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Venezuela und Iran

Mediale Kriegshetze im Namen der Demokratie.

Die USA verstärken mit ihrem Überfall auf Venezuela ihre imperiale Grossmachtpolitik. Die NATO-Medien freut’s, darunter die NZZ. Sie bejubeln die aggressive Gesetzlosigkeit gegenüber einem souveränen Staat.

Geopolitisch ist das Jahr mit einem Paukenschlag gestartet. Am 3. Januar überfiel das US-Militär das südamerikanische Land Venezuela und entführte dessen Präsident Nicolás Maduro und seine Frau. Ihm soll vor einem US-Gericht der Prozess wegen Drogen- und Terrordelikten gemacht werden. Eine Farce mit Ankündigung. Schon seit Wochen patrouillierten US-Kriegsschiffe verstärkt in der Karibik, angeführt vom Flaggschiff «USS Gerald R. Ford», dem grössten Flugzeugträger der Welt, angeblich um den Drogenschmuggel zu bekämpfen. Im Dezember 2025 erhielten diese Entwicklungen auch offiziellen Charakter. In der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA (NSS 2025) erklären sie sich zur «dominanten Macht in ihrer Nachbarschaft». «Flexibler Realismus» heisst, es wird militärisch interveniert, wenn es den Interessen der USA dient. Damit beleben die USA aussenpolitisch die Monroe-Doktrin neu, die auf eine Rede des US-Präsidenten James Monroe im Jahr 1823 zurückgeht. Die New York Times passte den Begriff unter Berücksichtigung des Namens des jetzigen US-Präsidenten zu «Donroe»-Doktrin an. Damit wollen die USA sich einer multipolaren Welt entgegenstellen und ihre Einflusssphäre abstecken, denn sie haben erkannt, dass ihre globale Vorherrschaft bedroht ist.

Gescheiterte Putsche

Venezuelas Regierung war dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump schon während seiner ersten Amtszeit ein Dorn im Auge. Bereits 2019 wurde ein Putsch versucht, der allerdings misslang. Damals hiess der Kronprinz von US-Gnaden Juan Guaidó, der von neokonservativen US-Politikern wie John Bolton (nationaler Sicherheitsberater), Mike Pompeo (Aussenminister) oder Mike Pence (Vizepräsident) gefördert wurde. Auch hatte es 2002 unter US-Präsident George W. Bush Umsturzversuche gegen Venezuelas damaligen Präsidenten Hugo Chávez gegeben, mit den gleichen Vorwänden: Drogen und Terrorunterstützung.

2017 hatte Venezuela unter Maduro angekündigt, den Ölhandel nicht mehr in US-Dollar, sondern in chinesischem Yuan abhandeln zu wollen. Damit wollte Venezuela der 20-jährigen US-Sanktionspolitik entgehen und die Abhängigkeit vom US-Dollar reduzieren. Dies bedroht die Vormachtstellung der USA. Wenn der US-Dollar als Leitwährung geschwächt wird, würde es für die USA schwieriger, ihre immer weiterwachsenden Schulden auszubauen und zu bedienen, womit auch das Pentagon-Budget unter Druck gerät. Mit diesem werden unter anderem die weltweit fast 900 Militärbasen unterhalten, ein wichtiger Pfeiler für die globale Macht der USA.

In jüngster Zeit brachte sich die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado in Position, eine stramme Vertreterin von US-Interessen und Unterstützerin von Guaidó. Ihr Vorbild ist die «Eiserne Lady», die britische Ex-Premierministerin Margaret Thatcher. Machado traf 2005 George W. Bush im Weissen Haus, 2009 war sie im «World Fellows Program» der privaten US-Eliteuniversität Yale, Bushs Alma Mater. Zu dieser Zeit, 2005 und 2011, nahm sie auch am «Young Global Leaders Forum» des Weltwirtschaftsforums WEF teil. Proamerikanische Motivation verlieh ihr 2010 die Verstaatlichung eines der grössten venezolanischen Stahlunternehmen, bei dem ihr Vater Vorsitzender war, durch Maduros Vorgänger Chávez. Als Chávez 2013 starb, stieg sie mit ihrer im Vorjahr gegründeten Partei Vente Venezuela zur oppositionellen Führungsfigur auf. 2025 erhielt sie den Friedensnobelpreis – der in ihrem Fall das Gegenteil symbolisiert. Der Preis war politisch motiviert, um die venezolanische Regierung zu delegitimieren und um einen US-Angriff zu rechtfertigen. Nur wenige Tage nach der Zeremonie in Oslo sprach sich Machado für Interventionen des US-Militärs in Venezuela aus. Unmittelbar vor dem US-Angriff am 3. Januar hatte sie auch den Beschuss von Booten mutmasslicher Drogentransporteure vor der Küste Venezuelas und die damit verbundenen Tötungen befürwortet. Der norwegische Friedensrat boykottierte deshalb die Fackelparade zur Preiszeremonie, was in der Geschichte des Friedensnobelpreises einmalig ist. Machado erhielt den Preis, den sie unter anderem Trump widmete, auch dank der Fürsprache diverser US-Politiker. Unter ihnen: Aussenminister Marco Rubio, ein Sprössling von Exilkubanern, sowie der republikanische Abgeordnete für Florida im Repräsentantenhaus und Exilkubaner Mario Díaz-Balart, ausserdem María Elvira Salazar, ebenfalls republikanische Abgeordnete für Florida im Repräsentantenhaus – auch sie ein Sprössling von Exilkubanern.

