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Ich weiss es besser, du blöder Leser

Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich hat kürzlich die Ausgabe 2025 des Jahrbuchs «Qualität der Medien» vorgestellt. Demnach nutzt knapp die Hälfte der Bevölkerung in der Schweiz keine journalistischen Medien, um sich zu informieren. Ein Kommentar.

Kürzlich erschien die Ausgabe 2025 des Jahrbuchs «Qualität der Medien» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich. In pathetischem Alarmton wird vermeldet: «News-Deprivation nimmt weiter zu – mit Folgen für die Demokratie».

Mit steigender «News-Deprivation» meint das fög die zunehmende Anzahl Menschen, die journalistische Medien nicht mehr zu Informationszwecken nutzt. 2025 zählten gemäss fög knapp 47 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz dazu, ein Anstieg von 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr und mehr als eine Verdopplung seit 2009. Wobei «Deprivation» in diesem Zusammenhang eigentlich Beraubung bedeutet (Wortstamm deprivatio). Nun ist es nicht so, dass den Nutzern der Medienkonsum vorenthalten wird, denn das Angebot ist enorm. Eher herrscht ein Überangebot.

Nun haben die Forscher über die Folgen der «News-Deprivation» philosophiert. Das ist einfach, weil man sich in plausible Annahmen und wohlgeformte Meinungen flüchten kann. Prognosen müssen ja nicht zutreffen, ansonsten gibt es immer gute Gründe, warum es eben doch anders gekommen ist. Ursachen für die konstatierte Entwicklung zu finden dagegen ist schwieriger, aber das spart das fög aus.Stattdessen appelliert das Institut: Nutzt gefälligst die Super-Qualitätsmedien aus der Super-Verlagslandschaft, sonst ist es aus mit der Super-Demokratie. Und genau dieser hochtrabende Tonfall mit ausgehöhlten Begriffen ist es mitunter, was heute so viele Medien ungeniessbar macht: Viel Meinung, wenig Fakten, noch weniger Erkenntnis. Ich weiss es besser, du blöder Leser. Weil ich es sage. Und so gibt es vom fög wenig Kritik für die Medien, im Gegenteil: Sie bekommen im Wesentlichen eine gute Qualität attestiert.

Möglichst hoher Medienkonsum ist offenbar per se gut und erwünscht, vorausgesetzt, es gibt ein ausreichend vielfältiges Medienuniversum, das ein qualitativ hochstehendes Angebot zur Verfügung stellt, so lautet zumindest die Theorie über die Medien als «Vierte Gewalt» im Staat. Ein hehres Ideal, selten realitätsgeprüft.

Corona hallt nach

Zum Beispiel war da doch etwas mit Corona. Die Hysterie von damals hallt noch nach. Bis auf mikroskopische Ausnahmen haben die Leitmedien versagt, und zwar systematisch, und bis heute kaum Fehler eingeräumt. Nicht zu vergessen die Standleitung des Bundesamts für Gesundheit unter Alain Berset und seinem Kommunikationschef zum Blick aus dem Hause Ringier, dessen CEO Marc Walder seine Schweizer Kollegen auf die Mission Hofberichterstattung einschwor. Oder das Schweizer Fernsehen SRF, das über die RKI-Protokolle, die belegen, dass die Pandemiemassnahmen nicht wissenschaftlichen, sondern politischen Vorgaben folgten, nicht berichtete und sich dafür immerhin einen Rüffel von der Ombudsstelle einfing. Trotzdem stellt sich «10vor10»-Moderator Arthur Honegger bei der Charmeoffensive «D Schwiiz hebt zäme» der SRG gegen die SRG-Initiative, die eine Gebührensenkung fordert (Abstimmung am 8. März 2026), vor die Kamera und behauptet, es gebe keine Zensur beim SRF. Seine Arbeitgeberin, die sich durch einen Deal mit dem Verband Schweizer Medien (ohne TX Group) die Unterstützung von dessen Medienhäusern in der Sache der SRG-Initiative gesichert hat, steigert damit auch nicht gerade die Glaubwürdigkeit des Zwangsgebührenapparats und der anderen Medien.

Im Zusammenhang mit den öffentlich-rechtlichen Sendern sei an dieser Stelle auf den neuesten Skandal der BBC in Grossbritannien verwiesen. Es ist ein herausragendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn Ideologie tief genug in eine ganze Institution einsickert und gelegentlich die mehrstufigen internen «Editorial Guidelines» auszuschalten vermag.

Die BBC hatte eine Rede von US-Präsident Donald Trump so zusammengebastelt, als hätte er nach seiner Wahlniederlage gegen Joe Biden unmittelbar zum «Sturm auf das Kapitol» am 6. Januar 2021 aufgerufen. Unterstützt wurde der Beitrag mit entsprechendem Bildmaterial, so als befolgten die Demonstranten direkt Trumps Aufruf. Damit hatte die BBC den Wahlkampf direkt und parteiisch beeinflusst.

Bei der BBC hat sich offenbar eine interne Kultur entwickelt, die aktivistischen Haltungsjournalismus fördert – intern war die Fehlleistung bekannt, es wurde aber nichts dagegen unternommen. Das erinnert stark an Corona: aktivistische Wissenschaftler, die selber Politik machen wollten. Endlich konnten sie ihr stilles Kämmerlein hinter sich lassen und fanden in sensationsgierigen Medien, die Auflage und Klicks witterten, dankende Partner, die ihnen Öffentlichkeit und Anerkennung verschafften. Krise bedeutete Wichtigkeit; keine Krise bedeutet Bedeutungslosigkeit.

Etwas eint in dieser Hinsicht Medien und Politik: Der Grossteil ihres Personals entstammt Hochschulen (freilich auch jenes der Wissenschaft selbst), wo offenbar verlernt worden ist, Selbstreflexion zu betreiben, um Irrtümer zu korrigieren. Gesinnung und affektives Empörungsmanagement sind wichtiger geworden als Argumentation und Analyse. So wird es selbstverständlich, dass Selbststilisierung wichtiger ist als journalistische Standards. Die gleiche Haltung kultivieren jene politischen Parteien, die den Kontakt zur Bevölkerung verloren haben. Nicht das schlechte Angebot könnte die Ursache für Wahlverluste sein, nein, der doofe Wähler, der uns nicht wählt, ist schuld.

Selbstwiderspruch beim fög

Blättern wir zu einem anderen schlagzeilenträchtigen Thema: Wie sieht es bezüglich ausgewogener Berichterstattung im Ukrainekrieg aus? Viel Kriegsgeheul und Aufrüstungspropaganda. Putin steht in Kürze vor dem Bundeshaus, heisst es seit fast vier Jahren. Armee-Oberst Georg Häsler darf sich in der NZZ notorisch an seinem Feindbild abarbeiten. Zu Pressekonferenzen erscheint er gerne in seiner Militäruniform.

Es liessen sich unzählige weitere Beispiele wie die hier genannten Fälle auflisten, um zu zeigen, dass es nur verständlich ist, wenn Mediennutzer dieser Art von Information immer mehr entsagen. Nur im Elfenbeinturm luftdicht von der Realität abgeschottete Idealtheoretiker können schlussfolgern, diese Form von «News-Deprivation» habe Folgen für «die Demokratie». Nur weil «News-Deprivierte» sich nicht täglich von der SRF-«Tagesschau» berieseln lassen, sind sie noch lange keine politische Gefahr. Die fög-Studie zeigt selber, dass der Grossteil der «News-Deprivierten» sich politisch mittig verortet und die Vielnutzer jene sind, die am ausgeprägtesten den Wunsch nach einer starken politischen Führung zeigen. Auf diesen Widerspruch angesprochen, meinte fög-Direktor Mark Eisenegger im Tages-Anzeiger-Interview lapidar: «Tatsächlich hat mich dieser Befund selbst überrascht.» Gleichzeitig relativierte er die Formulierung «politische Führung» – damit sei nicht ein «autoritäres System» gemeint, sondern «Leadership».

Wenn die Forscher je auch nur einen Tag vor Ort in einer Redaktion verbracht haben, dann müssten sie wissen, dass der praktische Arbeitsalltag im Journalismus vielerorts ungefähr so aussieht: steigender Zeitdruck, Angst vor Entlassungen, Zusammenlegung von Redaktionen und Titeln, weniger Seitenzahlen, der wachsende Einfluss der PR-Industrie etc. Heisst: mehr Konformitätszwang und mehr Einheitsbrei.

Ist all dies aus der Perspektive des Konsumenten ein verlockendes Angebot? Die Journalisten müssen sich allzu oft mit Pseudo-Journalismus zufriedengeben, weil knappe Zeit und Ressourcen keine Recherche oder Reflexion mehr zulassen. Resultat: moralingetränkte Meinung, Fremdmeldungen übernehmen, Abschreiben, Gärtchendenken, Besserwissertum und als Ratschläge getarnte Werbung – «Sponsored Content» oder so ähnlich.

Bei tatsächlichen Fake News von diesem Ausmass braucht sich niemand über «News-Deprivation» zu wundern. Jetzt kann man sich fragen, ob die Vermeidung von pseudo-journalistischen Informationen der «Demokratie» schadet. Niemanden – ausser das fög – kann es überraschen, dass das Vertrauen in die Medien und Politik schwindet. Steigende «News-Deprivation» ist da schon eher Selbstschutz.


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