
«Der Fachkräftemangel ist grösstenteils hausgemacht»
Im Gespräch mit Mathias Binswanger
Am 14. Juni wird in der Schweiz unter anderem über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» abgestimmt. Für den Ökonomen Mathias Binswanger stellt sich die Frage, ob man für kaum noch messbares Wirtschaftswachstum Einbussen bei der Lebensqualität hinzunehmen bereit ist.
«DIE FREIEN»: Herr Binswanger, inwiefern beschäftigt Sie das Thema Zuwanderung als Ökonom?
Mathias Binswanger: Vor allem aus vier Gründen. Erstens: Es braucht in der Schweiz weiterhin Wirtschaftswachstum. Zweitens: Die Frage, ob dieses Wachstum unbeschränkte Zuwanderung braucht? Die Antwort lautet nein. Drittens: Steigert dieses Wachstum den Wohlstand, also das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf? Nur noch sehr gering. Und Viertens: Führt mehr Wohlstand dazu, dass das Wohlbefinden der Menschen noch gesteigert werden kann? Sind sie dadurch noch glücklicher und zufriedener? Die Antwort hier ist nein. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das ganze Thema.
Rund einen Monat vor der eidgenössischen Abstimmung zur Zuwanderung zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab. Mit dem Blick auf die letzten 24 Jahren seit der Einführung der Personenfreizügigkeit: Welche Akteure profitieren am meisten von der Zuwanderung?
MB: Ganz klar die Wirtschaft. Sie kann aus einem riesigen Pool von Arbeitnehmern auswählen. Für sie ist es natürlich angenehmer, wenn man unter vielen Leuten jene auswählen kann, die vielleicht zu einem tieferen Lohn in der Schweiz arbeiten. Statt ältere Mitarbeiter zu behalten ist es vielleicht bequemer, jemanden aus dem Ausland einzustellen. Weitere Akteure sind zum Beispiel Spitäler, die darauf aufbauen, dass in der Pflege nicht mehr bezahlt werden muss.
Wer steht auf der anderen Seite, wer verliert?
MB: Alle Menschen, die unter den Phänomenen der Zuwanderung leiden. Insbesondere sind die Immobilienpreise in gewissen Gebieten so stark gestiegen, dass Häuser und Wohnungen zu teuer geworden sind, sowohl für Eigentum als auch zur Miete. Zum Teil werden Umgebungen durch Zersiedlung und Verdichtung unattraktiver. Die Stauzeit auf den Strassen hat massiv zugenommen, allein seit 2020 von 22’000 Stunden auf 55’000 Stunden im Jahr 2024. All das sind einige der negativen Begleiterscheinungen.
Das Politestablishment bringt zusammen mit der Wirtschaft das Schlagwort «Fachkräftemangel» ins Spiel. Wo gibt es ihn? Wo nicht?
MB: In gewissen Branchen besteht ein Fachkräftemangel, und da besteht auch ein Bedarf nach Leuten aus dem Ausland. Diese sind von der Initiative aber gar nicht betroffen, sondern können weiterhin in die Schweiz migrieren. Zu einem grösseren Teil ist der Fachkräftemangel hausgemacht. Gesucht sind vor allem handwerkliche Fachpraktiker. Da bleiben viele Lehrstellen unbesetzt, etwa bei Maurern, Spenglern, Schreinern oder Elektroinstallateuren. Es sind vor allem Berufe, bei denen man sagen würde: Man muss sich die Hände schmutzig machen.
Woran liegt es?
MB: Es werden immer mehr Menschen dazu animiert zu studieren – das sei besser für die langfristige Perspektive, heisst es dann. Dann macht man aus guten Handwerkern und Praktikern mittelmässige Akademiker und die Hochschulen zu Massenabfertigungsanstalten. Die Fachhochschulen erhalten vom Bund Geld dafür, je mehr Studenten sie haben. Bei der Qualität wird dann eher ein Auge zugedrückt. Gleichzeitig wird dadurch die Berufslehre abgewertet. Der Fachkräftemangel entsteht dadurch, dass Schweizer gewisse Berufe nicht mehr machen wollen, sie haben an Sozialprestige verloren, obwohl die Lohnaussichten sehr gut sind. Der Fachkräftemangel besteht keinesfalls nur in schlecht bezahlten Branchen, sondern auch teilweise bei akademischen Berufen.