Trump verfolgte die Militäraktion am 3. Januar live im Kommandoraum seines Luxusanwesens Mar-a-Lago in Florida, umgeben vom Kriegsminister und vom CIA-Direktor. Das US-Militär überfiel Venezuela, eliminierte mehrere Sicherheitskräfte, darunter einige Kubaner, und entführte Maduro und seine Frau. Fehlte bloss das Popcorn, um der illegalen Mission noch den würdigen Unterhaltungsrahmen eines berauschenden Kinothrillers zu verleihen. Es gehört mittlerweile zur Inszenierung dazu: Immer dann, wenn das US-Militär eine dem Imperium nicht genehme politische Führungsfigur liquidiert, verbreiten Medien Bilder mit den kontrolliert entsetzt-bestürzten Blicken aus dem Kommandoraum des US-Präsidenten mit seiner Entourage. Was auf dem Bild geschieht, ist nie zu erkennen. So erhalten die illegalen Aktionen und die Tötungen einen humanen Anstrich. Durch das Übertünchen des Bildes durch diese vorgespielte Maske der Menschlichkeit werden kriminelle Handlungen verharmlost. Völkerrecht und Normen der internationalen Ordnung passen nicht in das Verständnis von Grossmachtpolitik. Ausserdem kann Trump von den ganzen Unappetitlichkeiten rund um seine Verwicklung in den Fall Epstein ablenken.

NATO-Medien als Megafone des Pentagons

Affirmativ begleitet wird diese Politik des Wilden Westens von NATO-affinen Medien, darunter die NZZ. Kommentatoren wie Werner J. Marti kriegen sich vor lauter Jubel kaum mehr ein. Wie in einem Schulaufsatz schwärmte er vom «mächtigen militärischen Schlag» der Amerikaner, völlig unkritisch, so als sei er Sprecher des Pentagons. Natürlich, so viel Neusprech hat Marti verinnerlicht, geht es um «die Demokratie», die in Venezuela «durchgesetzt» werden müsse. Es gibt bestimmt so einige zwangsbeglückte Demokraten in den von den USA ausgeplünderten Ländern in Lateinamerika, oder im Irak, in Libyen, Vietnam und Afghanistan, die das genauso sehen wie Marti. Angefangen bei Guatemala, wo die Regierung 1954 gestürzt wurde – was Marti als Verfasser einer Dissertation zu Guatemala sicher weiss, aber nicht erwähnt. Damit macht Marti selbst seinem NZZ-Kollegen Georg Häsler Konkurrenz – der als Oberst der Schweizer Armee bei Pressekonferenzen gerne in seiner Militäruniform aufkreuzt. Man stelle sich vor: Putin lässt Selenski nach Moskau entführen. Häsler und Marti würden im Schnappatmungsduett japsen. Ihre Kollegen stehen ihnen in nichts nach. Mindestens im Titel und in jedem zweiten Satz muss «Diktator» stehen. Dann wieder etwas Bashing gegen die «linken» Diktatorenfreunde Maduros, dazu werden Bildstrecken serviert – natürlich über den «Diktator», und fertig ist der Einheitsbrei aus dem NZZ-Topf.

Ins gleiche Horn bläst Alex Baur in der Weltwoche. Er sieht Rubio als «Mann der Stunde» und die «Demokratie» am venezolanischen Horizont aufsteigen. Das hat Chuzpe, wenn man nach all den Jahren und Beispielen der politischen Fehlexperimente Amerikas solches Wunschdenken in die Tasten haut. Nicht einmal Trump selber spricht von der «Demokratie». Auch hat Baur offenbar noch nie etwas von Sanktionen gegenüber Venezuela gehört, nein, der «Sozialismus», und er alleine, ist schuld. Die Schweiz beteiligt sich übrigens seit 2018 an EU-Sanktionen. Egal was man von Maduro hält: Das Vorgehen der USA hat keine anerkannte Grundlage. Die UN-Charta verbietet Angriffe von aussen auf Drittstaaten, unabhängig davon, ob eine Regierung nach internationalen Massstäben demokratisch legitimiert ist oder nicht.

Weltweit grösste Ölvorkommen

Venezuela ist eines der rohstoffreichsten Länder der Welt: Erdgas, seltene Erden, Eisenerz, Gold, und vor allem Öl. Das Land verfügt mit geschätzten 303 Milliarden Barrel (ein Barrel entspricht knapp 159 Litern) über die weltweit grössten Erdölvorkommen, was etwa 17 Prozent des gesamten Öls entspricht. Und dieses schlummert aus Sicht der US-Amerikaner praktischerweise fast vor ihrer Haustüre. In Grönland, das auch seit einiger Zeit auf dem Schirm der USA ist, werden ebenso reiche Bodenschätze vermutet. Wenn es um die Bekämpfung von Drogen gehen würde, müssten die Amerikaner zunächst die Kokain-Anbaugebiete primär in Peru, Bolivien und Kolumbien und die Transferrouten durch Mittelamerika und Mexiko trockenlegen. Über die Zustände an der Grenze USA–Mexiko ganz zu schweigen. Ausserdem dürfte Maduro mit dem Fentanyl – das in den USA unkompliziert erhältlich ist und Trump unterstützende Pharmakonzerne reich macht – und der seit Jahren grassierenden Opioidkrise kaum etwas zu tun haben. Allein in den Jahren 2021, 2022 und 2023 sind jeweils über 100’000 Menschen in den USA am Substanzmissbrauch gestorben. Eine Fentanyl-Vergiftung ist bei erwachsenen US-Amerikanern bis 45 Jahren die häufigste Todesursache.

Doch die USA und ihre willfährigen Propagandisten verbreiten lieber einmal mehr das Märchen von «God’s blessed land», das überall Frieden und Freiheit bringt. Der Spiegel feiert einerseits den «Coup von Caracas», andererseits schreibt er gleichzeitig: «Holt unser Gold zurück!» Gemeint ist das Gold der deutschen Bundesbank in den USA. Es ist die übliche mediale Heuchelei: Bin Laden? Genehm, solange er gegen die Russen kämpfte. Hussein? Genehm, solange er gegen den Iran kämpfte. Gaddafi? Genehm, aber 2011 und damit zwei Jahre nach seiner Ankündigung, den Gold-Dinar, eine goldgedeckte Währung für den afrikanischen Ölhandel, einführen zu wollen, wurde er umgebracht.

Solche Beispiele gibt es etliche. Die USA sind seit dem Zweiten Weltkrieg das Land, dessen Militär am meisten Kriege begonnen, Regierungen gestürzt und Menschen getötet hat. Trumps Freunde aus Big Oil können sich freuen, wenn sie denn bereit sind, die nötigen Investitionen für das qualitativ eher schlechte venezolanische Öl aufzubringen. Andere, wie die MAGA-Bewegung, sehen sich dagegen betrogen, weil Trump mit dem Überfall ein Wahlversprechen gebrochen hat. Fest steht, dass er mit dem neuerlichen aussenpolitischen Abenteuer die innenpolitischen Konflikte zwischen isolationistischen MAGA-Unterstützern und expansionsgetriebenen neokonservativen Falken alles andere als entspannt.

Interimspräsidentin Venezuelas ist Delcy Rodríguez, die bisherige Vizepräsidentin. Sie gilt Maduro gegenüber als loyal. Die US-Amerikaner haben klar gemacht, dass sie weitere Interventionen in Betracht ziehen, sollte Rodríguez nicht US-konform handeln. An den bisherigen Machtverhältnissen in Venezuela hat sich durch die US-Intervention de facto nichts verändert. Nach wie vor kontrolliert Maduros Machtapparat, vor allem das Militär, das Land weitgehend. Insofern ist klar, dass es den USA um die Kontrolle und Extraktion der venezolanischen Ressourcen geht, und nicht um «Demokratie», wie sich das etwa Marti oder Baur schönschreiben. Aus der geopolitischen Perspektive geht es hier auch um Venezuelas Partner, die «Feinde» der USA sind: China, Russland, Iran.

