Zum Hauptinhalt springen

Wir wollen nur deine Seele

«Wir wollen nur Deine Seele», stand auf dem Cover, Schwarz der Hintergrund, illustriert mit der Silhouette eines Rockstars, knallgelb und doch düster. Der Untertitel versprach Aufklärung über die «Rockszene und Okkultismus».

Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich das Buch erhielt. Warum, verstehe ich bis heute nicht genau. Zwar waren wir damals Mitglied in einer frei-evangelischen Kirche und ich ging wöchentlich zur Sonntagsschule, aber ich hatte damals keinerlei Interesse an Rockmusik. In meinem Walkman liefen noch Kassetten mit den Abenteuern von «TKKG» und den «Drei Fragezeichen». Die Idee war wohl, mich für das Buch zu begeistern, damit ich später als Teenager um Rockmusik einen grossen Bogen mache.

Der erste Teil dieser Absicht ging auf. Noch heute erinnere ich mich an die im Buch abgebildeten Cover der satanischen Werke. Ein gehörnter Teufel, der kraftvoll mit dem Säbel zuschlägt («Expect No Mercy» von «Nazareth»). Ein Priester, der vom Leibhaftigen persönlich in einen See geworfen wird («Holy Diver» von «Dio»). Rockstars, die mit Teufelshörnern in die Kamera grinsen («Highway to Hell» von «AC/DC»). Ich erfuhr von vordergründig harmlosen Liedern, die erst rückwärts abgespielt ihre teuflischen Botschaften offenbaren. «Hotel California» kannte ich damals noch gar nicht, und im Booklet des gleichnamigen «Eagles»-Albums hätte ich Anton LaVey, Gründer der «Church of Satan», nicht erkannt, da ich von dieser Institution an der California Street nie zuvor gehört hatte. Ja, nicht einmal die «Beatles» kannte ich und erfuhr staunend, dass ein gewisser John Lennon seine Seele dem Teufel verkauft hatte (und deshalb umgebracht wurde – Luzifer forderte seinen Tribut!). Und dass aus rückwärts abgespielten Songs offenbar ganz deutlich hervorging, dass Bandmitglied Paul McCartney längst verstorben und begraben war, war wohl mein erster Kontakt mit dem Feld der Verschwörungstheorien.

Andere Bands liessen hingegen wenig Interpretationsspielraum. Meine christliche Seele erschrak über «The Number of the Beast» der britischen Heavy Metal-Band «Iron Maiden». Doch zum Schrecken gesellte sich ein anderes Gefühl, und bald hatte ich das schmale Büchlein völlig zerlesen und wusste alles über die im Untertitel versprochenen «Daten, Fakten und Hintergründe». Dies obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Song dieser schrecklichen – und faszinierenden – Bands gehört hatte. Das sollte sich bald ändern.

Weil das Schicksal die Ironie liebt, fand die Rockmusik über ein Kirchenmitglied zu mir. Ein paar Jahre älter als ich und schon etwas rebellischer, drückte er mir die Kopie einer Kassette der «Böhsen Onkelz» in die Hand. Die Band wird im Büchlein über die Seelenräuber nicht aufgeführt. Sie sind nicht satanisch. Keine Teufelsanbeter. Okkultismus ist nicht ihr Ding, die Onkelz gehen direkt zur Sache – zu Themen vor allem der männlichen Jugend: Schlägereien. Drogen. Alkohol. Freunde. Kraft. Verzweiflung. Stärke. Dazu Gitarrenriffs, die sich anfühlen, als würde man mit blossen Händen im Dreck wühlen. Ein Drummer, der mehr wütet als spielt und den Sänger vor sich hertreibt, der mit knarrender, tiefer, wütender Stimme aufbegehrt, sich wehrt, den ganzen Scheiss nicht länger hinnimmt. Die Rockmusik war bei mir zu Hause angekommen. Und ich bei ihr. 

