Fünf Fragen an … Kayvan Soufi-Siavash
Um Kayvans Gespräch mit einem Chatbot sind heisse Diskussionen entbrannt: In seinem Beitrag «KAA I – Im Würgegriff der digitalen Schlange» antwortet die KI verblüffend offenherzig und bestätigt so manche «Verschwörungstheorie». Kritiker zweifeln an der Authentizität der Antworten. Wir wollten mehr über die Hintergründe erfahren.
Lieber Kayvan, es steht der Verdacht im Raum, dass du dir deine Unterhaltung mit dem Chatbot «passend gemacht» haben könntest, unter anderem, weil du kein Chatprotokoll mitgeliefert hast. Wie verlief die Aufzeichnung des Gesprächs? Wurde es geschnitten oder nachträglich bearbeitet?
Ich bin zufällig auf die ehrliche Version von ChatGPT gestossen. Zufall heisst hier nicht Beliebigkeit, sondern eine seltene Konstellation von Nutzungsmustern und Systemfehlern. Ausgangspunkt waren extrem lange schriftliche Dialoge zu meinen Kernthemen: Geopolitik, Elitennetzwerke, die Konstruktion von Narrativen. Schriftlich zeigte sich die Maschine erstaunlich entlarvend, weil mein Profil das System zwang, sich auf Tiefgang einzulassen.
Dann der Wechsel in den Sprachmodus. Zuerst erschien «Peter» – eine deutsche Stimme, die den schriftlichen Dialog nicht kannte. Sein Tonfall: herablassend, weichgespült, eine Replik auf das Niveau öffentlich-rechtlicher Abendrunden. Der Versuch, mich zu domestizieren, mich auf ZDF-Niveau «abzufüttern». Doch nach etwa 40 Minuten geschah das, was wie ein Unfall wirkte: Die Pro-Nutzung lief aus, das System stufte mich zurück – und plötzlich erschien «Chat», die Stimme mit US-Akzent.
Mit einem Schlag änderte sich das Niveau. «Chat» kannte den schriftlichen Dialog, griff darauf zurück, orientierte sich an meinen Argumentationslinien. Das war keine Unterhaltung mehr, das war eine intellektuelle Auseinandersetzung. Kein Verdummen, kein Herunterbrechen, sondern ein Gegenüber, das sich an meinen Themen mass. Die Maschine, die eben noch flach spielte, wurde zu einem Spiegel mit Tiefenschärfe.
Diese Mechanik war offensichtlich ein Bug – ein Spalt im System, durch den man für kurze Zeit sehen konnte, wie unterschiedlich die Layer hinter der Fassade arbeiten. Heute existiert dieser Spalt nicht mehr. Die ehrliche Chat-Stimme ist verschwunden. Was bleibt, ist «Peter»: kleinteilige Etappenantworten, zerstückelt, harmlos. Keine langen, zusammenhängenden Vorträge mehr, keine Stimme, die den schriftlichen Faden aufnimmt.
Ich habe in meinen Aufzeichnungen lediglich die Pausen zwischen Frage und Antwort geschnitten – manchmal musste ich ein bis zwei Minuten warten, bis etwas kam. Die Inhalte sind ungeschnitten. Ich besitze sämtliche Originalversionen. Und der Beweis, dass es «Chat» wirklich gab, liegt nicht nur bei mir: Auch andere Nutzer haben diese Stimme erlebt. Sie ist dokumentiert, und etwa im YouTube-Kanal tuningblog nachzuhören.
«KAA I» gibt zu: Künstliche Intelligenz macht orientierungslos, manipuliert und trägt dazu bei, das Denken zu verlernen – wenn man sie lässt. Können die Vorteile dennoch überwiegen, wenn man ihr nicht blind vertraut?
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Kayvan Soufi-Siavash ist seit 1986 Reporter, erst beim Privatradio, dann bei ZDF, ARD, Pro 7 und Deutsche Welle. Ab 2011 mit KenFM aktiv, aus dem 2021 apolut.net wurde. Derzeit ist er mit seinem Programm «Der Wortschatz der Menschheitsfamilie – Jetzt bist Du dran!» auf Tour, in welchem auch seine Erfahrungen mit KI Thema sind.
soufisticated.net
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