Man weiss ja, dass Zuwanderung auch in Branchen erfolgt, bei denen gar kein zusätzlicher Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland besteht. Zum Beispiel gibt es im Gastrogewerbe viele als arbeitslos gemeldete Menschen. Also könnte man politisch auch ohne Zuwanderung etwas gegen den Fachkräftemangel tun.
MB: Ja, mit entsprechenden Anreizen zum Beispiel.
Manchmal wird das Rentensystem – vor allem die AHV – genannt, um Zuwanderung zu rechtfertigen. Ist das langfristig gesehen Problemlösung oder Problemverschiebung?
MB: Es entspricht Symptombekämpfung. Die Zuwanderer bezahlen mehr ein als sie beziehen. Sie sind für die AHV eine Nettogeldquelle. Und dies wird in Zukunft noch lange so bleiben, weil jene, die zuwandern, meistens im erwerbsfähigen Alter sind und erst mit der Zeit ins Alter kommen und Leistungen beziehen. Das Problem der langfristigen Finanzierung der AHV verschiebt sich somit einfach in die Zukunft. Und weil die Lebenserwartung steigt, würde es zur AHV-Finanzierung wiederum mehr Zuwanderung benötigen.
Zuwanderung wird auch im Kontext mit der alternden Bevölkerung genannt. Eine Kaschierung des Problems der tiefen Geburtenrate im eigenen Land?
MB: Ich glaube das ist kein Problem, wenn man länger arbeitet. Die bisherigen Ansätze, die AHV nachhaltig zu finanzieren, sind aber zu starr. Wenn jemand länger als 65 arbeiten will, soll die Möglichkeit dazu bestehen. Man muss nicht, aber wenn doch, dann sollte man eine etwas höhere Rente erhalten. In diesem Fall müsste die heute bestehende steuerliche Benachteiligung abgeschafft werden. Ich bin überzeugt, dass mit dieser Lösung viele Menschen bereit wären, über 65 hinaus noch weiterzuarbeiten.
Immer mehr Menschen in der Schweiz sind mit stagnierenden Löhnen und steigenden Lebenshaltungskosten konfrontiert. Haben die Initianten recht, wenn sie Phänomene wie den Kostenanstieg im Gesundheitswesen oder hohe Immobilienpreise der Zuwanderung zuschreiben?
MB: Die Wohnungskosten sind klar zum guten Teil der Zuwanderung zuzuschreiben. Es gibt dabei konzentrierte Gebiete. Vor allem die städtischen Gebiete um Zürich, Basel, Bern und Zug sowie die Genfersee-Region sind davon betroffen.
Gibt es Ihrer Ansicht nach so etwas wie Opportunitätskosten im Zusammenhang mit Zuwanderung? Ab wann werden die Kosten höher als der Nutzen? Auch im Sinn der Lebensqualität, nicht bloss materiell betrachtet.
MB: Ich würde die Frage umformulieren: Sind wir bereit dazu, für einen nur noch sehr geringen Zuwachs von materiellem Wohlstand aufgrund der Zuwanderung auf der anderen Seite Einbussen bei der Lebensqualität hinzunehmen? Meiner Meinung nach übersteigen die Einbussen den Wohlstandszuwachs, zumal der Zuwachs die Menschen in der Schweiz durchschnittlich auch nicht mehr glücklicher oder zufriedener macht.
Stichwort Wohlstand: Oft heisst es, Zuwanderung sei notwendig für Wirtschaftswachstum. Letzteres wird mit einem Vorjahresvergleich der Kennzahl BIP ausgewiesen. Sagt sie etwas Sinnvolles über den Wohlstand des Einzelnen aus?
MB: Wir leben in einer Wirtschaft, die auf Wachstum ausgerichtet ist. Sie funktioniert nur mit einem gewissen Wachstum. Seit 2000 ist das BIP in der Schweiz durchschnittlich 1,8 Prozent gewachsen, und pro Kopf 0,9 Prozent, Tendenz sinkend, weil wir durch die Zunahme der Bevölkerung in die Breite wachsen und weniger durch gesteigerte Arbeitsproduktivität. Für den einzelnen Menschen ist das BIP pro Kopf der entscheidende Wohlstandsfaktor. Ein hohes absolutes Wachstum, das aber nicht zu einer Zunahme des BIPs pro Kopf führt, ist ökonomisch wenig sinnvoll, weil es den Wohlstand nicht in der Breite der Bevölkerung verteilt.
Wieso muss die Wirtschaft immer weiterwachsen? Sie vertreten die These eines herrschenden Wachstumszwangs.
MB: Solange es Wirtschaftswachstum gibt, können Unternehmen Gewinne erzielen. In einer Geldwirtschaft müssen sie diese erzielen, um zu überleben. Die Frage ist nun: Wie kann die Mehrheit der Unternehmen über die Jahre mehr Geld einnehmen als ausgeben? Wenn die Wirtschaft ein Kreislauf wäre, so wäre dies nicht möglich, weil eine Ausgabe des einen immer die Einnahme eines anderen wäre. Also muss etwas dazukommen, damit zusätzliche Einnahmen entstehen können, ohne dass jemand etwas ausgibt. Das geschieht mit der Geldschöpfung, die über Bankenkredite abgehandelt wird. Geldschöpfung durch Kreditvergabe entstand im England des 17. Jahrhunderts. Dadurch fliesst zusätzliches Geld in die Wirtschaft, das zum Beispiel in Investitionsprojekte fliesst, wodurch mehr Einkommen und zusätzliche Gewinne entstehen. Durch blosse Ausweitung der Geldmenge entsteht aber Inflation, das heisst, ein Teil des neu geschaffenen Geldes muss produktiv verwendet werden, etwa für Maschinen oder Anlagen, was die produktiven Kapazitäten erhöht, damit mehr Güter und Dienstleistungen geschaffen werden können. Ist das der Fall, wird reales Wirtschaftswachstum erzielt. Alle erfolgreichen Wirtschaften sind dadurch charakterisiert, dass auf der einen Seite die Geldmenge im Umlauf ansteigt und auf der anderen Seite reales Wirtschaftswachstum stattfindet.
Führt kein Weg aus dem Wachstumszwang heraus?
MB: Vorstellbar wäre eine Wirtschaft, die Gewinne erzielt und diese direkt zur Finanzierung von Ersatzinvestitionen verwendet. Dies ist aufgrund des Wettbewerbs im jetzigen Wirtschaftssystem jedoch nicht möglich. Es besteht der Zwang, ständig neue Verfahren und Produkte zu entwickeln. Das macht es schwierig, Wachstum in einem verträglichen Mass zu denken, ohne vom Markt verdrängt zu werden.
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Prof. Dr. Mathias Binswanger (*1962) gilt als einer der bekanntesten Ökonomen der Schweiz. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter «Die Tretmühlen des Glücks», «Geld aus dem Nichts» und «Der Wachstumszwang».
mathias-binswanger.ch
Das Gespräch fand kurz vor Mathias Binswangers Referat zum Thema Auswirkungen der Zuwanderung an der Universität Luzern am 12. Mai statt, zu dem das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik IWP geladen hatte.
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Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» will, dass politische Massnahmen insbesondere im Asylbereich und beim Familiennachzug umgesetzt werden, sofern die Wohnbevölkerung in der Schweiz vor 2050 die Grenze von 9,5 Millionen Menschen überschreitet. Bei 10 Millionen stehen weitere Massnahmen im Raum. Dadurch soll die Zuwanderung wieder stärker gesteuert werden.
Ende 2025 hatte die Schweiz eine Bevölkerung von 9,1 Millionen Menschen – 1,7 Millionen mehr seit der Einführung der Personenfreizügigkeit mit EU- und EFTA-Staaten im Jahr 2002. Das entspricht einem Bevölkerungswachstum von durchschnittlich etwa 71’000 Menschen pro Jahr. Rund zwei Drittel davon sind auf Arbeitsmigration zurückzuführen. Die Schweiz verzeichnet seit 2000 mit 21 Prozent Bevölkerungszunahme ein deutlich höheres Wachstum als etwa die Nachbarländer: Frankreich 10 Prozent, Österreich 9 Prozent, Italien 3 Prozent, Deutschland 2 Prozent. Bei Annahme der Initiative könnten bis 2050 immer noch durchschnittlich 40’000 Menschen jährlich immigrieren. Den Abstimmungstext zur Initiative finden Sie hier.
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