
Die Wurzel des Bösen liegt in der Kindheit
Wer an das Böse denkt, hat oft Bilder von Zerstörung und bewusster Bösartigkeit vor Augen. Kaum jemand denkt dabei an ein Kinderzimmer. Doch lass uns hier mal ein bisschen genauer hinschauen. Die wahre Wurzel von dem, was wir später als böse bezeichnen, liegt genau dort. Kein Mensch kommt böse auf diese Welt. Destruktives Verhalten entsteht durch eine tiefe innere Entfremdung, die oft schon in den allerersten Lebensjahren beginnt.
Diese Entfremdung nimmt ihren Lauf, wenn ein Kind lernt, dass es so, wie es ist, nicht willkommen ist. Es weint, es wütet, es zeigt seinen Schmerz und sein tiefes Bedürfnis nach Liebe. Reagiert sein Umfeld darauf mit Kälte, Ablehnung oder der strikten Forderung nach Anpassung, gerät das Kind in höchste existenzielle Not. Es steht vor einem tragischen Konf likt. Es muss wählen zwischen seiner eigenen inneren Wahrheit und der überlebenswichtigen Bindung zu seinen nächsten Bezugsmenschen.
Um deren Liebe nicht zu verlieren, entscheiden sich viele Kinder für die Anpassung. Sie spalten ihre echten Gefühle ab, unterdrücken ihre Wut und ihren Schmerz. Anstelle des authentischen Kerns entwickelt das Kind ein falsches Selbst, das nur darauf ausgerichtet ist, zu funktionieren, Erwartungen zu erfüllen, gehorsam zu sein. Klar, für die Erwachsenen mag dieses Funktionieren im Alltag bequem sein. Doch der Preis dafür ist unermesslich hoch, denn das Kind verliert dadurch die Verbindung zu sich selbst.
Genau in dieser inneren Leere schlägt das Böse seine Wurzeln. Wer seine eigenen Gefühle abspalten musste, verliert mit der Zeit auch die Einfühlung für andere. Aus dem ungelebten Schmerz und der ständigen Unterdrückung entsteht ein tiefes Defizit. Wenn diese Kinder erwachsen werden, versuchen sie oft, diese innere Ohnmacht durch Macht im Aussen zu kompensieren. Sie manipulieren, werten andere ab und handeln destruktiv. Das, was die Gesellschaft später als das wahre Böse verurteilt, ist im Kern der verzweifelte Versuch eines von sich selbst entfremdeten Menschen, eine innere Leere zu füllen.
Es gibt jedoch auch Kinder, die auf diese innere Not ganz anders reagieren. Sie passen sich nicht still an, sondern sie rebellieren lautstark. Bleibt ihr tiefes Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe unerfüllt, beginnen sie, mit unerwünschtem Verhalten auf sich aufmerksam zu machen. Sie schauen den Erwachsenen vielleicht direkt in die Augen, werfen den vollen Teller auf den Boden und grinsen danach frech. Ganz nach dem Motto: Lieber werde ich auf negative Art wahrgenommen, als gar nicht. Wer dieses Verhalten als Bosheit abstempelt, reagiert mit Härte und befeuert den destruktiven Kreislauf nur noch weiter.
Wer jedoch versteht, dass dieses Kind aus einer tiefen Verzweiflung heraus handelt und letztlich nur gesehen und geliebt werden will, der wählt einen völlig neuen Weg.
Wahre Kooperation entsteht niemals durch erzwungenen Gehorsam oder durch das Brechen des kindlichen Willens. Sondern sie wächst ganz natürlich aus einer sicheren und nährenden Herzverbindung. Und deshalb ist es auch so wichtig, die Einzigartigkeit des Kindes von allem Anfang an zu wahren, zu beschützen und zu unterstützen.
Ein Kind, das in seiner Einzigartigkeit bedingungslos angenommen wird, muss weder rebellieren noch sich abspalten. Es ist innerlich erfüllt und im Einklang mit dem Leben. Lass uns gemeinsam eine Welt erschaffen, in der das Böse keinen Nährboden mehr findet, weil jeder Einzelne fest und leuchtend in seiner eigenen Wahrheit steht.
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Doris Gantenbein ist Dreifach-Mama, Unschooling-Pionierin, Autorin, Gründerin von Elternkunst ®, Ausbildnerin und Mentorin.
elternkunst.ch
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