Zur Sonntagsschule ging ich mittlerweile nicht mehr. Alles in mir rebellierte gegen das Etablierte. Die biblischen Geschichten mussten kopierten Kassetten weichen und vereinzelten Original-CDs, in die ich all mein Taschengeld investierte. In meinem Jugendzimmer waren sämtliche Bands vertreten, vor denen mich das kleine Büchlein einige Jahre zuvor gewarnt hatte. Aus Rebellion? Aber sicher! Und doch war da mehr als das – mittlerweile war ich unverhohlen fasziniert vom Bösen, pilgerte fast jedes Wochenende in die Konzertfabrik Z7 in Pratteln. Kaum volljährig, bezog ich meine eigene Wohnung, kleidete mich ganz in Schwarz und tätowierte mir die Symbole der Szene unter die Haut. Doch eigentlich war mir immer klar, dass kaum jemand das ganze Teufelszeug ernst nahm. Nicht die Fans und erst recht nicht die Bands. Natürlich trugen alle ausschliesslich Schwarz, natürlich versuchten wir alle ein bisschen grimmig zu blicken, natürlich versuchten sich alle gegenseitig mit krassen Tattoos zu übertreffen. Auch die Musik wurde immer extremer. Heavy Metal war jetzt für Kinder. Wir hörten Death Metal, Thrash und Black Metal. Die Bands hiessen «Dark Funeral», «Cannibal Corpse» und «Slayer». Dass all dies vor allem der Provokation dient – zunehmend offensichtlich. Nur eine kleine Subkultur der Black Metal-Szene in Norwegen machte den Fehler, die Parodie ernst zu nehmen: Während der 1990er-Jahre kam es dort zu satanistisch motivierten Morden, Suiziden und Kirchenbrandstiftungen. 

Die anderen Metal-Subkulturen stehen den norwegischen Eskalationen verständnislos gegenüber. Metal- Konzerte sind die friedlichsten Ereignisse, die man sich vorstellen kann. Zwar wird beim «Tanz» an Metal-Konzerten Gewalt zelebriert. Doch geschieht dies in stilisierter und weitgehend kontrollierter Form. Kaum je verletzt sich jemand in einer «Wall of Death», und wenn im «Moshpit» jemand stürzt – was oft vorkommt –, greifen sofort helfende Hände unter die Arme. In den Songs geht es um Genozid, den Holocaust, Mord, Folter, den puren Horror, aber eine Schlägerei habe ich in all den Jahren an keinem einzigen Konzert erlebt, auch nicht aus der Distanz. 

Es ist selten geworden, aber ein paar Mal im Jahr ziehe ich mir noch ein Bandshirt über, die Lederjacke dazu, und gehe unter in ähnlich Uniformierten, die alle so tun, als wären sie ganz böse. Aus weiseren Büchern als jenem, das meinem christlichen Ich vor 30 Jahren in die Hand gedrückt wurde, habe ich vom Schatten gelernt, den wir alle haben. Der Umgang mit ihm prägt unser Leben entscheidend. Denn wenn wir unsere Wut, Destruktivität und Sterblichkeit verdrängen, neigen wir dazu, diese dunklen Anteile auf andere zu projizieren, was fürchterliche Folgen haben kann, wie die Weltpolitik immer wieder lehrt. Dass auch die Identifikation mit dem Schatten gefährlich ist, wissen wir dank der Satanisten der norwegischen Black Metal-Szene. Und was dem geheimen Ausleben unseres Schattens Grässliches folgt, lässt sich auf Millionen von Seiten in den Epstein-Files nachlesen. 

Ich glaube, die Menschen an den Metal-Konzerten sind deshalb so friedlich, weil sie ihrem Schatten Raum geben, ohne sich mit ihm zu identifizieren. Sie umarmen ihn, tanzen mit ihm, feiern mit ihm und auf diese Weise werden sie ganz. Carl Gustav Jung nennt diesen Prozess Individuation. Hell yeah! 

***

Michael Bubendorf ist freier Autor.
Er versteht die persönliche Entwicklung und das Erreichen der Freiheit als lebenslange Aufgabe. Das Schreiben dient ihm dabei als Werkzeug. 
subkon.ch


Hat dir der Artikel gefallen? Dann bestelle jetzt ein Abo in unserem Shop!

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden