Die Krise des Migranten
Wann ist es Zeit zu gehen? Und wo lässt es sich bleiben?
«Die Frage, ob unser Platz im Dritten Reich gewesen wäre … Ich habe sie mir gestellt und ich habe sie mir beantwortet. Die Antwort lautet: Nein. Man hat oft geirrt im Leben, man hat mancherlei zu bereuen. Dies eine hat man richtig gemacht, aus Instinkt mehr denn aus ‹Überzeugung›: Warum sollte man nicht dafür dankbar sein? Die Emigration war nicht gut. Das Dritte Reich war schlimmer.»
— Klaus Mann, «Der Wendepunkt»i
Krisen haben die Gewohnheit, sich anzukündigen. Die Kunst besteht darin, ihre Zeichen früh genug zu erkennen. Nicht, um ihren Ausbruch zu verhindern, sondern um die eigene Mitleidenschaft so gering wie möglich zu halten. Als diesbezüglich gängige Wege gelten Migration, Kontenverschiebungen, das allgemeine Bunkern wie Bunkerbauen sowie Anlegen eines Gemüsegartens zur Selbstversorgung. In ihrer Kombination mögen sie das leibliche Überleben sichern. Was jedoch, wenn dich, ähnlich der Bedrohung durch einen Atomwaffenangriff, tatsächlich nur der Bunker oder die einsame Insel retten kann? Gehst du, oder bleibst du? Und was bedeutet es zu bleiben? Was nützen dir Notvorrat und Cryptowallet, wenn du an deiner Einsamkeit zerbrichst? Wohin geht der Mensch, wenn es keinen Ort mehr gibt, wo er dies noch sein kann – Mensch?
Hermann Hesse, der 1912 selbst in die Schweiz ausgewanderte, schrieb einst: «Lieber Zehn Mal am Leibe verderben, als Schaden nehmen an seiner Seele». Ein Satz, dessen Übertragung ins eigene Leben jeder nur für sich selbst vollziehen kann: Woran gehe ich eher zugrunde? An der Schuld, meine Mitmenschen «im Stich» gelassen zu haben? Oder an dem Mangel an Mitmenschlichkeit, der mich gerade durch sie umgibt? In Hesses Fall schien die Entscheidung relativ eindeutlich: Vom streng pietistischen
Elternhaus her körperlich nie einem Mangel ausgesetzt gewesen, kannte er das Gefühl, geistig-seelisch auf Grundeis zu laufen. Er fühlte sich von den gesellschaftlichen und politischen Zwängen des Kaiserreichs eingeengt und strebte nach einem freieren, unabhängigeren Leben. Eine Umgebung, in der er Ruhe und Inspiration für sein literarisches Schaffen fand, war dem Pazifisten wichtiger als die Treue zu einem Land, das sich tagtäglich selbst verriet.
«Jeder, den diese neue Hölle in Deutschland jetzt betroffen hat, flieht entweder in ein privates Vergessen oder Trauern, oder rüstet sich zum Kampf, um Gewalt mit Gewalt zu erwidern und eine nächste grosse Zeit mit Kanonen und Gas vorzubereiten.»
— Hermann Hesse, 1933ii
Denn ob Kaiser- oder Nazireich, DDR oder Corona-Diktatur: Die Frage nach dem Untergang im Aussen oder Innern stellten sich Widerstandsgeister im Exil als auch in der Heimat zu vermutlich jeder Epoche, die Umbruch versprach: Mit welchen Konsequenzen könnte ich eher leben? Mit denen, zu gehen – oder mit denen, nicht gegangen zu sein? Denn freilich: Der Vorteil des Exilanten mag darin bestehen, dass je «sicherer» er geflohen ist, er umso weniger Konsequenzen zu fürchten hat, ist er nicht leise, sondern laut. Gleichzeitig bleiben ihm beim Versuch, ohne realen Widerstand im «Widerstand» sein zu wollen, stets die Zweifel an dessen Wirksamkeit. Das Eingeständnis, dass es keinen «Keim» mehr gab, den es zu ersticken galt, hat ihn in die Isolation getrieben. Vor den Flammen, die seine eigenen Lungen am um Hilfe schreien zu hindern drohten, mag er sich gerettet haben. Wen aber kann er noch «retten», wenn ihn von dort, wo er jetzt ist, keiner mehr hört?
Aus Montagnola, seiner äusserlich heilen Welt im Tessin, beantwortete Hermann Hesse rund 17’000 Briefe. Körperlich unbeteiligt, nahm seine Seele an beiden Weltkriegen teil. Gleiches galt für Thomas Mann, Erich-Maria Remarque, Stefan Zweig, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Jakob Wassermann, Ludwig Marcuse, Ernst Toller oder Marlene Dietrich. Jeder ihrer noch so verschiedenen Wege war gepflastert von der Verzweiflung über die politischen Entwicklungen, den Krieg und die Verbrechen der Nazis. So nutzte ein Bertolt Brecht, der im Frühjahr 1933 zur gleichen Zeit wie die neunköpfige Familie Mann zuerst nach Küsnacht floh, um von dort letzten Endes in die USA zu emigrieren, die letzten noch funktionierenden Postwege, um mit anderen Exilautoren wie Lion Feuchtwanger oder Walter Benjamin zu solidarisieren oder die Kriegslage als auch Rolle des Theaters im Exil zu diskutieren. Nachdem ein Grossteil ihrer Werke verbrannt wurde, waren sie sich gegenseitig die einzige Erinnerung an das, was die Nazis mit ihren Flammen versucht hatten auszulöschen.
Ein Bemühen, die nicht mehr jedes Herz zu erreichen vermochte. Denn hoffte ein laut Hesse ebenfalls «gebrochener»iii Thomas Mann in seinen BBC-Radioansprachen («Deutsche Hörer!») noch auf den Sieg der Allierten, starb Kurt Tucholsky am Abend des 20. Dezembers 1935 in der Fremde Schwedens an einer Überdosis Veronal-Schlaftabletten. Auch Stefan Zweig, angekommen im fernen Brasilien, konnte nicht mehr anders, als sich im Anbetracht der Vernichtung seiner «geistigen Heimat»iv Europa 1942 gemeinsam mit seiner Frau Lotte das Leben zu nehmen. Ähnlich tragisch erging es Walter Benjamin: Auf seiner «Todesflucht» über die Pyränaen trug er eine Aktentasche bei sich. In ihr ein Manuskript, das er über zwanzig Jahre bei sich verwahrt hatte, und das nach eigener Aussage wichtiger war als seine eigene Person. Diese 18 Thesen«Über den Begriff der Geschichte» schaffte er gerade noch, der sich ebenfalls auf der Flucht befindenden Hannah Arendt zu übergeben. Ehe er, angekommen im spanischen Grenzort Portbou, seine Lage für so aussichtlos hielt, dass auch er sich durch die Morphiumtabletten, die er seit Anbeginn seiner Reise mit sich trug, das Leben nahm.
Diese damals herrschende Aussichtslosigkeit bringt meines Wissens nach nichts in eine solche Verdichtung wie «Der Wendepunkt»(1942) von Klaus Mann. Als Thomas Manns ältester Sohn, offener Gegner des Nationalsozialismus und Herausgeber der Exilzeitschrift Die Sammlung, schrieb er über seine von ständigen Ortswechseln geprägte Flucht: «Die Emigration war nicht gut, aber man gewöhnt sich an alles, an die Unbequemlichkeiten, die Erniedrigungen, auch an die Gefahren. Einige Exilanten waren von den Nazis entführt oder ermordet worden, der Philosoph Theodor Lessing, zum Beispiel, oder der Schriftsteller Berthold Jacob. Dergleichen konnte jedem von uns geschehen. Es empfahl sich, auf der Hut zu sein. Man war es. Alles, was mit Deutschland zutun hatte, wurde unheimlich, beängstigend.»v Deutschland, das «war die Hölle, das unbetretbare Gebiet, die verfluchte Zone», deren Reichsgrenzen zu einem «feurigen Ring» geworden waren. Sein Inferno forderte am laufenden Band Opfer – geistig, mental, in letzter Instanz phyisch. So antwortete Klaus Mann auf den Selbstmord eines weiteren Freundes: «Er beging Selbstmord, weil er sich vor dem Wahnsinn fürchtete. Er beging Selbstmord, weil er die Welt für wahnsinnig hielt. Warum begeht man Selbstmord? Weil man die nächste halbe Stunde, die nächsten fünf Minuten nicht mehr erleben will, nicht mehr erleben kann.»vi
Der Wahnsinn, die Willkür, die Ohnmacht. Wir erleben sie heute wieder. Viele Autoren, Familien und Verzweifelte sind bereits gegangen. Teils desillusioniert, teils getragen von der Hoffnung, woanders nicht den Gedanken haben zu müssen, innerlich vor der Wahl zu stehen, dem Feind zuvorkommen zu wollen – sei es doch Mord oder Selbstmord. Was ich verstehe, befinde ich mich seit knapp vier Jahren doch selbst im Tessiner «Exil». Eine Entscheidung, die ich um nichts in der Welt rückgängig machen würde. Von der ich dennoch nicht behaupten würde, dass sie das absolute «Heil» verspricht. Denn, wie meine eigene Erfahrung, aber auch die Geschichten früherer Exilanten zeigen: Letzten Endes kannst du einem nicht entfliehen – dir selbst. Dich selbst nimmst du überall mit hin. Was also tust du, wenn du realisierst, dass sich der Wahnsinn dieser Welt nicht mehr umkehren lässt? Fällst du ihm anheim? Oder beginnst du, in dir selbst Heimat zu finden?
Quellen:
i Mann, Klaus (1985): Der Wendepunkt. ein Lebensbericht; mit einem Nachwort von Frido Mann. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt), Seite 291.
ii Hesse, Hermann (2018). »In den Niederungen des Aktuellen«: Die Briefe. 1933-1939, Seite 73.
iii Ebenda, Seite 60.
iv Aus Stefan Zweigs Abschiedsbrief.
v Mann, Klaus (1985), Seite 300.
vi Ebenda, Seite 339.
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