Proteste im Iran

Der Iran spielt gleichzeitig seit Jahrzehnten eine entscheidende Rolle um die Hegemoniebestrebungen der USA im Nahen Osten, wo das Land ein Feind des regionalen US-Verbündeten Israels darstellt. Die aktuellen Proteste im Iran dürften nicht zufällig jetzt wieder aufflammen, nachdem Trump Ende Dezember 2025 in Mar-a-Lago den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu empfangen hatte. Trump hat auch schon gesagt, er werde gegebenenfalls im Iran militärisch eingreifen, was die USA dort nicht zum ersten Mal täten. 1953 putschten die CIA und der MI6 wegen Differenzen um die Ölressourcen gegen Mohamed Mossadegh. CIA und Mossad unterstützten den iranischen Geheimdienst bei der Installation eines Unterdrückungsapparats. Im Sommer 2025 versuchte Israel, durch Luftangriffe auf den Iran Aufstände zu provozieren, und Netanjahu rief die iranische Bevölkerung zu Protesten auf.

Freilich sind auch hier fast alle Medien einträchtig auf NATO-Linie. Scheinbar geht es darum, das «Mullah-Regime» (Bild, FAZ, SZ, Handelsblatt, NZZ, SRF etc.) zu beseitigen, um eine Theokratie durch eine Demokratie zu ersetzen. «Wertewestliche» Demokratie als Exportschlager, wenn ausser Doppelmoral nichts mehr übrigbleibt. Währungszerfall, Internet abgeschaltet und Frauen, die den Schleier ablegen? Ganz nach dem Geschmack des Tages-Anzeigers und eindeutig genug, um zu kolportieren: böse Mullahs. Die jahrelange Sanktionspolitik bleibt wie im Fall Venezuela in der Regel unerwähnt. Darüber hinaus müsste klar sein, dass Russland und China hier im Gegensatz zu Venezuela nicht grosszügig darüber hinwegsehen werden, wenn die USA in ihre direkte Einflusszone hineinpfuschen.

Wenn hierzulande die eigenen Regierungen kritisiert werden, spricht der Zensurkomplex gerne von «Staatsdelegitimierung», oder es handelt sich um «Verschwörungstheorien» gegen sicherlich ausschliesslich wohlwollende Eliten, aber wenn Frauen im Iran gegen das «Mullah-Regime» protestieren, dann sieht man das gerne. Garantiert auch frei von jeglicher US-israelischer Propaganda, meint wohl beispielsweise Urs Gehriger in der Weltwoche, wenn er den CIA-Sender Radio Free Europe als Quelle nennt. Den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz in diesem Kontext als Autorität zu zitieren, grenzt an einen verfrühten Aprilscherz. Der BlackRock-Mann exekutiert die transatlantischen Spielregeln in vorauseilendem Gehorsam. Trump in Venezuela? Ist halt «komplex». Trump im Iran? Gerne. Putin? «Kriegstüchtigkeit» ist gefragt! Die Bundeswehr muss noch zulegen, wenn sie im Winter in Russland kämpfen will – kollabiert doch schon das eigene Land, wenn im Winter zehn Zentimeter Neuschnee fällt. Es wird interessant werden, was sich Merz’ PR-Abteilung einfallen lässt, falls das US-Militär demnächst Grönland und damit einen NATO-Bündnispartner (Dänemark) angreift.

Jedenfalls brauchen sich gewisse Medien nicht zu wundern, verlieren sie laufend Zuspruch, wenn sie sich derart in die Machtgebilde einspannen lassen und an diesem Orwellschen Neusprech mitwerkeln. Sie reagieren entsprechend als Frontagenten für Meinungsdiktate, Denkverbote und Moralinquisition gegenüber jenen, die sich ein eigenes Urteil erlauben, und untergraben damit die kritische Öffentlichkeit, die sie eigentlich befördern sollten. So wie etwa die WoZ, die rechtsstaatsbefreite EU-Sanktionen gegenüber dem ehemaligen Schweizer Nachrichtendienstoffizier und Autor Jacques Baud begrüsst. Die WoZ verzettelt sich in eigenen Widersprüchen bezüglich «linken» Auffassungen von EU, NATO, Zensur. Demgegenüber konstatiert der Medienblog Zackbum richtig: «Die Wochenschrift der linken Denkungsart macht sich mit rechten Schwätzern gemein.»


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