Skip to main content

Das Wahre, Schöne, Gute – von der Notwendigkeit einer Renaissance

Auch ohne Spenglers «Untergang des Abendlandes» studiert zu haben, erschliesst sich mittlerweile jedem, der über funktionierende Sinne verfügt, die ästhetisch-moralische Problemzone, in der wir uns befinden. Um das zu erkennen, reicht es völlig aus, sich an einem beliebigen Werktag durch eine bundesdeutsche Fussgängerzone zu bewegen und die Menschen, Architektur, Mode und Sprache auf sich wirken zu lassen.

Auch wenn sich über Geschmack bekanntlich streiten lässt, ist dem, der mit offenen Augen den äusseren Zustand westlicher Gesellschaften heute mit dem vor einigen Jahrzehnten vergleicht, offensichtlich, dass wir Zeugen einer zivilisatorischen Abwärtsentwicklung sind. Die Grundprinzipien von Ordnung und Harmonie scheinen verloren gegangen zu sein.

Meine Bekanntschaft mit dem «Wahren, Schönen, Guten» begann vor vielen Jahren, als ich in Frankfurt am Main bei einer internationalen Bank tätig war. Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit kam ich stets an der sogenannten «Alten Oper» vorbei. Sie wurde nach ihrer Eröffnung 1880 im Zweiten Weltkrieg zerstört und lag Jahrzehnte in Trümmern, bis zu ihrem Wiederaufbau 1981. Neben ihrer historisierenden Anmutung ist vor allem der Schriftzug am Dachfries auffällig: «Dem Wahren Schönen Guten». Unsicher, was es mit diesen Worten auf sich hatte, fragte ich meinen damaligen Chef nach deren Ursprung. Er zuckte mit den Schultern und teilte mir am Tag darauf mit, dass es sich dabei wohl um ein Zitat von Goethe handelt. In der Banken- und Drogenmetropole Frankfurt, in der insbesondere das Wahre und Gute schwer zu finden schien, leuchtete die Inschrift an der Alten Oper wie der Schein eines unbekannten Lichts in mir nach.

Heute, in einer Zeit, die sich uns täglich mit gesellschaftlichen Zerfallserscheinungen und schlechten Nachrichten präsentiert, meldete sich die Erinnerung an die Inschrift wieder. Angetrieben durch die Frage, was das gesellschaftspolitisch Defizitäre unserer heutigen Zeit ausmacht, begann so ein Exkurs zu den Ursprüngen unserer kulturbildenden Ideale.

Die Entstehung der Trias

Die Geschichte des «Wahren, Schönen, Guten» beginnt mit Platon (428 – 348 v. Chr.), in dessen Schriften zum ersten Mal die Verwobenheit dieser drei Ideale beschrieben wird. Das Gute erfährt dabei eine hervorgehobene Stellung, die bereits bei Sokrates als «Mass, Schönheit und Wahrheit» verkörpernd charakterisiert wird. Darauf aufbauend übernahm auch Platon die grundsätzliche Idee, dass sich im Schönen und Wahren das Gute zeigt.

Im 15. Jahrhundert erlebte diese Trias in Florenz, dem Zentrum der Renaissance, ihr erstes Comeback mit der Übersetzung von Platons Texten ins Lateinische durch Marsilio Ficino. In diesen Schriften findet sich auch eine Verknüpfung zum Glauben, durch die Bezogenheit des Wahren, Schönen und Guten auf Gott. Die von Lorenzo de Medici geförderten Übersetzungen Platons waren so populär, dass sie es in der Epoche Elisabeths I. nach England schafften. Auch Shakespeare nahm platonische Motive in seine Werke auf und lässt in Sonett 105 das, was «fair, kind and true» ist, besingen. Literarisch fortgeführt wurden die ethischen, ästhetischen und kognitiven Zusammenhänge zwischen Gott, Mensch und Natur dann vom frühaufklärerischen Earl of Shaftesbury (1671 – 1713), dessen Schriften in Deutschland Romantiker wie den jungen Herder erreichten.

***

Silke Schröder gründete 2011 ihr Immobilienberatungsunternehmen Primobilia. Seit 2015 engagiert sie sich gesellschaftspolitisch und ist publizistisch tätig. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie unter anderem als Moderatorin bei Kontrafunk, TV Berlin, als Kolumnistin bei Hallo Meinung, Deutschland Kurier und AUF 1 bekannt. Sie hat den Gesellschaftssalon «Der konservative Aperitif» gegründet und ist mit dem Vortragsformat «Das Wahre, Schöne, Gute» aktiv. Daneben berät sie Privatpersonen und Führungskräfte.
silkeschröder.de


Du möchtest den ganzen Artikel lesen? Dann bestelle jetzt die 23. Ausgabe oder gleich ein Abo in unserem Shop.

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden