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Polarität und Dualität – die Verantwortung des Unterscheidens

Beim Thema «Gut und Böse» geht es um die Kriterien des persönlichen Unterscheidens: Welche Gedanken, Worte und Handlungen wollen wir und welche nicht? Welche stärken uns, und welche schaden uns? Was gibt uns Energie, was raubt Energie? Was immer wir für uns entscheiden, ist unsere persönliche Verantwortung. Wenn «Gut und Böse» jedoch nach aussen projiziert werden, entstehen Dogmatismus, Ideologien und Spaltung.

Gewisse Lehren und Geheimlehren sagen: «Alles ist eins», deshalb seien auch Gut und Böse letztlich eins; sie gehörten zusammen wie Tag und Nacht oder wie Yin und Yang. Ohne das Böse könnten wir nicht erkennen, was gut ist; das Böse sei also notwendig und deshalb im Grunde gut, weil beides sich gegenseitig bedinge; das Böse sei die Kraft, die Gutes schafft. Dies wiederum bedeute, dass das Gute nicht ohne das Böse existieren könne: Friede nicht ohne Krieg, Freiheit nicht ohne Zwang, Wahrheit nicht ohne die schützende Lüge, denn «alles ist eins», und jede Unterscheidung sei immer nur subjektiv und willkürlich.

Intuitiv spüren wir, dass das nicht stimmt, und diese intuitive Wahrnehmung lässt sich philosophisch begründen. Hier handelt es sich um falsch verstandene Einheitslehren und eine problematische Gleichsetzung von «Einheit» und «Ganzheit». Das mag wie eine Spitzfindigkeit klingen, aber wie die obige Skizzierung der geheimen Machtphilosophien zeigt, beeinflussen diese Gedanken die gesamte Weltgeschichte. (Ich erläutere dies in meinen Büchern, insbesondere in «Einheit im Licht der Ganzheit», «Und plötzlich grosse Klarheit» und «Der radikale Mittelweg».)

Die Kraft, die Böses will und Gutes schafft?

Das verkürzte Zitat «die Kraft, die Böses will und Gutes schafft» wird manchmal verwendet, um zu sagen, dass aus einer unguten Situation durch glückliche Fügungen (durch Gottes Hilfe) dennoch etwas Gutes entstand. Wenn wir den Satz jedoch in seinem literarischen Zusammenhang betrachten, besagt er etwas anderes. Er stammt aus «Faust – Der Tragödie Erster Teil» von Johann Wolfgang Goethe und findet sich im ersten Gespräch zwischen Doktor Faust und Mephistopheles, nachdem er (Faust) ihn über schwarze Magie «heraufbeschworen» hatte.

Faust:

Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
Gewöhnlich aus dem Namen lesen,
Wo es sich allzu deutlich weist,
Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lügner heisst.
Nun gut, wer bist du denn?

Mephistopheles:

Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Faust:

Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

***

Armin Risi ist Philosoph, Autor und Referent. Er lebte als Mönch für 18 Jahre in vedischen Klöstern in Europa und Indien und veröffentlichte mehrere Gedichtbände und Grundlagenwerke zum aktuellen Paradigmenwechsel. Sein neustes Sachbuch «Und plötzlich grosse Klarheit – Positive Prophezeiungen für die heutige Wendezeit» (472 Seiten) ist 2023 erschienen.
armin-risi.ch


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