Skip to main content

Die Disziplin des Loslassens 

Interview mit Rahel Ruch

Schwierige Familienverhältnisse, eine gescheiterte Jugend, Drogen, Magersucht und die Platzierung im Heim sind herausfordernde Bedingungen für ein erfolgreiches Leben. Rahel Ruch hat sich aus dem tiefsten aller Täler in die höchsten Gipfel des Erfolgs hochgearbeitet und dort wieder nicht das gefunden, wonach sie suchte. Ein berührendes Gespräch über den harten, aber heilenden Weg des Lebens. 

«DIE FREIEN»: Liebe Rahel, welche Rolle spielt Disziplin in deinem Leben? 

Rahel Ruch: Disziplin hat immer eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Ihr ging aber immer eine Entscheidung voraus. In meiner Jugend war ich schwer drogenabhängig und magersüchtig. Ich bin im Heim aufgewachsen und hatte eine schwierige Zeit, vor allem, weil ich hochsensibel bin. Zu dieser Zeit gab es kein Verständnis dafür und deshalb bin ich ziemlich am Boden aufgestossen. Um wieder hochzukommen, brauchte es als Erstes eine Entscheidung und dann die Disziplin, die Entscheidung umzusetzen. Das hat mich eigentlich immer wieder begleitet in meinem Leben, auch später in meiner sportlichen Karriere. Erst die Entscheidung, dann die Disziplin. 

Wie bist du in die Drogenabhängigkeit geraten? War das Mangel an Disziplin? 

RR: Das war komplette Verzweif lung. Ein Gefühl, nirgends hinzugehören, ein Gefühl, nie wirklich geliebt zu werden und ein Gefühl der Rebellion. Ich kann mich gut erinnern, als ich mit fünf Jahren mit meiner Mutter durch die Stadt Bern ging und ich mir diese Häuser anschaute und nicht verstand, wieso die alle grau sind. Wieso sind da nicht Farben? Ich fühlte mich eingezwängt. Denn ich war anders. Ich wollte tanzen, Balletttänzerin werden, das war immer mein Wunsch. Für meine Eltern war das keine Option. Es wurden mir nur Steine in den Weg gelegt. Alles, was ich liebte, durfte ich nicht ausleben. Dann kamen die Drogen in die Schule. 

Sprechen wir von Heroin? 

RR: Ja, genau. Mit 14 hast du noch keine Ahnung, was das bedeutet … Du machst einfach mit. Dann begann ich das Gefühl zu lieben, dass mich nichts mehr interessierte, dass mir alles egal war. Von diesem Gefühl wurde ich sehr schnell abhängig. Irgendwann kam die Entscheidung: Entweder nehme ich mir jetzt das Leben oder ich höre auf. Denn das war kein Zustand mehr … 

Wie hast du es dennoch geschafft? 

RR: Ich hatte bereits ein paar Entzüge hinter mir, definitiv los kam ich mit 18 Jahren. Therapien hatten nicht geholfen. Der Entzug gelang erst, als ich mich innerlich entschied. Der Auslöser war meine erste grosse Liebe. Er war nicht drogenabhängig, doch ich hatte immer wieder Rückfälle, weshalb er mich verliess. Das war so schmerzhaft – doch es war der Moment, in dem ich mich entschied. Wir kamen zwar nie wieder zusammen, dennoch war der Schmerz der Trennung der Kipppunkt. Und dann kam die Disziplin, es durchzuhalten. 

Wie ist dir gelungen, diese Disziplin aufzubringen? Die wenigsten schaffen das. 

RR: Ersatz musste her. Das war in der Zeit, in der der Aerobic-Boom losging. Ich ging einfach in ein Fitnesscenter, und da ich das Tanzen sehr liebte, hatte ich grossen Spass an diesen Aerobicstunden. Ich stürzte mich aufs Aerobic wie eine Wahnsinnige. Völlig übertrieben, von einem Extrem ins andere. Der Entzug erforderte auch, eine neue «Familie» zu finden. Vorher war es die Strasse, von nun an das Fitnessstudio. Durch den Extremsport fand ich neue Freunde und konnte so ein neues Leben starten. Eine Sucht löste die andere ab, doch das spielte in diesem Moment keine Rolle, denn es war meine Rettung. 
Was ich tat, gelang mir gut. Das fiel auch anderen auf. Man motivierte mich, mehr daraus zu machen. Meinem schwachen Selbstwertgefühl gab das Auftrieb. Von da an ging es steil bergauf. Ich bildete mich zum Fitnessinstruktor aus, gab Stunden, fing an, Krafttraining zu machen. Bis man mich auf die Bühne stellte: «Du hast gute Gene, du bist talentiert», hiess es. Ich entschied mich dafür und musste mit eiserner Disziplin dahinter. So bereitete ich mich auf meinen ersten Wettkampf in Miss Fitness vor. Mit Tanz, Akrobatik und einem perfekten Körper. 

Wie sah dein Alltag aus? 

***

Rahel Ruch ist Schmerztherapeutin nach Liebscher und Bracht und Fitnesstrainerin. Sie kombiniert ihr Wirken mit spirituellen Heiltechniken in ihrer eigenen Praxis: kraftvoll-im-herz.ch


Du möchtest den ganzen Artikel lesen? Dann bestelle jetzt die 23. Ausgabe oder gleich ein Abo in unserem Shop.

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden