Das Geheimnis der Geheimnisse
Der Thrillerautor Dan Brown wurde überraschend innerhalb von wenigen Jahren zum Auflagenmillionär und dies, obwohl er bis dahin im öffentlichen Leben und in der Literaturszene kaum in Erscheinung getreten war. Mit «The Secret of Secrets» ist sein sechster Band der «Robert-Langdon»-Reihe in 57 Sprachen erschienen. In den bisherigen Romanen bekam es der Symbolforscher und Harvard-Professor Langdon mit Geheimbünden, kirchlichen Organisationen und verdeckten Eliten zu tun und brachte ihre Machenschaften ans Licht.
Die Romane «The Da Vinci Code», «Illuminati» und «Inferno» wurden zu Hollywood-Blockbustern. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Browns neuestes Werk.
«The Secret of Secrets» beginnt mit einem romantischen Wochenende in Prag, zu dem Langdon von Kathrine Solomon eingeladen wurde. Kathrine, die seit Jahrzehnten über non-lokales Bewusstsein forscht, ist soeben ein bahnbrechender Erfolg auf diesem Gebiet gelungen, den sie in ihrem neuesten Buch enthüllt. Doch nachdem sie in der Prager Burg einen Vortrag darüber hält, verschwindet sie – und mit ihr die Manuskripte und sämtliche Kopien ihres neuen Buchs. Langdon macht sich auf die Suche nach Solomon und den verschwundenen Manuskripten.
Wer Brown kennt und liebt, darf sich auch diesmal auf historische Rätsel, rasante Action und eine dichte Erzählweise freuen. Die Handlung verwebt wirkungsvoll geheime Texte und mächtige Institutionen zu einem internationalen Katz-und-Maus-Spiel. Dank der Fülle an historischen und wissenschaftlichen Details ist der Roman lehrreich wie ein Sachbuch, verbunden mit dem äusserst spannenden und gut konstruierten Aufbau eines Thrillers.
Brown verknüpft reale Quellen, alte Manuskripte, verschollene Kodizes und ikonische Kunstwerke zu einem Geflecht von Hinweisen. Bibliotheken, Klöster, Museen und alte unterirdische Anlagen werden detailreich beschrieben und bilden eine authentische Kulisse. Brown wagt es sogar, eine aus kabbalistischen Praktiken entstandene Figur einzuflechten: den Golem.
Professor Langdon ist geprägt von einem materialistischen Weltbild. Nun wird er jedoch durch seine Angebetete mit wissenschaftlichen Berichten und Experimenten über Präkognition, ausserkörperliche Erfahrungen, paranormale Phänomene und Nahtoderlebnisse konfrontiert. Als er mit unheimlichen Zufällen, ominösen Forschungseinrichtungen und machtvollen Strukturen konfrontiert wird, machen diese plötzlich Sinn. Langdon beginnt, sein wissenschaftlich-materialistisches Weltbild zu überdenken und kommt dem verschwundenen Manuskript näher.
Unglaublich, aber wahr
Im Vorwort zum Buch verweist Brown darauf, dass alle Zeichnungen, Artefakte, Symbole und Dokumente im Roman der Realität entsprechen. Alle Experimente, Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden der Wirklichkeit entnommen und alle erwähnten Organisationen existieren. Selbst für jemanden, der schon viel über paranormale Phänomene gelesen hat, eröffnet Brown hier nochmals eine ganz neue Welt. Einige Themen, vor allem solche, die mir unglaublich erschienen, habe ich nachrecherchiert:
• «Titan»: Der amerikanische Schriftsteller Morgan Robertson veröffentlichte 1898 den Roman «Titan; eine Liebesgeschichte auf hoher See». Sein Roman basierte auf einem sehr lebhaften Albtraum, den er hatte. Er beschreibt die Jungfernfahrt eines neuen und als unsinkbar geltenden Ozeandampfers namens Titan, der auf seiner ersten Fahrt über den Atlantik mit einem Eisberg kollidiert und sinkt. Das Buch erschien 14 Jahre vor der Titanic-Katastrophe und beschreibt den Aufbau des Schiffes, seinen Kurs und seinen Untergang so detailliert, dass es sich kaum um reinen Zufall handeln kann.
• Präkognition: Das folgende Experiment wurde an Instituten für Bewusstseinsforschung weltweit mehrfach reproduziert. Ein Proband wird an ein Elektro-Enzephalogramm (EEG) angeschlossen. Ihm werden in zufälliger Reihenfolge Bilder folgender Kategorien gezeigt; entsetzliche Gewalt, gelassene Ruhe und explizite Sexdarstellungen. Da jeder Bildtyp eine andere Hirnregion stimuliert, kann in Echtzeit beobachtet werden, wie das Bewusstsein die Bilder registriert. Bei genauem Hineinzoomen in die Zeitachse konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass das EEG bereits ausschlug, bevor das Bild gezeigt wurde. Das allein wäre schon bemerkenswert. Doch wie weiter festgestellt werden konnte, schlug das EEG bereits aus, bevor der Zufallsgenerator sich für ein neues Bild entschieden hatte. Hat hier Geist die Materie beeinflusst?
• Teufelsbibel: Der «Codex Gigas» ist eines der grössten handschriftlich verfassten Bücher der Welt. Es ist 92 Zentimeter hoch, 50 Zentimeter breit, 22 Zentimeter dick und wiegt 75 Kilogramm. Es soll im frühen 13. Jahrhundert in einem Benediktinerkloster in Böhmen geschrieben worden sein. Der Legende nach hatte ein Mönch gegen die Klosterregeln verstossen und sollte zur Strafe lebendig eingemauert werden. Um der harten Strafe zu entgehen, versprach der Mönch, dass er zu Ehren des Klosters in einer einzigen Nacht ein Buch schreibe, das das gesamte menschliche Wissen enthält. Der Mönch soll seine Seele dem Teufel verkauft haben, der das Buch für ihn geschrieben hat. Die Teufelsbibel wurde von zahlreichen Fachleuten und Grafologen untersucht. Diese stellten zweifelsfrei fest, dass das gesamte Buch von einem einzigen Menschen verfasst wurde. Das Schriftbild ist von Anfang bis Ende absolut identisch und weist weder auf Entwicklungs- noch auf Ermüdungserscheinungen hin. Ein einzelner Mensch würde Jahrzehnte benötigen, um so ein Buch zu verfassen und dass dabei das Schriftbild identisch bleibt, ist unwahrscheinlich.
Wieso wird Browns Roman verrissen?
«The Secret of Secrets» beginnt mit dem Zitat von Nikola Tesla: «Sobald die Wissenschaft beginnt, nicht-physische Phänomene zu erforschen, wird sie binnen eines Jahrzehnts grössere Fortschritte machen als in allen vorangegangenen Jahrhunderten zusammen.» Das gibt den entscheidenden Hinweis, worum es in diesem Werk geht: Es ist die Überwindung des materialistischen Paradigmas. Darf das sein?
Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass sämtliche Rezensionen im Mainstream schlecht ausfallen und das neuste Buch von Brown unisono zerrissen wird. Das SRF schreibt zum Beispiel: «Ein aufregender Plot, der jeden Verschwörungstheoretiker ganz hibbelig machen muss.» Die bisherigen Bücher der «Robert-Langdon»- Reihe wurden meist bejubelt. Was ist diesmal anders? Solange Langdon die Machenschaften von Geheimbünden, der katholischen Kirche und verborgenen Eliten aufdeckt, wird er gefeiert. In «The Secret of Secrets» hinterfragt er das wissenschaftlich-materialistische Weltbild, und die mediale Verteidigungsmaschinerie läuft auf Hochtouren.
Und genau hier liegt ein bemerkenswerter Aspekt: Ist heute die Wissenschaft die heilige Kuh, die – wie früher die Kirchen – nicht hinterfragt werden darf? Schliesslich ist die reduktionistische, materialistische und atheistische Wissenschaft längst zum Dogma unserer Zeit geworden. Eine Wissenschaft, die Paradigmen verteidigt, statt Wissen zu schaffen.
Die Welt schreibt in ihrer Buchkritik, dass Noetik, also Forschung über parapsychologische Phänomene keine Wissenschaft sei. In Wahrheit wird solche Forschung schon lange betrieben. Wie zum Beispiel im 1973 gegründeten Institute of Noetic Sciences (IONS) in Kalifornien oder im 1979 gegründete Princeton Engineering Anomalies Research (PEAR) in New Jersey. Das PEAR in Princeton wurde zwar 2007 offiziell geschlossen, die Forschungen gingen aber über ins Global Consciousness Project.
Dieses Forschungsgebiet ist natürlich auch für Geheimdienste und Militär interessant. Project Stargate etwa war ein geheimes US-Programm, das 1978 ins Leben gerufen wurde. Es ging darum, paranormale Phänomene zu erforschen und für Militär und Geheimdienste nutzbar zu machen. Das Programm wurde 1995 offiziell beendet. Im Schlussbericht hiess es: «Auch wenn im Labor ein statistisch signifikanter Effekt beobachtet wurde, blieb unklar, ob die Existenz eines paranormalen Phänomens nachgewiesen wurde.» 2009 wurde das Projekt im Hollywood-Film «Männer, die auf Ziegen starren» der Lächerlichkeit preisgegeben. Doch wurden diese Forschungen wirklich beendet oder nur vor der Öffentlichkeit verborgen?
Dan Brown spricht in seinem Roman wiederholt von einem Paradigmenwechsel, vom materialistischen atheistischen Weltbild hin zu einer ganzheitlichen spirituellen Sichtweise: «Der Tod ist nicht das Ende.» Die Wissenschaft entdeckt immer mehr Hinweise, dass es jenseits der materiellen Welt tatsächlich mehr gibt. Das ist die Botschaft – ist das etwa das Geheimnis aller Geheimnisse? Welche Auswirkungen wird dessen Enthüllung auf die Zukunft der Menschen haben?
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Dan Brown: «The Secret of Secrets», 2025, 800 Seiten, Bastei Lübbe.
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