Nach dem Imperium – und vor dem Ende der Geschichte?
Jahrzehntelang setzten die USA auf weltweite Präsenz und Interventionen auch ohne UN-Mandat. Doch wie verteilen sich Macht und Einfluss im multipolaren Zeitalter? Und geschieht womöglich doch etwas ganz anderes?
Über manche Dinge konnten sich «Linke» und «Rechte» lange Zeit einigen, was immer diese Begriffe heute noch bedeuten. Die Abscheu gegenüber der Rolle der USA als schwer bewaffneter Weltpolizist, der alle Verabredungen bricht, gehörte dazu. Der Kollege David Oehme hat dieses US-Imperium samt seiner Vordenker Henry Kissinger und Zbigniew Brzeziński in der vergangenen Ausgabe beschrieben. Der Frage, «wie die USA ihre Strategie neu ausrichten» und «welche Rollen Russland, China und Afrika in der entstehenden Weltordnung» spielen, möchte ich in diesem Artikel nachgehen.
Vom Hegemon zum Influencer
Es ist eine Ironie der Geschichte: Eigentlich müssten jene Linken, die zur Jahrtausendwende die sogenannte Antiglobalisierungsbewegung auf die Strassen brachten, die neue Haltung der USA unter Trump und Vance begrüssen. Schliesslich bedeutet sie eine Abkehr von der Rolle des globalen Sheriffs, die sich das Land ohnehin nicht mehr leisten kann. Der damals als zügelloser Raubtierkapitalismus bekämpfte Freihandel weicht einer herzhaften Zollpolitik, die an mafiöse Erpressung erinnert. Militärisch bleiben sie die Nummer eins der Welt, trimmen aber das grosse Militärbündnis NATO sowie kleinere Kooperationen wie AUKUS (ein 2021 gegründetes Sicherheitsbündnis zwischen Australien, UK und USA für den Indo-Pazifik) oder QUAD (USA, Japan, Australien und Indien zur Eindämmung des chinesischen Einflusses in der Region) stärker auf Teilung der Kosten und Fähigkeiten. Der Weg führt weg vom «Systemmacher» hin zum «Agenda-Setter», zum mächtigsten Influencer der Welt, der diesen Namen wirklich verdient – gleich in vielfachem Sinne. Technologisch bestimmt weitgehend die USA, was in der Welt geschieht, in Sachen Künstlicher Intelligenz für den Endkunden, aber auch für Militär, Überwachung und Datenauswertung. Peter Thiels Unternehmen Palantir bietet die Software und Infrastruktur für die Kriege der Zukunft, aber auch für potenzielle digitale Dystopien. Elon Musk bestückt den Himmel mit Satelliten und den Menschen mit der Hirn-Maschine-Schnittstelle. Getrieben von der Philosophie der «Dunklen Aufklärung», die an die Effizienzdiktatur der Borg aus Star Trek erinnert, sprechen diese Männer und ihre Vordenker ganz offen von der Überwindung der Demokratie zugunsten einer technokratischen Elitenherrschaft. Um mit den Borg zu sprechen: «Widerstand ist zwecklos» … und wenn der Borg-Würfel sich nähert, steht der US-Präsident dort mit auf der Brücke. Dieser lobte sich bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im September 2025 selbst für eine weitere Facette des globalen Influencertums: Er habe in seiner Amtszeit bereits sieben Kriege «beendet». Das ist leicht übertrieben, aber Trumps diplomatische Leistungen in Sachen Kambodscha–Thailand, Kosovo–Serbien, Kongo–Ruanda, Pakistan–Indien, Israel–Iran, Ägypten–Äthiopien sowie Armenien–Aserbaidschan sind beachtlich.
Wer lenkt die Flüsse?
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David Andres hat Mathematik und Psychologie studiert und arbeitet heute in der Personalberatung sowie als Ghostwriter für wirksame Wortwahl in Werbung, PR, Vortragsreden und populären Sachtexten. Er lebt tief in der deutschen Provinz und benötigt dort nur schnelles Netz und langsamen, handgemahlenen Kaffee.
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