Hannah Arendts Lektion
Am 4. Dezember jährte sich der Todestag von Hannah Arendt zum 50. Mal. Eine Denkerin, deren Werk gerade heute wichtiger denn je ist.
Hannah Arendt (1906 – 1975) gilt als eine der wirkmächtigsten politischen Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts. Besonders bekannt ist sie für ihre Forschung über Totalitarismus, die sie in «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft» (1951) niedergeschrieben hat.
Die Jüdin floh vor den Nationalsozialisten, erst nach Frankreich, dann in die USA, und verfolgte 1961 den Eichmann-Prozess in Israel, worüber sie «Eichmann in Jerusalem» schrieb. Durch ihre Publikation über den Gerichtsprozess gegen den deutschen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann ist ihre Formel von der «Banalität des Bösen» in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
Der Begriff bezieht sich auf Eichmann, der als Funktionär zuständig für den Transport von Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs in die Konzentrations- und Vernichtungslager war. Eichmann erschien Arendt aber doch so durchschnittlich, normal und unauffällig, als jemand, der seine Taten mit Gehorsam und Pflicht rechtfertigte. Ein Bürokrat, dem man beim besten Willen keine dämonische Tiefe abgewinnen könne, weder Hass noch Fanatismus.
Negativer Fortschritt
Arendt analysierte als historische Beispiele sowohl den Nationalsozialismus als auch den Stalinismus, zwei typische moderne Phänomene der im 20. Jahrhundert aufkommenden Massengesellschaft. Die Mechanismen dieser totalitären Systeme lassen sich aber auch auf andere politische Systeme übertragen, besonders dann, wenn die offensichtlichen Machtinstrumente der Unterdrückung, wie Konzentrations- und Arbeitslager, abstrahiert werden. Das macht Arendts Denken für die Gegenwart interessant.
Ein totalitäres politisches System strebt nach der totalen Beherrschung des Menschen. Das Denken wird mit einer gültigen, allumfassenden Weltanschauung oder Wahrheit besetzt und bestimmt bis ins Privatleben hinein. Rechtfertigungsgründe sind austauschbar und immer auf ein angeblich höheres Ziel gerichtet, in dessen Namen das Urteil bereits gefällt ist. Sicherheit, Gesundheit, Nachhaltigkeit – wer kann schon dagegen sein?
Das heisst: Freiheit zur Selbstbestimmung wird abgeschafft, das Individuum aufgelöst, der Mensch zur austauschbaren Masse. Arendt sprach von der «Überflüssigmachung des Menschen». Dies geht einher mit sozialer Entwurzelung, Entfremdung und politischer Ohnmacht. Der Verlust von ethischen Orientierungsrastern führt zu einer atomisierten Gesellschaft, die anfällig für Totalitarismus wird.
Durch die immer grössere soziale Vereinzelung entsteht heute im Interesse der Staatsgewalt mithilfe von Digitalisierung und Verhaltensforschung eine zunehmende überwachungsbasierte Technokratie. Social-Credit-Systeme und retortenartige Smart Cities wie Songdo in Südkorea sind Beispiele einer postmodernen Fortschrittsideologie, die alle Begriffe umlügt.
Der absolute Ordnungswillen wird besessen von totalitären Regeln, der keine Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit kennt. Der heutige Mensch, sich selbst und dem Anderen entfremdet, wird seiner Angst und Orientierungslosigkeit dadurch zu entkommen versuchen, indem er das Angebot der Ordnung und Kontrolle nutzt. Der Einzelne verlernt, frei zu sein. Er wird zum Komplizen des Regimes, das ihn unterdrückt.
Die Welt bejahen
Für Arendt, die sich auch am antiken griechischen Philosophen Aristoteles orientierte, war der innere Kern von politischer Freiheit nicht an einen subjektiven Willen gekoppelt, sondern vielmehr an die Fähigkeit der Öffentlichkeit, gemeinsam Neues zu initiieren, Unerwartetes hervorzubringen und die Welt abseits von bestehenden Zwängen zu verändern.
Arendt vertrat ein optimistisches Freiheitsverständnis in der Überzeugung, dass Geschichte gestaltet werden kann. Politik entsteht zwischen Menschen, die gleich und verschieden sind. So können Menschen die Verantwortung für sich und die Welt – trotz ihrer Widersprüchlichkeit – übernehmen. Immer wieder neu, immer wieder vom Anfang her begründet: «Alle Freiheit liegt in diesem Anfangenkönnen beschlossen. Über den Anfang hat keine zwangsläufige Argumentation je Gewalt …»
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