Hegemonie oder Untergang
Zur inneren Logik westlicher Gewalt. Eine Rezension zu Rainer Mausfelds neustem Buch
«Die Gewehrkugel war Mittel
der physischen Unterwerfung.
Die Sprache war Werkzeug
der geistigen Unterwerfung.»
― Ngũgĩ wa Thiong’o
Was genau ist eigentlich in der Krise, wenn vom «Niedergang des Westens» die Rede ist? Seine Werte? Seine Institutionen? Oder nur seine Fähigkeit, sich selbst weiterhin als moralische Instanz zu behaupten? Rainer Mausfelds «Hegemonie oder Untergang» setzt an einem Punkt an, an dem diese Fragen nicht mehr rhetorisch beantwortet werden können. In seinem neuesten Buch behauptet er: Die Krise ist real, aber sie betrifft nicht das, was der Westen vorgibt zu verlieren, sondern das, was er selbst nicht nur nie aufgeben, sondern auch nie preisgeben wollte – seine hegemoniale Lebensform.
Wie von ihm gewohnt, widerspricht Mausfeld der gängigen Erzählung, nach der liberale Demokratien unter Druck geraten seien, weil autoritäre Kräfte sie von aussen und innen bedrohen. Für ihn liegt der Fehler bereits im Ausgangsbegriff: Eine Demokratie, die den Namen verdient, habe es im Westen nie gegeben. Was heute als Krise erscheint, ist demnach nicht der Verfall eines demokratischen Ideals, sondern das Sichtbarwerden einer Ordnung, die lange Zeit nur durch ideologische Maskierung stabil war. Die zunehmende Autoritarisierung ist in dieser Perspektive kein Unfall, sondern eine logische Reaktion auf schwindende Kontrolle.
Kurzum: Was nicht existiert, kann auch keine Krisen erleiden. Wenn nun aber Demokratie im Westen primär ein Legitimationsnarrativ war – was genau verteidigen wir dann eigentlich, wenn wir von «unseren Werten» sprechen? Mausfelds Antwort ist eindeutig: Verteidigt wird keine politische Selbstbestimmung, sondern ein globaler status quo, der dem Westen über Jahrzehnte hinweg unverhältnismässige Vorteile gesichert hat. Militärische Dominanz, ökonomische Erpressungsmacht, die Kontrolle globaler Finanz- und Handelsströme – all das bildet die materielle Grundlage einer Lebensweise, die sich als «moralisch» tarnt.
In diesem Sinne erscheint der Westen bei Mausfeld nicht als Kulturraum, sondern als Machtformation, dessen Geschichte sich weniger als Fortschrittsgeschichte liest, denn als Abfolge von Gewaltverhältnissen, die jeweils neu legitimiert wurden: Kolonialismus als Zivilisierungsmission, Kalter Krieg als Freiheitskampf, neoliberale Globalisierung als Entwicklungshilfe, militärische Interventionen als Menschenrechtspolitik. Was sich ändert, sind die Begründungen, nicht die Struktur.
Besonders eindringlich wird diese Kontinuität dort, wo Mausfeld über Sanktionen schreibt. Sie gelten im öffentlichen Diskurs als mildes, rationales Instrument der Aussenpolitik. Mausfeld zeigt hingegen, dass sie als Form kollektiver Bestrafung funktionieren, deren tödliche Folgen gerade deshalb politisch tragbar sind, weil sie unsichtbar bleiben. Hier stellt sich eine weitere unbequeme Frage: Warum empören uns Bomben, aber nicht verhungernde Bevölkerungen? Liegt es an der Gewalt selbst – oder an ihrer medialen Darstellbarkeit?
An diesem Punkt verschiebt sich Mausfelds Analyse von der Ebene der Politik auf die des Bewusstseins: Gewalt, so seine These, muss nicht geleugnet werden, um wirksam zu sein. Es genügt, sie aus dem Bereich moralischer Verantwortlichkeit herauszulösen. Der Westen habe darin eine besondere Kompetenz entwickelt. Nicht durch plumpe Propaganda, sondern durch die Erzeugung eines Denkrahmens à la Noam Chomsky, in dem bestimmte Fragen gar nicht mehr gestellt werden (können). Welche Länder gelten als Opfer, welche als Bedrohung? Wessen Tote zählen, wessen erscheinen als Kollateralschäden? Und wer ist für sie verantwortlich? Besonders die Antworten auf jene Schuldfrage scheinen vorstrukturiert.
