Disziplin ist Freiheit
Disziplin ist Freiheit. Wenn man sehr jung ist, glaubt man das vielleicht nicht. Man denkt, dass Chaos und Exzess Ausdruck von Freiheit sind.
Mit der Zeit lernt man, dass man von äusseren Zwängen freier wird, je mehr man sich selber diszipliniert.
Das klingt nicht poetisch. Nicht mal sexy. Aber nicht jede Wahrheit ist auf Anhieb attraktiv.
Ich musste das zum Glück nicht teuer lernen.
Aus einem Grund, den ich bis heute nicht kenne, habe ich noch nie eine Zigarette geraucht, ein Bier oder ein Glas Wein getrunken. Chemikalisch betrachtet habe ich bis zu meinem 50. Geburtstag ein erschreckend langweiliges Leben gelebt. (Von meinen grandiosen LSD-Reisen ab 50 reden wir vielleicht ein andermal.)
Mein ganzes Leben lang habe ich gesehen, wie Leute alle denkbaren Substanzen getrunken, geschluckt und sich gespritzt haben. Ich stand als faszinierter Beobachter daneben. Warum es mich selber nie gereizt hat, verstehe ich bis heute nicht.
Vielleicht hat es mit meinem lebenslangen Freiheitsdurst zu tun.
Ich erinnere mich an meine erste Brille mit 15. Die hat mich nicht nur genervt, weil ich objektiv plötzlich total scheisse aussah – schlimmes Design! –, sondern auch, weil ich plötzlich von etwas abhängig war: Dieses Teil musste ich immer dabei haben. Ich musste ihr Sorge tragen, sie reinigen, sie nicht verlegen.
Ich habe es gehasst.
Später wurden daraus Monatslinsen mit Behälter und Reinigungsf lüssigkeit. Heute sind es Tageslinsen, und die liegen überall rum: In Jacken, Sporttaschen, im Auto. So dass ich immer welche dabei habe, ohne dass ich wirklich an sie denken muss. Das ist organisierte Disziplinlosigkeit.
Das ist eine Metapher für mein ganzes Leben: Ich bin so organisiert, dass ich maximal wenig Disziplin haben muss.
Wenn ich nicht rauche, fehlt mir keine Zigarette.
Wenn ich nicht trinke, kann ich immer sicher nach Hause fahren. Oder in die Fremde.
Wenn mein Kalender leer ist, kann ich keinen Termin verpassen.
Kinder, die man nicht hat, muss man nicht betreuen.
Geld, das man nicht ausgibt, muss man nicht verdienen. Das gibt das, was der Amerikaner slack nennt. Spielraum. Je mehr Disziplin, desto mehr Raum fürs Spiel.
Meine Disziplin erlaubt mir maximale Disziplinlosigkeit. Ich führe ein ziemlich maximal freies Leben. Wie eingangs gesagt: Disziplin ist Freiheit.
Aber Freiheit ist nicht alles.
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Daniel Stricker ist Journalist und Satiriker. Auf seinem Videokanal stricker.tv kommentiert er das politische Zeitgeschehen und führt Interviews. Sein Zeitdokument «Das Buch der Schande» über den Corona-Wahn in der Schweiz wurde über 10’000 Mal verkauft.
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