Kinder brauchen keine Kinder
Als ich zum ersten Mal den Satz «Kinder brauchen keine Kinder» laut aussprach, erntete ich verständnislose Blicke – und manchmal sogar Widerstand. Ja, Kinder lieben Kinder! Auch unsere genossen es, zu spielen, zu lachen, Freundschaften zu knüpfen.
Doch in den entscheidenden Jahren brauchen sie vor allem eines: eine sichere Bindung an reife, zugewandte Bezugsmenschen. Nicht Gleichaltrige geben Halt, Orientierung oder gehen achtsam auf die authentischen Bedürfnisse ein. Es sind wir – Eltern, Grosseltern, Paten, vertraute Erwachsene –, die vorleben, was es heisst, Mensch zu sein.
Ein Kind braucht Menschen, bei denen es sich wirklich gesehen und geliebt fühlt. Daraus entsteht die innere Gewissheit: Ich bin genau richtig, so wie ich bin. Diese emotionale Sicherheit schenkt ihm Wurzeln – und Flügel, um mutig die Welt zu entdecken.
Trotzdem gilt es heute als selbstverständlich, Kinder möglichst früh an Hort, Krippe, Spielgruppe oder Kindergarten abzugeben. Die Botschaft scheint eindeutig: Kinder brauchen Kinder. Und nur wenige hinterfragen das.
Der kanadische Bindungsforscher Gordon Neufeld bringt es auf den Punkt: Kinder sind wie junge Pf lanzen. Sie brauchen Wurzeln, bevor sie wachsen und sich entfalten können. Diese Wurzeln entstehen in der Bindung an Erwachsene. Stellen wir sie zu früh in die «soziale Sonne», in der Hoffnung, sie würden im Miteinander mit Gleichaltrigen lernen, sich in der Welt zurechtzufinden, verlieren sie oft den inneren Halt.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie kraftvoll es ist, wenn Kinder in einer echten, verlässlichen Beziehung zu ihren Bezugsmenschen sind. Dort, wo sie sich bedingungslos angenommen fühlen, dürfen sie sich entfalten – nicht angepasst, sondern in ihrer Einzigartigkeit. Sie werden nicht abhängig, sondern innerlich stark, weil sie sich gehalten und geborgen wissen.
Umso deutlicher sehe ich heute: Wenn diese Geborgenheit fehlt, suchen Kinder unbewusst im Aussen nach dem, was ihnen fehlt. Sie orientieren sich an Gleichaltrigen, passen sich an, wollen gefallen, dazugehören, sich Liebe verdienen – nicht aus echter Verbindung, sondern aus einem inneren Mangel. Dabei geht oft ein grosses Stück ihrer inneren Freiheit verloren.
Mich wundert immer wieder, wie wenig hinterfragt wird, ob ein Kind überhaupt Zeit mit sich selbst hat – zum Innehalten, Verarbeiten, zum Eintauchen in sein eigenes Sein. Stattdessen richtet sich der Blick fast ausschliesslich nach aussen: Verabredungen, Programme, Vereine – alles gut gemeint, oft getragen von der Sorge, das Kind könne sonst etwas verpassen. Doch gerade in stillen Momenten, im freien Spiel, im gemeinsamen Nichtstun oder in der liebevollen Nähe vertrauter Bezugsmenschen entfaltet sich das, was wir Entfaltung nennen: aus sich selbst heraus, im eigenen Tempo, im geschützten Raum. Kinder brauchen nicht möglichst viele soziale Kontakte – sie brauchen tiefe Verbindung sowie Zeit und Raum.
Es geht keineswegs darum, Kinder von anderen Kindern fernzuhalten. Im Gegenteil: Sie sollen in Beziehung treten – mit anderen, mit der Welt, und auch mit sich selbst.
Doch das gelingt nur dann wirklich, wenn sie innerlich auf sicherem Boden stehen. Und dieser Boden entsteht dort, wo sie sich zutiefst gehalten, gesehen und geliebt fühlen – bei ihren nächsten Bezugsmenschen.
Nur aus solcher Bindung heraus können Kinder mutig ins Leben gehen, neugierig lernen und dabei ganz sich selbst bleiben. Denn wahre Freiheit wächst aus Geborgenheit.
Und Einzigartigkeit entfaltet sich dort, wo ein Kind nichts leisten oder beweisen muss, um geliebt zu werden.
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Doris Gantenbein ist Dreifach-Mama, Unschooling-Pionierin, Autorin, Gründerin von Elternkunst®, Ausbildnerin und Mentorin.
elternkunst.ch
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