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Autor: Wolfgang Weigand

Fülle des Lebens

Ich lese barfuss
die Kieselsteine am Meer
in Blindenschrift,
höre im Schweigen
die Herztöne des Universums,
suche in deinen Briefen
letzte Spuren von Vertrauen
zwischen den Zeilen.
Ich bin Kind geblieben
der Phantasie noch nicht gestorben.
Ich bin
noch immer.

Ja, noch immer sein, der Phantasie nicht gestorben, liebend gerne sein, im Einklang mit sich selber und mit der Umgebung! Das ist gar nicht so einfach in diesen Zeiten, in denen vieles erodiert und brüchig wird, was uns zuvor im Leben gehalten hatte: der Glaube an die Kraft des Friedens, an die Vernunft der Politiker, an die Menschenfreundlichkeit demokratischer Prozesse, an die Macht des offenen Dialogs, an der Wertschätzung für verschiedene Meinungen. Irgendwo zwischen geschwärzten RKI-Files und gnadenlosen Waffenexporten, (fast) ohnmächtigen Versuchen, die Corona-Massnahmenpolitik aufzuarbeiten und der Sehnsucht nach Heilung der gesellschaftlichen Entsolidarisierungen, zwischen Nahostkonflikt und Aufspaltungstendenzen vor der eigenen Haustüre, irren Menschen umher auf der Suche nach neuen Leitplanken und Ankerpunkten für ihr Leben, das aus den Fugen geraten scheint.

«Koyaanisqatsi» sagt ein indianisches Wort für «die Erde ist aus dem Gleichgewicht». Wahrscheinlich gibt es kein entsprechendes Wort für den Verfall demokratischer Werte. Cancel Culture, Delegitimierung anderer Positionen beziehungsweise Ausgrenzung im Diskurs bis hin zu verbalen Entgleisungen (Covidioten, Friedensschwurbler, Impfverweigerer, Putinversteher und vieles mehr) scheinen tatsächlich die Oberhand zu gewinnen, zumal sie die geballte Macht des Mainstreams in Medien und Politik hinter sich wissen. Wie gelingt es da, sein Gleichgewicht zu behalten, der Intuition des Herzens zu folgen oder authentisch zu bleiben und sich nicht zu verbiegen?

Im Gleichnis des Guten Hirten (dem zu folgen sich lohnt, weil er nicht entzweit, blossstellt, manipuliert oder unterdrückt) spricht Jesus: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben (Joh. 10). Die Schafe kennen ihren Hirten, es geht um Vertrautheit, Heimatgefühl, vielleicht sogar um Würde: Jedes einzelne Schaf zählt, für jedes würde der Hirte durchs Feuer gehen.

Die Fülle des Lebens – da fallen mir viele Begriffe ein. Glück, Sinn, Freude, Vitalität, Inspiration, Geborgenheit, Begegnung, Umarmungen, Nähe, Freundschaft, Wertschätzung, Fest, Kreativität, Weite, Horizonterweiterungen, Bewusstwerdung, wertvolle Augenblicke (der Clown in Heinrich Bölls «Ansichten eines Clowns» sagt: «Ich bin ein Clown, ich sammle Augenblicke»). Ja, zur Fülle gehören Humor, Lachen und Weinen. Das Leben in Fülle dürfen wir uns wieder zurückerobern in einer Welt, die etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das Leben in Fülle bringt die unruhige Kompassuhr wieder langsam in die richtige Richtung. Und dafür ist manchmal ein konstruktiver Trotz sehr hilfreich … Jetzt ist die Zeit, die Herzenstüre zu öffnen, um dem Leben in Fülle wieder Einlass zu gewähren. Jetzt ist die Zeit, nicht mehr zu warten (auf Godot, aufs Schicksal, auf bessere Zeiten, worauf auch immer). Jetzt ist die Zeit, damit wir sie vergessen und nur noch Augenblick sind. Und selbst wenn das nicht immer gelingt: «Es gibt auch ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.» Das wusste bereits Dietrich Bonhoeffer.

von Wolfgang Weigand

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Wolfgang Weigand ist freischaffender Theologe, Autor und Kabarettist. Das Gedicht erschien zuerst in seinem Gedichtband «Unentwegt», Königshausen & Neumann, 2022.


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