigerlich zu der Frage: Worin bestünde denn ein «gelingendes Weltverhältnis»? Was würde es bedeuten, wahrhaft mit uns und dieser Welt verbunden zu sein? Unserer immer alternativloser erscheinenden Beschleunigung setzt Rosa an dieser Stelle nicht den Begriff der Entschleunigung entgegen, sondern den der Resonanz. Ihre – wie er sie nennt – horizontalen, diagonalen wie vertikalen «Achsen» von Beziehungsqualitäten ermöglichten dem Menschen nicht nur eine als antwortgebend erfahrene Beziehungen zur Welt, zum Dasein oder zum Leben als Ganzem, sondern obendrein auch das besagte Urvertrauen, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen – und gehen.

Für Hartmut Rosa ist klar: Wolle der Mensch aus seiner Abgespaltenheit austreten, müsse er wieder lernen, sein In-Beziehung-Treten mit sich und der Welt als Totalität zu verstehen. Rosa teilt ihren Prozess des Zueinanderfindens in vier Phasen der Begegnung: den Moment der Berührung (Affizierung), den Moment der Selbstwirksamkeit (Antwort), den Moment der Anverwandlung (Transformation) und den Moment der Unverfügbarkeit (konstitutiv ergebnisoffen). Mit einem Menschen, einer Landschaft, einer Melodie oder einer Idee in Resonanz zu treten, bedeutet für ihn, «von ihm oder ihr gleichsam ‹inwendig› erreicht, berührt oder bewegt zu werden». Entscheidend sei hierbei das Gefühl, die Welt gehe einen etwas an. Folglich liesse sich dieser Moment der Affizierung auch als «Anrufung» übersetzen. Oder wie Rosa formuliert: «Plötzlich ruft uns etwas an, bewegt uns von aussen und gewinnt dabei Bedeutung für uns um seiner selbst willen.» Stumpfe Blicke fangen wieder an zu leuchten und in unseren Augen sammeln sich Tränen. Das Bedürfnis, der Welt zuzugehören, hat den «Panzer der Verdinglichung» durchbrochen. Mit unserem ganzen Körper und vollem Herzen zurück in ihren Bann gezogen, fühlen wir uns (selbst-)wirksam und lebendig mit ihr verbunden. Unsere Augen werden zu «Resonanzfenstern». Wir haben das Gefühl, mit der Welt im Dialog zu stehen.

Diese «Veränderung der Weltbeziehung» bezeichnet Rosa als entscheidendes Element der Resonanzerfahrung: «Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht dieselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit. Wenn wir uns von nichts mehr anrufen und verwandeln lassen, oder wenn wir auf die zahlreichen Stimmen da draussen nicht mehr selbstwirksam zu antworten vermögen, sind wir innerlich tot, versteinert, kurz: resonanzunfähig.» Wer diese Anverwandlung erfahren wolle, so Rosa, müsse aufhören, alles um sich herum kontrollieren zu wollen. Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung entstünden aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren. Eine Welt dagegen, «die vollständig gewusst, geplant und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt.»

Wege zur Welt

Ohne eine «bidirektionale» – eine auf Gegenseitigkeit beruhende – Welterfahrung, keine Resonanz: So wie Unverfügbarkeit für Rosa die Bereitschaft impliziert, «sich auf nicht vorhersagbare Weise berühren und verändern zu lassen», impliziert Resonanz «Verletzbarkeit und die Bereitschaft, sich verletzbar zu machen». Kontrolle und Berührung schliessen einander nicht nur aus, gemeinsam begründen sie das Gesetz der Anziehung: Je intensiver wir etwas wollen, umso weniger gelingt es uns. Und je mehr wir etwas besitzen möchten, umso schneller verlieren wir es. Wo wir keinen Raum lassen, mit den Dingen wahrhaft in Kontakt zu treten, wo unsere Vorstellung und unser Wille bereits im Vorfeld jede Möglichkeit einer offenen, ehrlichen Begegnung unterlaufen, da schnüren wir selbst uns jedes Berührtwerden ab. Kurzum: Wo uns das Vertrauen fehlt, verfehlen wir das Leben.

Wer dies verstanden – oder besser noch: durchfühlt – hat, dem bleibt keine andere Wahl, als von sich aus neue Pforten zur Welt zu schaffen. Denn wem die Welt nicht mehr als Aggressionspunkt, sondern als Resonanzpunkt erscheint, wer ihr nicht in einem Modus der Aneignung begegnet, sondern dessen «Haltung des anverwandelnden und selbstwirksamen Hörens und Antwortens» auf eine «wechselseitige responsive Erreichbarkeit» gerichtet ist, für den verliere «das Steigerungsspiel» seinen Sinn und, wichtiger noch, seine «psychische Antriebsenergie».

Nur wer ohne Angst auf die Welt zugehen kann, dem steht es frei, sich ehrlich auf sie und ihre Teilnehmer einzulassen. Nicht im Sinne eines ideologisch aufgeladenen Objektbegehrens, sondern als menschliches Begehren, als Beziehungsbegehren. Und wie sollte es anders sein: Der Weg hin zu einer ehrlichen Beziehung zu unserer Mitwelt führt über uns selbst. Und dieser Weg zu uns selbst ist der Weg des Herzens. Und das ist ein Weg jenseits von Argumenten.

… oder, um es mit Udo Jürgens zu sagen:

Von jetzt an Sein statt Haben
Nicht das Gefühl vergraben
Einander finden
Anstatt Worte verlier’n

von Lilly Gebert
Buchvorlage: Hartmut Rosa (2020): «Unverfügbarkeit» (Suhrkamp)


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Erkenntnis durch den Klang

Das Theatrum Phonosophicum ein Kulturtipp aus dem Herzen Italiens

Der Starrheit des deutschen Universitätslebens überdrüssig, zogen die Klangkünstlerin Shushan Hyusnunts und der Musikphilosoph Leopoldo Siano nach Neapel. Ihr Wunsch? Eine neue Kultur des Klangs und der Stille. Mit ihrem theatrum phonosophicum wollen sie transformieren – den Menschen, sein Hören, sein Sein.

«DIE FREIEN»: Liebe Shushan, lieber Leopoldo, gemeinsam betreibt ihr das Projekt «theatrum phonosophicum». Wofür steht dieses?

Shushan Hyusnunts: Das theatrum phonosophicum ist das «Theater der Phonosophie». Die phonosophia verstehen wir als «Erkenntnis durch den Klang». Das theatrum phonosophicum ist ein Forschungs- und Lebensprojekt, das die Erschaffung von Erfahrungsräumen fördert, in denen altes traditionelles Wissen mit experimentellen Praktiken (lecture-performances, Installationen, Klangkunst, Akusmatik, «deep listening» usw.) kombiniert wird. Ein Wissen, das deshalb nicht nur ein «Buchwissen» ist, sondern mit allen Sinnen erfahren werden kann. Daher der Anspruch auf die Synthese der Künste, auf das Gesamtkunstwerk (vom antiken griechischen Theater bis zu Richard Wagner und den Avantgarden). Kern des theatrum phonosophicum ist das Hören verstanden als «Seinserfahrung» und die anthropologische Auseinandersetzung mit dem Klang, mit den Klängen im Raum, mit der Landschaft bzw. mit dem soundscape und den akustischen Archetypen.

Leopoldo Siano: Das Wort phonosophia entdeckte ich einmal zufällig in einem Aufsatz über Morton Feldman. Blitzartig begriff ich, dass es genau das Wort war, das wir suchten, um unsere Arbeit präzis zu bezeichnen. Wir kommen beide aus der sogenannten Musikwissenschaft, aber dieses Fach – akademisch verstanden – wurde uns allmählich immer enger. Später entdeckten wir, dass das lateinische Wort phonosophia ein Neologismus des Jesuiten und Barockgelehrten Athanasius Kircher war … Wie gesagt, ist für uns die Hörtätigkeit zentral, allerdings wird das Hören in sehr breitem Sinne verstanden: als Hören der Welt, als Hören des unaufhörlichen Ereignisses des Seins.

SH: In der Barockzeit wurde das Wort theatrum unzählige Male als Titel von wissenschaftlichen Traktaten verwendet, die als Darstellung einer gewissen Disziplin gedacht waren. Es gab ein theatrum botanicum und ein theatrum anatomicum, also ein Theater der Botanik und ein Theater der Anatomie, ein theatrum chemicum, theatrum memoriae, ein theatrum instrumentorum und so weiter. Und gab es sogar ein theatrum fungorum, ein Theater der Pilze …

LS: Das letzte hätte John Cage sehr gut gefallen können! Es ging also um den Versuch, das angesammelte Wissen wie auf einer Bühne, sinnlich darzustellen. Und das versuchen wir auch mit dem theatrum phonosophicum.

Was war der ausschlaggebende Impuls, in dieser Form als Kulturschaffende tätig zu werden?

LS: Ich habe zehn Jahre an der Universität zu Köln gelehrt, wo auch Shushan studiert und dann für ein paar Semester unterrichtet hat. Allerdings war uns die akademische Welt immer steriler geworden, es wurde uns dort immer unbehaglicher: Mit der zunehmenden Digitalisierung und der Einführung der Gendersprache wurde es noch schlimmer. Im Allgemeinen haben wir die grosse Kluft zwischen den meisten Universitätsleuten und dem Leben gespürt. Wir waren auf der Suche nach einem «gelebten Wissen». Wir waren müde, nur Vorträge zu halten, Aufsätze zu schreiben und bei Tagungen aufzutreten. Wir suchten eine «Theorie der Praxis». Das theatrum phonosophicum ist eine Art philosophisches Instrument, wobei das Wort «Philosophie» etymologisch, also ernst genommen wird: als Liebe, als «Liebe zur Weisheit» – verstanden auch als «Kunst des Bewusstseins» oder, wenn man will, als «praktische Daseinstechnik». Wir haben das Bedürfnis gehabt, die Philosophie durch die Sinne zu (er)leben. Da ist für uns unter anderen der «philosophe-artiste» Peter Kubelka ein grosses Vorbild gewesen. Im Italienischen sind die Wörter «Wissen» (sapere) und «Geschmack» (sapore) etymologisch miteinander verbunden. Das Wissen soll nach etwas «schmecken» … Daher ist der Wunsch entstanden, ein aktionistisches Pendant zu haben: Statt einfach Vorträge zu halten, haben wir begonnen, lecture-performances, Klang-Aktionen, Installationen oder «Install’Aktionen» zu machen… Eine lecture-performance ist für uns eine Art story-telling, eine Hybridform zwischen einem Vortrag und einem poetischen Ritual, in dem wir auch Musikinstrumente, aufgenommene Klänge, verschiedene Objekte, Substanzen, Speisen verwenden. Wir wollen nicht einfach über ein Thema sprechen, sondern das jeweilige Thema den Zuhörern unmittelbar erleben lassen. Und dies nicht nur über den Intellekt, sondern über alle Sinne … Mit einer lecture-performance will man nicht nur die Menschen «in-formieren», sondern eher trans-formieren. Immer mehr gefällt uns der Satz von John Cage: «I like it better when something is being done than when something is being said.»

Wen oder – viel spannender – was möchtet ihr mit eurem Projekt erreichen?

LS: Wie Mary Bauermeister sagte, ist jede Existenz ein «unvollendetes Projekt» … Ob wir etwas «erreichen» wollen? Ja, wir wollen uns selbst und so viele Menschen wie möglich zum «lebendigeren Leben» durch das Erwachen aller Sinne führen, vor allem durch den Klang. Es geht um Seinssuche und Seinsfindung. Idealerweise ist das theatrum phonosophicum ein Projekt ohne Ende. Wir wollen es immer mehr verwirklichen, indem wir immer mehr Menschen einbeziehen. Als Musikwissenschaftler waren wir müde, nur am Schreibtisch zu sein. Das Schreiben ist uns zweifelsohne noch sehr wichtig, aber das genügte uns nicht mehr. Wir hatten das Bedürfnis, bestimmte Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen: aber nicht nur mit Wörtern, sondern körperlich, sinnlich, im Raum.

SH: Wir wollen Menschen erreichen, denen unsere Arbeit hilfreich sein kann, um das eigene kreative Potenzial zu entfalten.

Vom 21. bis 23. Juni veranstaltet ihr in Attigliano zusätzlich das Festival «PHONOSOPHIA». Mit diesem möchtet ihr «eine neue Kultur des Klangs und der Stille (total listening) fördern». Was steht hinter diesem Anliegen und wie genau lässt sich «Wissen» durch Klang vermitteln?

SH: Ja, in Attigliano werden wir in wenigen Tagen die erste PHONOSOPHIA eröffnen, ein Fest der «Erkenntnis durch den Klang». Das Festival findet anlässlich der Sommersonnenwende und der Johannisnacht statt. Es liegt uns sehr am Herzen, den Tag und das Jahr rituell zu zelebrieren. Für die Sonnenwenden und die Tagundnachtgleichen gefällt es uns sehr, Feste oder Aktionen des theatrum phonosophicum zu organisieren. Im Laufe der letzten Jahren haben wir mehrere long-durational performances gehabt, bis zu vier Stunden – oder sogar 24 Stunden mit Fabula. Jetzt geht es zum ersten Mal um ein ‘Fest, das drei volle Tage dauern wird. Die lange Dauer ist sehr wichtig für die Vertiefung, für das Eintauchen. Wir werden unterschiedliche Veranstaltungsformate haben: lecture-performances, soundwalks, Nachtspaziergänge in einem «Zaubergarten», Install’Aktionen, Ausstellungen, den Vortrag eines Astrophysikers über die Sphärenharmonie, poetische Lesungen, Klang-Rituale etc.

LS: Das Festival findet in Attigliano, beim Simmetria-Institut statt. Das ist ein sehr besonderer Ort. Das Institut ist eine Forschungsstätte und ein Museum der Mythen, der Riten und der Symbole – eine beeindruckende Sammlung von Kunstwerken verschiedener Kulturen und Epochen! Die Bibliothek des Instituts umfasst mehr als 8000 Bände: vor allem pythagoreische, hermetische, alchemistische Literatur, aber auch viele Bücher über westliche und östliche Philosophie, Mathematik, Geometrie, Mystik etc. Es ist ein Ort, an dem die ganzheitliche Erforschung des Menschen und der spirituellen Traditionen der Welt gepflegt wird, vergleichbar mit der Eranos-Stiftung in der Schweiz. Das 2020 eröffnete Simmetria-Institut wurde konzipiert und gegründet vom unermüdlichen Claudio Lanzi, Forscher, Verleger und Meditationslehrer, unterstützt von seinem Team bzw. seiner Stiftung.

SH: Um zur Frage zurückzukommen: Im theatrum phonosophicum wird der Klang – im Sinne von Marius Schneider und der kosmogonischen Mythen, die in verschiedenen Traditionen zu finden sind – als Ursprung und Essenz aller Dinge betrachtet. Die Welt ist eine Art «versteinerte Musik», ein Schwingungsgewebe, was auch von der modernen Physik bestätigt wird. Die Klänge können vieles beschwören, aber vor allem kann der Klang wirken. Die Erfahrungen, die man durch die Musik und im Allgemeinen durch den Klang macht, sind meistens unaussprechlich. Man ist ständig auf der Suche nach der unerschöpflichen schöpferischen Quelle, nach der sophia, die im Klang selbst ist.

2022 ging es für euch von Deutschland aus nach Armenien, jetzt seid ihr seit dem Frühling 2023 in Italien. Flieht oder sucht ihr?

LS: Wir fliehen nicht! Deutschland ist für uns beide sehr wichtig gewesen. Obgleich wir nicht mehr in Deutschland sind, sprechen Shushan und ich miteinander immer noch deutsch. Wir tragen Deutschland in uns, aber es geht um ein «inneres Deutschland», ein «geheimes Deutschland», um Stefan George zu zitieren… Es ist das Deutschland der Dichter, der Philosophen, der Mystiker und nicht zuletzt der Musiker. Das Deutschland von Meister Eckhart, von Bach, von Goethe, Novalis, Nietzsche, Wagner, Stockhausen, Beuys etc. Aber dieses Deutschland hat mit dem heutigen Deutschland wenig zu tun. Während der Zeit der planetarischen «Pandemenz» war uns in Deutschland sehr ungemütlich, sogar unerträglich geworden. Bestimmte Probleme wurden sichtbarer. Wir haben verstanden, dass die Zeit reif war, um Deutschland endgültig zu verlassen. Wir haben also – jenseits der kleinbürgerlichen «Vernünftigkeit», der inneren Stimme und der Logik des Herzens, also einem «Herzensruf» folgend – einen grossen Schritt gemacht und sind kein kleines Risiko eingegangen …

SH: Es war gewissermassen doch eine Art «Flucht» von Deutschland … (Schmunzeln)

LS: «Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht», so Heine … Wir sind also nach Armenien umgezogen, wo wir uns freier fühlten. Die vielen armenischen Freunde empfngen uns mit grosser Herzlichkeit und Wärme. Sie haben an unsere Arbeit geglaubt. An der State Philharmonia of Armenia, im legendären «Ground Floor» – ganz im Herzen der Altstadt Jerewans – initiierten und kuratierten wir die multisensorielle Veranstaltungsreihe Theatrum Phonosophicum. Es waren Monate von reger Tätigkeit und Austausch mit vielen jungen kreativen Menschen, die bei unseren Veranstaltungen und Workshops («The Art of Listening») mitmachten. Anfang 2023 – als wir gerade dabei waren, im künstlerischen-kulturellen Feld Armeniens Fuss zu fassen, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Einladung von der Stiftung Morra, nach Neapel umzusiedeln, wo wir jetzt seit einem Jahr diese Forschungsresidenz im Museo Archivio Laboratorio Hermann Nitsch machen.

Merkt ihr Unterschiede in der Art, wie ihr und eure Arbeit wahr- beziehungsweise angenommen werdet?

LS: Ja, freilich. In Deutschland war uns immer schwieriger geworden, über das Wesen unserer Arbeit zu kommunizieren. Einerseits waren die meisten, die uns als akademische Musikwissenschaftler kannten, nicht bereit zu erkennen, dass wir auch etwas anderes machten. Darüber hinaus ist das deutsche Publikum ziemlich verkrampft, selbst die jüngeren Menschen, die meisten Studenten, sind lauwarm und verkopft geworden, mit geringem authentischem Interesse für die Kunst und die Kultur. Und der Prozess der immer zunehmenden Digitalisierung der Existenz hat die Gehirne und die Weltwahrnehmung vieler Menschen umstrukturiert. Die Corona-Zeit war schliesslich der letzte Schlag …

SH: Aber man muss sagen, dass wir dank der Corona-Krise durch einen langsamen schmerzhaften inneren Prozess gegangen sind, um tiefer zu uns selbst zu gelangen, um zu machen, was wir wirklich machen wollten. So haben wir den Mut gehabt, Abstand von der Universitätswelt zu nehmen, um unser theatrum phonosophicum zu betreiben. Dafür war Deutschland für uns ein unfruchtbarer Boden geworden.

LS: In Armenien haben wir hingegen die grosse Aufgeschlossenheit des Publikums sehr genossen.In Armenien gibt es viel weniger ideologische Voreingenommenheit und Verkrampfungen. Das Publikum ist intuitiver. Vor allem sind sehr viele jungen Armenier zu unseren Veranstaltungen und Workshops gekommen, mit weit offenen Augen und offenem Herzen, gierig nach Wissen, nach neuen Entdeckungen und Erfahrungen. Ein fruchtbarer Boden, um das Feuer der Erkenntnis anzuzünden! In Italien geniessen wir ebenfalls das südliche Temperament der Menschen. Hier lebten übrigens die Vorsokratiker: Parmenides, Empedokles, Pythagoras … Von Neapel waren auch Giordano Bruno, Giambattista Vico und viele andere Philosophen, Dichter und Musiker. Cogito ergo Sud! Es gibt hier eine jahrtausendelange philosophische Tradition, mit der wir uns sehr verbunden fühlen. Ausgerechnet an diesen Orten hat übrigens Parmenides seine «Seinsphilosophie» konzipiert. Die Weisheitsbotschaften der Mythen und der vorsokratischen Philosophie sind hier noch zu spüren, in der Natur, in den Felsen, in den Landschaften …

Inwieweit erfüllt euch das, was ihr jetzt macht, an dem Ort, wo ihr jetzt seid?

LS: Wir fühlen uns nun hier sehr wohl. Wir fühlen uns «angekommen». Nicht nur, weil ich selber Italiener bin und nach fast zwei Jahrzehnten im Ausland, wieder in der «Heimat» bin. Es geht eher um eine tiefere, archaische Verbindung mit dem Süden Italiens, mit dem Magna Grecia, mit dem «Grossen Griechenland», mit den hiesigen mythischen Landschaften, mit dem Meer, den Wäldern, den Vulkanen … Wir wollen also im Süden bleiben. Nach vielen «Wanderjahren» ist es uns nötig, endlich Wurzeln zu schlagen. Als Mary Bauermeister hörte, dass wir Deutschland verlassen wollten, unterstützte sie sofort unser Vorhaben, sie sagte: «Ihr gehört dem Süden!». Wir spüren, dass wir hier etwas zu tun haben. Die Orte, wo wir arbeiten und wirken, sind uns sehr wichtig. In Deutschland haben wir lange Zeit in Kürten, ländlich, im Dorf von Karlheinz Stockhausen und der «astronischen Musik», gewohnt: Es war eine sehr produktive Zeit, mehrere Bücher sind dort geschrieben worden und viele neue Ideen und Projekte entstanden …

SH: … aber wir haben in Neapel erkannt, dass wir jetzt am richtigen Ort sind. Und dies gilt auch für mich, auch wenn ich nicht Italienerin bin, fühle ich mich hier im Süditalien ebenfalls zu Hause. Wir sind immer sehr viel gereist, haben aber im Moment sehr wenig Reiselust, weil es hier unglaublich viel zu entdecken und zu tun gibt.

LS: Neapel ist ein Kosmos an sich, eine buchstäblich magische Stadt, und sie befindet sich inmitten von zwei Gegenden, die uns sehr am Herzen liegen: die Campi Flegrei und der Cilento. Idealerweise möchten wir diese zwei herrlichen Gegenden durch den kosmopolitischen élan des theatrum phonosophicum miteinander verbinden, dieser Raum soll unser Wirkungsfeld sein. ♦

von Lilly Gebert

***

Am Festival PHONOSOPHIA (21. bis 23. Juni 2024 in Attigliano, Italien) findet eine Vielzahl an Performances, Diskussionen, Klangspaziergänge, Workshops und kreative Retreats statt, an denen international führende Persönlichkeiten der künstlerisch-kulturellen Szene teilnehmen. Zum Programm (auf Italienisch und Englisch).

Shushan Hyusnunts (*1989) ist Musikwissenschaftlerin und Klangkünstlerin.

Leopoldo Siano (*1982) ist Musikphilosoph und Sound-Aktionist.


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Ein Unternehmer auf Wolke sieben

Interview mit Thomas Becherer

Herausforderungen nimmt er mit offenen Armen an. Sein Credo lautet: Visionsumsetzung und inneres Wachstum statt Stillstand und Bequemlichkeit. Thomas Becherer hat in Windeseile die Onlineplattform Conscious:Love auf die Beine gestellt. Im Interview erklärt der 43-jährige Unternehmer, was eine bewusste Partnerschaft ausmacht.

In Thomas´ Dachwohnung ist es wohlig warm. Das Feuer knistert im Cheminée; entspannte Klaviermusik läuft im Hintergrund; auf dem Couchtisch stehen Schälchen mit allerlei salzigen und süssen Knabbereien. Thomas hat sich gut vorbereitet. Es ist kein Zufall, dass er mir unter anderem «Sugus» und Grüntee offeriert. Er hat im Internet gelesen, dass ich nach diesen Kaubonbons und dieser Teeart «süchtig» sei.

Die Info aus dem Netz traf vor sechs Jahren noch zu – heute ist sie alles andere als aktuell. Auch Thomas führte vor sechs Jahren ein anderes Leben. Er war einer dieser geschniegelten Anzug-Männer – Unternehmensberater, geschäftlich viel auf Reisen. «Damals fand ich den Business Lifestyle ‹voll geil›», gesteht der 43-Jährige, der heute sein eigenes Unternehmen, die Conscious Life AG, führt. Kerngeschäft ist die Onlineplattform Conscious:Love (s. Infobox), die verschiedene Bereiche wie Dating, Freundschaft, Events und Podcasts vereint.

Thomas studierte ursprünglich Chemie, entschied sich nach seinem Abschluss aber, noch den Master of Business Administration zu machen. Aufgewachsen in der Nähe von München, kam der Deutsche 2016 in die Schweiz, wo er als Unternehmensberater diverse Projekte leitete, unter anderem für einen führenden Schweizer Medienkonzern. Anfang 2019 wagte Thomas den Sprung ins kalte Wasser: Er stieg aus dem «Angestelltensystem» aus und gab dem Leben so die Chance, ihm zu zeigen, was es noch für ihn geplant hat, wie auf der Website der von ihm gegründeten Plattform Conscious:Love zu lesen ist. Als er nach dem Austritt erst mal in Urlaub ging – vier Wochen Fuerteventura –, hatte er eine Erkenntnis: «Auch wenn ich alles erreicht habe, was ich wollte, war ich unglücklich – wahres Glück kommt eben von innen, nicht von aussen.»

Mit der Umsetzung der Onlineplattform, die anfangs Impffrei Love hiess, begann Thomas im Frühling 2021. Innert sechs Wochen stellte er die Website auf die Beine. «Ich arbeitete zum Teil bis zu 16 Stunden pro Tag; oft war ich so im Flow, dass ich bis spät in die Nacht produktiv war.» Schon vor der Corona-Zeit realisierte der 43-Jährige Projekte, bei denen es darum ging, «bewusste Menschen», die Alternativen aufbauen wollen, zusammenzubringen.

Übrigens: Thomas hatte im Laufe der Zeit auch ein Profil auf Conscious:Love erstellt: Nach einer langjährigen Beziehung war er wieder Single – «die Trennung hat mich ganz schön durchgeschüttelt». Während des Verarbeitungs- und Heilungsprozesses habe er seinen Blick nach innen gerichtet und so viel über sich selbst gelernt.

Von emotionalen Herausforderungen nach dem Ende einer intensiven Beziehung handelt auch das Lied «Another Love» von Tom Odell. In diesem heisst es: «I want to learn to love, but all my tears have been used up.» Der Song erzählt die Geschichte eines Mannes, der nicht mehr richtig lieben kann, weil seine vorherige Beziehung all seine Liebe aufgebraucht hat. Daheim auf Thomas´ Klavier liegen die Noten dieses Liedes. Er hat sich das Klavierspiel mit Videos selbst beigebracht und spielt das Instrument nun seit gut einem Jahr, wie er beiläufig erzählt.

Während andere sich nicht aus ihrer Komfortzone bewegen, nimmt der Unternehmer neue Herausforderungen mit offenen Armen an – Visionsumsetzung und inneres Wachstum statt Stillstand und Bequemlichkeit, lautet sein Credo. «Entscheidend ist, was du in die Welt bringst», sagt er und zitiert Steve Jobs: «Ich möchte eine Delle ins Universum schlagen.»

«DIE FREIEN»: Lieber Thomas, Datingplattformen werden in Zeiten von Tinder und Co. in erster Linie mit oberflächlichen Begegnungen und schnellem Sex in Verbindung gebracht. Deine Vision ist es, «bewusste und aufgewachte Menschen» zu verbinden, sodass «tiefgründige und authentische Begegnungen, bewusste Partnerschaften» entstehen können. Was verstehst du unter einer «bewussten Partnerschaft»?

Thomas Becherer: Meiner Ansicht nach gibt es fünf Punkte, die eine bewusste Partnerschaft ausmachen. Eine bewusste Partnerschaft fängt bei der Beziehung zu dir selbst an. Es geht um Fragen wie: Akzeptierst du dich so, wie du bist? Lebst du im Einklang mit dir selbst? Bist du ehrlich zu dir? Selbstreflexion, -fürsorge und -liebe spielen bei diesem ersten Punkt eine wichtige Rolle. Die eigenen Themen werden aufgearbeitet, um Klarheit zu schaffen. Welche Traumata trägst du noch mit dir herum? Was triggert dich in Beziehungen, und weshalb? Kennst du deine Verhaltensmuster? Welcher Beziehungstyp bist du? Es geht also darum, die volle Verantwortung für dein eigenes Leben und Wohlbefinden zu übernehmen.
Bei einer Partnerschaft, die aus dem Zustand des Mangels und der Bedürftigkeit entstanden ist, wird die Verantwortung für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse, für das eigene Glück an die Partnerin oder den Partner abgegeben. Damit verbunden sind Projektionen und Erwartungen. Erfüllen sich Letztere nicht, geht das Drama los: Man fühlt sich nicht geliebt, ist enttäuscht und unglücklich. Bist du im Reinen mit dir, kannst du mit ganz anderen Startbedingungen eine Partnerschaft eingehen. Taucht in der Beziehung ein Thema auf, welches in dir etwas auslöst, weisst du, dass es in den meisten Fällen mit dir und nichts mit deinem Partner zu tun hat, denn er ist ja der Spiegel deines Selbst. Natürlich lässt sich so nicht alles rechtfertigen – narzisstisches Verhalten, Missbrauch oder dergleichen sind davon sicher ausgeschlossen.

Kommen wir zum zweiten Punkt.

TB: Aus der eigenen Fülle und Liebe bist du bereit für die Beziehung zu zweit. Du und dein Partner können ein Feld von Geben, Schenken, Wohlwollen und Liebe öffnen.

Brauchen Paare, die eine bewusste Beziehung leben möchten, gemeinsame Ziele?

TB: Ja, gemeinsame Werte, Visionen und Ziele sind sehr wichtig. Was möchtest du mit deinem Partner gemeinsam aufbauen? Vielleicht wollt ihr eine Familie gründen. Aber was passiert, wenn die Kinder ausziehen? Habt ihr eine grosse Vision, die euch zusammenschweisst? Muss diese im Laufe eurer Beziehung angepasst werden? Geht ihr noch in dieselbe Richtung? Ich kenne viele Paare, die eine gemeinsame Vision, ein gemeinsames Projekt haben oder gar zusammen arbeiten. Es ist sehr schön zu sehen, wie das verbindet.

Nun fehlen noch die beiden letzten Punkte.

TB: Beim vierten Punkt geht es darum, die Illusion loszulassen und der Realität ins Auge zu sehen: Projizierst du vielleicht Hoffnungen in den Partner hinein? Oder baust du sogar eine Illusion auf? Um herauszufinden, ob dein eigenes Bild von der Realität abweicht, hilft es, immer mal wieder einen Schritt zurückzutreten – wie sieht das Ganze aus einer neutralen Position aus? Bist du dir bewusst, was der Realität entspricht oder was nur eine Illusion ist, kannst du dies über den fünften Punkt – die Kommunikation – deinem Partner offen und ehrlich mitteilen.

Das heisst, will man eine bewusste Partnerschaft leben, müssen auch unangenehme Wahrheiten aus- und angesprochen werden?

TB: Auf jeden Fall, denn gerade dies schafft Nähe und stärkt die Verbindung. Mit Kommunikationsritualen, etwa einem wöchentlichen Zwiegespräch, kann ein Einblick ins momentane Befinden des Partners gewährt werden. Dies sind die fünf Punkte, die aus meiner Sicht eine bewusste Beziehung ausmachen. Ich sehe darin grosses Potenzial, das Thema Partnerschaft in der aktuellen Zeit zu transformieren.

Deine Onlineplattform sei für Partner- und Freundschaft «fernab des Woke-Wahnsinns und Gender-Terrors», also «jenseits des Mainstreams und der Matrix», heisst es auf der Website von «Conscious:Love». Auf dieser erfährt man auch, dass täglich über 1000 Smileys zwischen Profilen verschickt werden. Seit der Gründung im Jahr 2021 wurden über eine Million Nachrichten versendet. Das klingt dann doch nach digitaler Fast-Food-Kommunikation und somit nach Mainstream …

TB: Die Zahlen sollen verdeutlichen: Hier ist richtig was los! Die Smiley-Funktion haben wir auf vielfachen Wunsch im Spätsommer 2023 eingebaut. Diese zusätzliche Option des Anschreibens macht die erste Kontaktaufnahme einfacher. Wenn etwa eine Nutzerin auf ein Profil stösst, das sie besonders anspricht, kann sie dieser Person ein lachendes Smiley schicken. Lächelt die Person zurück, entsteht ein Match.

Selbstarbeit, innere Heilung und persönliche Weiterentwicklung: Solchen Themen widmet sich dein Podcast, der auf YouTube rund 3000 Abonnenten zählt. Mit deinen Gesprächspartnern unterhältst du dich etwa darüber, wie man Bindungsängste auflösen oder eine bewusste Sexualität leben kann. Bei mittlerweile fast 80 Gesprächen konntest du dir bestimmt viel Wissen aneignen – erzähle von einem Aha-Erlebnis.

TB: Der Podcast ist für mich ein grosses Lernfeld. Ein Aha-Erlebnis hatte ich während des Gesprächs mit «SEOM» [deutscher Rapper im Bereich spiritueller Hip-Hop, Songwriter, Redner und Autor; Anm. d. Red.]. Er erzählte mir unter anderem, wie er seine jetzige Frau kennengelernt hat. Als er ihr zum ersten Mal begegnet sei, habe er eine so starke Anziehung gespürt, dass für ihn klar gewesen sei: Wow, das ist sie! Die Sache hatte jedoch einen Haken: Die Frau war damals bereits in einer anderen Beziehung. Dieser Umstand stellte für «SEOM» aber kein Hindernis dar. Er sagte ihr, wie toll er sie fände, und sollte sie irgendwann nicht mehr in der Beziehung sein, würde er sich freuen, sie kennenlernen zu dürfen. Nach eineinhalb Jahren trat dies schliesslich ein. Auf meine Frage, wie lange er bereit gewesen wäre, auf sie zu warten, antwortete «SEOM», er habe eben gewusst, dass sie die Richtige sei und sie eines Tages wieder frei sein werde. Dass man in einem so tiefen Vertrauen sein kann, hat mich zutiefst beeindruckt.

Wie geht es mit «Conscious:Love» weiter? Welche neuen Ideen möchtest du umsetzen?

TB: Mein Unternehmen trägt bewusst den Namen Conscious Life AG: Die Angebotspalette für bewusste Menschen ist breit gefächert, darin sehe ich viel Potenzial. Auf der Onlineplattform wird es bald einen neuen Bereich geben, die «Conscious:Academy». Ob Seminar, Workshop oder Referat: Wissen und Inspiration stehen hier im Fokus. Ausserdem möchte ich den Bereich Events ausbauen. Noch im ersten Halbjahr 2024 soll es für Nutzerinnen und Nutzer möglich sein, auf der Plattform kleine Events, wie beispielsweise einen Wanderausflug oder einen Grillabend, selber zu erstellen. Grössere Events organisiere ich selbst oder zusammen mit Partnern. Bedingung ist, dass sie thematisch zu «Conscious:Love» passen. Beispiele hierfür wären Themen wie bedrohte Männlichkeit und Weiblichkeit oder energetische Heilarbeit.

Hast du einen Herzenswunsch?

TB: Ich würde gerne ein Buch über das Thema bewusste Partnerschaft schreiben. Von der operativen Arbeit bei der Conscious Life AG möchte ich mich etwas freimachen – im vergangenen Jahr habe ich extrem viel gearbeitet –, damit ich wieder mehr Musse habe, neue Projekte anzustossen. Es ist mir wichtig, Freiräume zu schaffen – nur so kann Neues zu mir finden.

Auf der Website von «Conscious:Love» schreibst du: «Ich selbst hatte immer den Wunsch, eine bewusste und tiefgehende Partnerschaft zu leben (…).» Ist dieser Wunsch schon wahr geworden?

TB: Ja, ich habe mittlerweile eine wunderbare Frau an meiner Seite, und wir bauen eine bewusste Partnerschaft auf. Kennengelernt haben wir uns natürlich – wie könnte es anders sein – über «Conscious:Love».

Im Gegensatz zum Protagonisten des Liedes von Tom Odell möchte Thomas sich auf «Another Love» einlassen. Ein Unternehmer, der nach den Sternen und der Wolke sieben greift. ♦

von Luisa Aeberhard

***

Conscious:Love zählt rund 19´000 aktive Nutzer, die grösstenteils in Deutschland, der Schweiz oder Österreich leben. Aber auch Menschen aus Japan oder den USA sind unter anderem vertreten. Seit der Gründung im Jahr 2021 sind mehr als 150´000 Verbindungen zwischen den Profilen entstanden. Die Plattform ist werbefrei und finanziert sich ausschliesslich durch die kostenpflichtigen Premiumprofile für Datinginteressierte. Die Basisprofile sowie die Profile für die Freundschaftssuche sind dagegen kostenlos.

Die Onlineplattform wird von der Conscious Life AG betrieben, deren Gründer und Inhaber ist Thomas Becherer. Das Unternehmen mit Sitz im Kanton Zug arbeitet mit Partnern wie dem «Schweizerischen Verein WIR», dem Angebot von «Ja zum Leben» und dem Portal staatenlos.ch zusammen.


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Alles ist …

resonare

Wieso, fragt sich der Lateiner, lese ich ausgerechnet diesen Artikel? Aus purem Zufall oder steckt mehr dahinter? Bin ich ein schwingfähiges System, welches auf diese Worte widerhallt, stehe ich in Resonanz zu …? Führt mich mein Lebensweg geradewegs an genau den Ort und die Begebenheit, welche in meinem System ein Mitschwingen erzeugt oder kommt mir das Resonanzgesetz lateinisch vor?

Resonanz

Alles auf dem Lebensweg ist Resonanz. Was sonst ausser dieser? In der letzten Ausgabe kolumnisierte ich, «dass buchstäblich Alles, einschliesslich dem Ausschliesslichen (…) in Resonanz steht zueinander oder eben nicht». Dies scheint mir ein Hinweis zu sein, dass ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach als Stimmgabel inkarniert habe. Voltaire sagte, kurz bevor er den Löffel abgab: «Ich glaube nicht an die Reinkarnation. Ich habe schon in meinem letzten Leben nicht daran geglaubt.» Mich spricht das an. Resonieren Sie auch damit? Dann scheinen Sie wie Voltaire ein aufgeklärter Geist zu sein. Doch wie ist es um den Geist selber bestellt? Was ist er und wer liess ihn aus der Wunderlampe?

Zeichen

Gibt es überhaupt einen Lebensweg? Ich lese die Zeichen, am liebsten die krummen! Ich stelle Fragen. Fragen hören mit einem Fragezeichen auf. Ganz im Gegenteil zu Aussagen, die mit einem Ausrufezeichen geradewegs von oben nach unten verlaufend in einem Punkt münden. Fragezeichen beginnen im Punkt, um sich dann in einer Spirale, die keinen Anfang und kein Ende hat, aufwärts durch die Unendlichkeit zu winden. Ist das zielführend?

Die Bibel belehrt uns. «Wer sucht, der findet.» Ist nicht vielmehr das Gegenteil der Fall? Wenn ich auf meinen Lebensweg zurückblicke, sehe ich eine Bibel im Kopfstand und lese: «Wer findet, der sucht nicht.» Dies scheint mir, was mich angeht, veritabel. Doch wie ist es um den Geist bestellt und gibt es überhaupt einen Lebensweg?

Geist und Erleuchtung

Die Lehre – manche sagen auch – die Leere vom Geist besagt: Der Geist ist unantastbar. Er ist unbewegt und immerwährend. Er hat keinen Anfang und kein Ende. Der reine Geist ist da, weil er niemals weg war. Wenn das so ist, gibt es dann Erleuchtung? Oder ist das nur ein weiterer Traum im Traum? Waren wir jemals wach? Ist Erleuchtung eine Illusion und der Tanz dieser Illusion schenkt uns die Illusion der Erleuchtung?

Theorie und Praxis

Es gibt eine Menge an Theorien. Unsere Welt ist voll davon. Eine Theorie beruft sich auf eine Theorie, die sich wiederum auf Theorien beruft. Illusion baut sich so zusammen. Jede Theorie ist ein Schlag ins Gesicht.

Ich streife den kuscheligen Pyjama des Traums, in dem ich meine Illusionen träumte, ab, sage allen Theorien und deren Experten und Priestern Adieu, wache auf und untersuche den Geist selbst. Was sagt der Geist dazu? Er sagt, dass man sich dabei vor Allem eins, nämlich nicht verbessern kann, denn man ist schon gut.

Spricht Sie das an? Oder nicht? In beiden Fällen hat das nichts mit dem Inhalt zu tun. Auch nichts mit der Form. Es ist … wahrscheinlich Resonanz. ♦

von Oliver Hepp


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Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Fragebogen an Masha Dimitri

Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Abgesehen davon, wenn ich mich für eine Vorstellung schminken muss, schaue ich eigentlich nicht in den Spiegel, und im Vorstellungsfall schaue ich eher aufs Technische. Ich kann mich nicht gut durch mein äusseres Bild definieren, ich würde mich vielleicht nicht mögen, und ich möchte mich doch wirklich gerne haben. Also stelle ich mich in die Welt, wie ich bin und mache mir keine grossen Gedanken, wie ich äusserlich aussehe.

Was glauben Sie, woher Sie kommen?

Von der Liebe.

Ihre erste Kindheitserinnerung?

Diese ist nicht wirklich meine eigene erste Erinnerung, aber meine Grossmutter mütterlicherseits erzählte sie mir, und ich mag sie sehr (die Grossmutter und die Erinnerung): Anscheinend schrie ich einmal wie am Spiess, mit voller Kraft und äusserstem Engagement, und als Sie versuchte herauszufinden, was mit mir los war, sagte ich: Lass mich doch, wenn mir das Spass macht!

Warum sollte man Ihnen zuhören?

Warum, müsste jeder selber wissen, aber ich hoffe, weil ich etwas Schönes zu erzählen hätte.

***

Masha Dimitri ist als Bühnenkünstlerin in verschiedenen Zirkussen und Theatern
aufgetreten. Als Regisseurin hat sie zuletzt die Circus-Monti-Vorstellung 2022 zusammen mit Faustino Blanchut inszeniert.


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3med – Einblick in die integrative Medizin

Klassische Medizin oder Komplementärmedizin? 3med bietet das Beste aus beiden Welten und lädt Sie herzlich ein zur Eröffnung des neuen Gesundheitscenters in Liebefeld bei Bern! Vom 21. bis 23. Juni geben wir Ihnen Einblicke in die integrative Medizin mit ihren innovativen Technologien und Methoden. In diesen drei Tagen erwarten Sie spannende Vorträge und eine Podiumsdiskussion mit renommierten Gesundheitsexperten. Dazwischen können Sie das neue 3med-Center Liebefeld auf unseren Führungen oder auf eigene Faust erkunden.

Eines unserer Kernthemen: Anti-Aging – ein Begriff, in dem der alte Menschheitstraum von der Unsterblichkeit fortlebt. Ein wichtiges Gesundheitsthema einerseits und ein Tummelplatz für Werbung andererseits. Dr. Rüdiger Schmitt-Homm, Dozent für Präventivmedizin an der medizinischen Fakultät der Uni Dresden hat hierzu ein umfassendes Werk vorgelegt. Er wird uns am 22. und 23. Juni dazu Red und Antwort stehen. Prävention ist das Hauptanliegen des Autors: «Es muss viel mehr Mühe darauf verwendet werden, Krankheiten zu verhindern und so die leistungsfähige Lebensphase zu verlängern.» Besondere Beachtung findet das Hormonsystem, das wir mit verschiedenen Möglichkeiten vor den Folgen der Alterungsumstellung schützen können.

Jo Marty, ein international anerkannter Autor, Referent und Experte im Bereich der Komplementärmedizin, Biochemie und Gemmotherapie wird uns am 23.6. in die Welt der Vitalpilze einführen. Heilpilze haben ein grosses medizinisches Potenzial, sie können die Körpersysteme auf verschiedenen Ebenen unterstützen. Jo Marty wird in seinem Vortrag über die Anwendungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit Hormonen, Krebs, Blutdruck, Gefässen und Immunsystem Auskunft geben.

Im 3med-Center Liebefeld können Sie diese zwei Grössen aus der Welt der Medizin persönlich erleben! Weitere Themen, über die Sie an unserer Eröffnung viel Wissenswertes erfahren können: Stoffwechsel, Wechseljahre, Männerhormone, Orthomolekularmedizin sowie Zellerneuerung mit IHHT (Hypo-Hyperoxie-Intervall-Training).

Im Rahmen der Eröffnung versenden wir Gutscheine zur Biophotonik-Analyse. Kontaktieren Sie uns gerne und besuchen Sie uns vom 21. bis 23. Juni 2024 im 3med-Center in Bern Liebefeld!

zum Programm

von 3med


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Mein Halbtax auf Papier

Kann man auch als Abo-Besitzer ohne Datenspur im öffentlichen Verkehr unterwegs sein? Ein Selbstversuch.

«Alle Billette vorweisen bitte!» Das Herz rutscht mir in die Hose. Jetzt ist es also soweit. Ich krame nervös in meiner Tasche herum und ziehe ein gefaltetes A4-Blatt heraus. Wird es wohl glatt gehen? Wird die Zugbegleiterin mein Halbtax-Abo akzeptieren? Ich habe es selbst gebastelt: eine Kaufbestätigung meines Abos mit aufgeklebtem Konterfei und meiner Unterschrift. Letztere liess ich unkompliziert auf der Gemeinde beglaubigen. Heute zeige ich «mein» Halbtax zum ersten Mal.

Wer wohl alles über meine Reisen Bescheid weiss?

Das Dokument entsprang meinem Bestreben, auch als Abo-Besitzer ohne den SwissPass im öffentlichen Verkehr unterwegs sein zu können. Die rote Karte kam mir zunehmend verdächtig vor, nachdem ich in der Zeitung über eine Datenpanne beim SwissPass gelesen hatte. Eine halbe Million Kundendaten sollen online einsehbar gewesen sein. Wer wohl sonst noch alles über meine Reisen Bescheid weiss? Die SBB schätze ich als eines jener Unternehmen ein, die auf eine digitale Zukunft drängen. Und der SwissPass ist Ausdruck davon.

Ich fragte die SBB um ein Halbtax auf Papier an. «Das Abo gibt es nur noch mit SwissPass», lautete die Antwort. (Was nicht ganz stimmt: SBB-Mitarbeiter können heute noch mit der alten dunkelblauen Abo-Karte unterwegs sein. Diese ist zwar ebenfalls nicht aus Papier, aber enthält keinen Speicherchip.) Deshalb mein Kniff mit der Kaufbestätigung. Diese schickte mir die SBB innert weniger Tage zu.

Daten reichen bis in die 1990er-Jahre zurück

Doch was speichert das grösste Schweizer ÖV-Unternehmen eigentlich? Die Datenabfrage bei der SBB zeigt, dass Bewegungsdaten über längere Zeit gesammelt werden. Jedes online gelöste Ticket der letzten fünf Jahre ist gespeichert. Die Abo-Daten reichen bis in die 1990er-Jahre zurück. Meiner Aufforderung folgend, sicherte mir die SBB die Löschung dieser Daten zu. Alle Angaben natürlich ohne Gewähr, da ich weder die Datenabfrage noch die Löschung überprüfen kann. Weiter wollte ich wissen, was der Zugbegleiter bei der Ticketkontrolle alles auf seinem Gerät speichert oder weitergibt. Gemäss Auskunft der SBB werden die Daten nicht weiterverwendet – ausser man zeigt sein Billett mit dem Handy. Hier müsse sichergestellt werden, dass die Tickets nicht an andere Reisende weitergereicht werden – etwa als PDF-Datei. Also wird der Reiseweg registriert.

Mit Bargeld und ohne Abo

Das nicht ganz überraschende Fazit: Die SBB besitzen mehr Daten über unsere Bewegungen mit dem öffentlichen Verkehr, als sie tatsächlich brauchen. Je digitaler wir unterwegs sind, desto transparenter werden unsere Reisen. Wer nur mit der SBB-App reist, ist ein offenes Buch. Für einen Überwacher werden diese Daten interessant, wenn er sie zum Beispiel mit Daten über den Gesundheitszustand oder die politische Überzeugung kombiniert. Wer sein Ticket mit Bargeld am Automaten löst – gemäss SBB ist dies mindestens noch bis ins Jahr 2035 möglich – und ohne Abo unterwegs ist, hinterlässt hingegen kaum eine Datenspur.

Ach ja, das Abo! Mittlerweile ist die Zugbegleiterin bis zu mir vorgedrungen. Ich strecke ihr mein Halbtax-Abo auf Papier hin, möglichst gelangweilt natürlich. Sie greift danach und schaut es sich an. Bange Sekunden vergehen. Sie reicht es zurück und … wünscht mir weiterhin eine gute Fahrt! Als sie weg ist, wandert ein Lächeln in mein Gesicht und mein Herz nimmt wieder seinen gewohnten Platz ein. ♦

von Lorenzo Vasella

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Lorenzo Vasella ist ehemaliger Journalist und arbeitet heute als Gemeindeverwalter. Er war unter den ersten seines Jahrgangs, die ihre Klassenarbeiten digital verfassten. Heute schreibt er seine Briefe gerne wieder von Hand.


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