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Über den Tod hinaus fürs Leben lernen

Beim Thema Tod scheiden sich die Geister: Was für die einen das Gegenteil vom Leben ist, sozusagen der finale Abschluss, ist für andere lediglich ein Übergang. Getreu dem Motto «Es gibt mehr Leben im Tod als Tod im Leben» kann dieser als ein Wandel vom physischen hin zu einem ätherischen Zustand betrachtet werden. 

Besonders in westlichen Gesellschaften dominiert, wenn es um eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Tod geht, eher eine starke Abneigung. Obwohl unausweichlich, ist er stets abstrakt oder zumindest sehr weit weg. Der Tod ist in gewisser Weise der Elefant im Raum. Alle wissen, dass er da ist, geben sich jedoch die grösste Mühe, ihn zu ignorieren oder gar zu leugnen.

Aber wo soll unser Verständnis auch herkommen? Während in anderen Ländern der Tod sowie das Sterben als selbstverständlich zum gesellschaftlichen Leben dazugehören, neigt man hierzulande dazu, alte, pflegebedürftige oder sterbenskranke Menschen abzuschirmen oder still und leise zu verstecken.

Warum dies so ist, mag viele Gründe haben. Einen Gefallen tun wir uns damit aber sicher nicht. Im Gegenteil: Wir berauben uns durch diese Flucht vor dem Unausweichlichen einer wahrhaft grossen Gelegenheit. Von jenen, die ihren letzten Weg angetreten haben, können wir eine Menge lernen: Nicht nur über den Tod, sondern vor allen Dingen über das Leben selbst.

«Der Tod ist gewissermassen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird.» 
– Johann Wolfgang von Goethe

Diese Worte des Dichters Johann Wolfgang von Goethe verdeutlichen wohl am ehesten, wie schwer es für den Menschen ist, sich eine Welt vorzustellen, in der er selbst nicht mehr vorkommt. Zu diesem fehlenden Vorstellungsvermögen für eine Unmöglichkeit, die oftmals plötzlich und unerwartet zur Realität wird, gesellt sich bei einem Grossteil der Menschheit noch die Furcht vor dem Tod und dem damit verbundenen scheinbar unumgänglichen Ende. Doch woher überhaupt kommt diese Angst?

Ein Blick in die Natur genügt, um zu erkennen, dass sich alles Leben in einem unendlichen Kreislauf befindet. Wir Menschen hingegen neigen dazu, unser gesamtes Sein als eine Zeitlinie zu betrachten, die sich zwischen zwei statischen Anfangs- und Endpunkten, Geburt und Tod, abspielt.

«Den Tod fürchten die am Wenigsten, deren Leben den meisten Wert hat.»
– Immanuel Kant

Gerade deshalb sollte es, wie der Philosoph Immanuel Kant angemahnt hat, im Leben vielleicht vielmehr darum gehen, diesem bewusster und achtsamer zu begegnen, um der eigenen Existenz dadurch einen grösseren Wert zu verleihen.

Gewiss, in unserer schnelllebigen und auf Leistung getrimmten Welt ist dies nicht immer einfach. Wenn wir es aber schaffen, wenigstens ab und an ein wenig innezuhalten und dem einzelnen Moment mehr Raum zu geben, anstatt das Glück stets nur in der Zukunft zu suchen oder der Vergangenheit nachzuweinen, kann dies ein Türöffner für deutlich mehr Lebensqualität sein. 

Fortschritte in der Medizin erschweren den Sterbeprozess 

Die moderne Medizin hat zweifelsohne ihre Vorteile. Fakt ist aber auch, dass die heutige Gesundheitsindustrie, vor allem durch eine stetig zunehmende emotionale Distanz, das natürliche Sterben erschwert hat. 

Als Synonym für diese Entwicklung steht sicherlich die Zeit der Corona-Pandemie. Wie viele mussten in dieser Zeit ihren letzten Weg allein beschreiten, weil es selbst den engsten Familienmitgliedern untersagt war, sich an deren Bett zu setzen, Trost zu spenden oder einfach nur die Hand zu halten? 

Auf perfide Art und Weise hat man unzähligen Sterbenden genau so den vielleicht letzten grossen Liebesdienst versagt, den man einem Menschen überhaupt erweisen kann: Ihn respekt- und würdevoll gehen zu lassen. 

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René Langner ist Familienvater und ehemaliger Justizvollzugsbeamter. Er lebt in der Nähe von Leipzig. Bisher veröffentlichte er vorrangig Kurzgeschichten. Aktuell arbeitet er am Buchdebüt, welches Einblicke in seine zurückliegende berufliche Tätigkeit geben soll. 
Instagram: @rene_langner1711


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