
Kollision in der Einsamkeit
Mit seiner dunkelgrünen, pelzigen Jacke und den pelzigen Haaren sieht er aus wie ein Tier, das im Wald lebt und nicht entdeckt werden möchte. Er kauert in seinem Stuhl, die Arme verschränkt, als würde er frieren. Um ihn herum lauern die Menschen. Sie wollen etwas von ihm. Sie machen ihn verantwortlich für das, was er getan hat. Doch weiss er, was Verantwortung heisst?
Hinter ihm, nur wenige Plätze von ihm entfernt, nur wenige Jahre älter als er, sitzt Corinna. Um den Hals hat sie sich einen Schal geschlungen, obwohl es im Gerichtssaal von Laufenburg angenehm warm ist. Corinna hält sich kerzengerade – der Rücken tut ihr beim Sitzen immer noch weh. Dauernd versucht sie, die Schmerzen zu ignorieren, doch sie lassen nicht ab von ihr. Heute wollen sie nicht vergessen sein.
Unverwandt schaut die junge, verwundete Frau in die Richtung des Angeklagten. Sie kann ihren Blick nicht mehr lösen von ihm – er, der schuld ist an allem, schuld an ihren Verletzungen, schuld an der Ungewissheit, ob sie ihr Studium vollenden und jemals wieder Klavier spielen kann, so wie früher.
Corinna hat keine Erinnerung an das, was geschah. Sie träumt nicht einmal davon. Über ein Jahr ist es her. Sie kehrte allein von einem Konzert in Basel zurück. Bis Frick nahm sie den Zug. Sie hatte in Frick das Auto parkiert. Sie hatte es ausgeliehen. Kurz nach Mitternacht fuhr sie los. Und dann?
Sie erwachte im Krankenhaus. Draussen war heller Tag. Corinna konnte sich nicht erklären, warum sie von Schmerzen gepeinigt wurde. Man sagte ihr, sie habe in der Nacht einen Unfall gehabt. Ein betrunkener Autofahrer sei am Rande von Frick auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal mit ihrem Wagen zusammengestossen. Die Sanitäter fanden Corinna in einem furchtbaren Zustand: mehrfacher Beinbruch, Lungenembolie, schwere Kopfverletzung, beschädigtes Trommelfell, verschobene Halswirbel. Wenig fehlte, und sie wäre gelähmt gewesen.
Und er?
Stieg aus dem schrottreifen Auto und hatte bloss eine Gehirnerschütterung. Schon wenige Tage danach lief er draussen wieder herum, als wäre ihm nichts geschehen – während sie im Spital lag, monatelang an ihr Bett gefesselt, kaum in der Lage, sich zu bewegen. Sie zu besuchen im Krankenhaus, sich bei ihr zu entschuldigen, hielt er nicht für notwendig.
Die ganze Zeit bis zum heutigen Tag hat sich Corinna vorzustellen versucht, was dieser Mann für ein Mensch ist. Sie erfuhr, dass er als Handlanger arbeite und dass er schon zweimal strafrechtlich verurteilt wurde. Beide Male wegen Alkohol am Steuer. Sie bekam eine Wut auf den Mann, der die Unversehrtheit ihres Körpers auf eine so schlimme Weise zerstört hat. Und die Wut wurde grösser, je näher der Gerichtstermin rückte.
Der erste Augenblick war extrem. Sie betrat das Gericht und wusste: Das ist er. Sofort spürte sie ihre Schmerzen. Sie hätte auf den Kerl losgehen und auf ihn einschlagen wollen. Nur ihre körperliche Verfassung hielt sie zurück.
Doch jetzt, je länger sie ihn beobachtet, umso sinnloser findet sie ihre Feindseligkeit. So rücksichtslos und so gleichgültig, wie sie glaubte, wirkt der Typ gar nicht. Auch nicht mitleiderregend. Man sieht ihm nicht an, was er fühlt. Kennt er selbst seine Gefühle? Als ihn die Augen der jungen Frau plötzlich treffen, schaut er zur Seite – wie das Tier, das den Blick des Menschen nicht aushält.
Alle Augen richten sich jetzt auf ihn. Die Blicke sind vorwurfsvoll: Er soll sich darin erkennen. Er soll sich bewusst werden, was er getan hat. Doch er blickt nur zu Boden. Auf die Fragen der Richter antwortet er mit störrischen, unbeholfenen Sätzen. Schon andere sind vor Gericht gestanden, wegen derselben Sache – Wortgewandtere, solche, die nicht genug zu betonen wussten: Ich wollte das nicht. Es tut mir so leid.
Er, der junge Menschenscheue, redet nicht so. Diese Fähigkeit hat er nicht. «Es ist halt passiert», ist das Einzige, was er sagt. In seinem Leben passieren die Sachen halt einfach.
Der Richter fragt ihn, ob er sich nie überlegt habe, auf den Alkohol zu verzichten, nach dem, was geschehen sei.
«Nein», sagt der Mann, «das habe ich mir noch nie überlegt.»
Ein schwerer Alkoholiker ist er nicht, nur ein Gewohnheitstrinker, wie viele. Und der Alkohol ist wohl sein bester und einziger Freund. Nie würde er verzichten auf ihn. Unter den Menschen hat er keine Freunde. Nein, auch keine Freundin. Niemand wird ihn vermissen, wenn er dann ins Gefängnis muss.
14 Monate unbedingt, lautet das Urteil des Laufenburger Bezirksgerichts, wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung und – zum dritten Mal – wegen Trunkenheit am Steuer. Beim zweiten Mal kam er noch mit vier Wochen Haft davon. Der Fahrausweis wurde ihm nur vorübergehend entzogen. Hätte man ihm das Autofahren für immer verboten, wäre das alles gar nicht geschehen.
Es ist geschehen. Eine junge Frau ist ohne Schuld und Fahrlässigkeit in die kaputte, betrunkene Lebensbahn eines jungen Mannes geraten – ein tragischer Zufall.
Corinna erzählt mir nach der Verhandlung, das Geschehene sei für sie selbst kein Zufall gewesen. Sie habe – in den Jahren davor – ein ziemlich einzelgängerisches Leben geführt. Die Kollision jener Nacht habe alles geändert. Sie sei brutal herausgerissen worden aus ihrer Abkapselung. Plötzlich war sie angewiesen auf andere Menschen, musste sich helfen, sich trösten lassen, musste andere Menschen in ihre Nähe lassen.
«Der Unfall», sagt mir Corinna, «hat mich gezwungen, mein Leben zu überdenken. Es neu zu versuchen.» Sie verlässt den Gerichtssaal mit widersprüchlichen Emotionen. Ihre Wut gegen ihn, den schuldig Gesprochenen, ist nicht mehr so brennend. Sie weiss jetzt, wie einsam er offenbar ist, und sie kennt das Gefühl. Eigentlich wünscht sie ihm keine Gefängnisstrafe. Sondern etwas ganz anderes.
Beim Hinausgehen kommt der Verurteilte zu ihr, gibt ihr schnell und flüchtig die Hand und murmelt ihr etwas zu. Er kann ihr noch immer nicht in die Augen sehen. Doch er hat es gesagt.
«Gute Besserung», hat er gesagt.
***
Nicolas Lindt ist Schriftsteller und Erzähler und war Ende der 1980er-Jahre Gerichtskolumnist.
Dieser Bericht ist eine von rund 40 Geschichten und Reportagen in seinem Buch «Von Schuld und Unschuld» (302 Seiten, lindtbooks), dessen Neuauflage 2025 erschienen ist.
nicolaslindt.ch
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