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Wollt ihr die totale Vernichtung?  

Die Atombombe in ihrer Konsequenz 

«Nie wieder» ist längst passé. Das sollte mittlerweile allen klar sein. 

Deutschland rüstet auf und Israel plant Lager für 600’000 Palästinenser. Wer gestern noch für einen Friedensnobelpreis gefeiert wurde, gilt heute als rechts. Und was vor 20 Jahren noch auf einer Briefmarke stand, scheint längst überholt. So auch das Zitat des Philosophen Hans Jonas, das zu seinem 100. Geburtstag posthum eine Sondermarke der Deutschen Post veredelte: «Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.» 

Diesen an Kant angelehnten Imperativ formulierte Jonas in seinem Hauptwerk «Das Prinzip Verantwortung» als Antwort auf die ethische Lücke der Moderne. Mit seinen modernen Technologien habe der Mensch eine Schwelle übertreten, durch die er die «Unversehrtheit» der Welt und sich selbst akut gefährdet. Diese neue Macht verlangte für Jonas nach einer «neuen Verantwortung». Er nannte drei Risikobereiche für die zukünftige Existenz des Menschen: die drohende Zerstörung der Biosphäre durch Ausbeutung und Umweltverschmutzung, den möglichen Kontrollverlust in der Anwendung der Gentechnologie und das Vernichtungspotenzial durch Nukleartechnologie und Atomwaffen. Gegenwärtig werden alle drei bespielt: Während die ökologische Krise zuletzt von Fridays For Future in ihrer Reduktion auf den CO2-Ausstoss reicher westlicher Länder zum Erzeugen eines schlechten Zukunftsgewissens missbraucht wurde und die letzten fünf Jahre gezeigt haben, dass selbst die Tatsache, genmanipuliert zu werden, nur die wenigsten interessiert, nagt die atomare Bedrohung am ohnehin brüchigen Fundament unserer Zeit. 

Der Boden, auf dem sich dies alles abspielt? Angst. Europa fürchtet Russland, Russland die NATO, die NATO den Iran, der Iran Israel. Und obwohl – oder gerade weil – niemand weiss, wen eigentlich Israel fürchtet, kann diese Kette der Angst direkt in die Katastrophe führen. Denn auch wenn Jonas «Furcht» als fruchtbaren Boden für Erkenntnis sah, wird auf der Weltbühne heute abermals Wettrüsten gespielt. Nicht aus Notwendigkeit oder Nachfrage, sondern Unausweichlichkeit. Auf die bereits den Kalten Krieg anheizende Überzeugung, dass atomare Abschreckung schütze, antwortete der Physiker und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker 1957: «Die grossen Bomben erfüllen ihren Zweck, den Frieden und die Freiheit zu schützen, nur, wenn sie nie fallen. Sie erfüllen diesen Zweck auch nicht, wenn jedermann weiss, dass sie nie fallen werden. Eben deshalb besteht die Gefahr, dass sie eines Tages wirklich fallen werden.» 

Worin also besteht die eigentliche «Gefahr»? Darin, dass die Bombe fällt – oder darin, dass sie fallen könnte? Wer will so leben? Seit Menschheitsgedenken bekämpfen wir Angst mit Angst. Und sind wider Hans Jonas’ Überzeugung keinen Schritt weiter. Wenn Aufrüstung also Angst schürt statt abzubauen – läge die eigentliche Befreiung dann nicht in der Erkenntnis, mit Waffen nicht den Frieden, sondern nur den eigenen inneren Krieg zu nähren? In ihr zumindest sah der Philosoph Karl Jaspers den «heilsamen» Aspekt von Angst: Vor der Drohung totaler Vernichtung seien wir zur Besinnung auf den Sinn unseres Daseins zurückgewiesen. Wobei nicht Lethargie und Panik, sondern Verantwortung und Bewusstsein uns erstmals erkennen liessen, dass die «Befreiung vom Atomtod» nicht gelänge, «wenn der Mensch im Übrigen mit sich alles beim Alten bleiben lässt». 

Ein Frieden also, der sich nicht auf Angst begründet, sondern aus der Abkehr vom ewigen Fingerzeig aufs Aussen, hin zur Eigenverantwortung – als Machtübernahme über keinen anderen als sich selbst? Das wäre ein «Knall», den ich gerne miterleben würde.


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