Weshalb der Kognitionsforscher Mausfeld hier auch das tiefgreifendste Problem und die grösste Herausforderung für unser zukünftiges Zusammenleben sieht: dass ideologische Macht heute so tief greift, dass sie nicht nur Meinungen, sondern im Kern auch Wahrnehmungs- und Denkformen prägt. Begriffe wie Freiheit oder Demokratie fungieren nicht mehr als politische Ziele, sondern als Marker moralischer Zugehörigkeit. Sie bezeichnen weniger reale Zustände als die Seite, auf der man zu stehen hat. Wer sie infrage stellt, steht – bekanntermassen – ausserhalb des Sagbaren.
Was aber, wenn ideologische Macht derart umfassend ist, dass selbst Kritik leicht integriert oder neutralisiert wird – wo genau verortet Mausfeld dann noch Handlungsmöglichkeiten? An dieser Stelle ist Mausfelds Analyse zwar weiterhin präzise, aber sie droht gelegentlich, sich selbst zu verschliessen. Wer ist das Subjekt der Veränderung, wenn das individuelle wie kollektive Bewusstsein selbst zur umkämpften Infrastruktur geworden ist?
Diese Frage wird umso dringlicher, wenn Mausfeld den Blick auf die Gegenwart richtet: Die zunehmende Militarisierung Europas, die Bereitschaft zur Eskalation gegenüber konkurrierenden Machtzentren, die offene Inkaufnahme extremer Risiken – all das interpretiert er als Ausdruck eines hegemonialen Endspielmodus. Eine Ordnung, die sich nicht begrenzen kann, reagiert auf Kontrollverlust mit Intensivierung. Lieber Eskalation als Anpassung. Lieber Zerstörung als Verzicht.
Auch Donald Trump erscheint in diesem Zusammenhang nicht als Abweichung, wie viele vielleicht immer noch zu hoffen versuchen, sondern als entstelltes Symptom. Die moralische Empörung über seine Person verdeckt für Mausfeld, dass sich an den grundlegenden Zielen westlicher Politik wenig geändert hat. Der Konflikt verläuft nicht zwischen Demokratie und Autoritarismus, sondern zwischen unterschiedlichen Elitenstrategien zur Sicherung derselben globalen Dominanz.
Allgemein bleibt offen, ob Mausfeld die inneren Widersprüche westlicher Gesellschaften ausreichend ernst nimmt: Proteste, soziale Bewegungen, reale politische Kämpfe erscheinen oft nur als Randphänomene einer übermächtigen Struktur. Dieser Fokus auf das Systemische verleiht seiner Analyse eine klare Struktur, nimmt aber auch ihr das Menschliche – beziehungsweise, lässt sie in dem gleichen Licht wie das Objekt seiner Kritik erscheinen: dass der Einzelne nicht zähle und keine Veränderungsmacht besässe. Zwar erwähnt Mausfeld die Macht des Bewusstseins, aber primär in ihrer negativen, unterdrückten und manipulierten Weise. Indem er die positive Kraft des Bewusstseins, der kollektiven Bewusstseinserweiterung relativ unbeachtet lässt, besteht die Gefahr, dass aus einer Diagnose der Macht eine Theorie ihrer Unausweichlichkeit wird.
Am Ende versucht Mausfeld, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Er verweist auf etwas, das sich seiner Meinung nach nicht vollständig kolonisieren lässt: das menschliche Bedürfnis, nicht dauerhaft unter fremdem Willen zu leben. Solidarität, Widerstand, emanzipatorische Kämpfe – sie erscheinen bei ihm nicht als Garantien, sondern als fragile Möglichkeiten. Hoffnung ist hier kein Versprechen, sondern eine Entscheidung gegen Resignation.
Zweifelsfrei: «Hegemonie oder Untergang» ist kein Buch, das beruhigt. Es lässt viele Fragen offen – vielleicht zu viele. Aber gerade darin liegt seine politische Zumutung. Es fordert nicht Zustimmung, sondern Positionierung. Wer es liest, muss sich fragen, ob die vermeintliche Normalität, in der wir leben, tatsächlich verteidigt werden sollte – oder ob sie selbst Teil des Problems ist.
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Rainer Mausfeld studierte Psychologie, Mathematik und Philosophie. Er hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel inne. Er publizierte mehrfach zum Thema der «weissen Folter». Zuletzt erschienen von ihm «Warum schweigen die Lämmer?», «Angst und Macht» sowie «Hybris und Nemesis».
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