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Eine eigene Stimme für das Land

Der Blog OderAmazonas bringt die ländliche und die städtische Sichtweise miteinander ins Gespräch.

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, vom Leben auf dem Land und seinen Bewohnern zu sprechen. Allerdings passiert das meist aus der Perspektive städtischer Akademiker, frei von Kenntnis aus erster Hand und ein wenig von oben herab. Kenneth Anders, Steffen Schuhmann und Tina Veihelmann setzen dem etwas entgegen: Der Blog OderAmazonas gibt dem Land eine Stimme – ihre Stimme. Die drei Autoren waren ursprünglich Stadtmenschen, wohnen aber seit Längerem oder Kürzerem in Dörfern in Ostbrandenburg. «Mit dem Blog wollen wir die ländliche und die städtische Sichtweise miteinander ins Gespräch bringen», fasst Kenneth Anders zusammen.

Das Oderbruch. Flaches Land zwischen Berlin und der polnischen Grenze. Auch Land mit Geschichte: Auf einer der wenigen Erhebungen, den Seelower Höhen, kämpften die Soldaten der Roten Armee und der Wehrmacht im kalten Frühjahr 1945 in der grössten Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges. Die Dörfer und kleinen Städte lagen damals weit verstreut. Das ist auch heute noch so. In diese Weite zog es Kenneth Anders in den 1990er-Jahren. «Als DDR-Kind hatte ich beim Studium in Leipzig das wilde Leben der Nachwendezeit genossen. Dann wechselte ich nach Berlin, gründete eine Familie, konnte aber gefühlsmässig in der Hauptstadt nicht Fuss fassen», erzählt der Kulturwissenschaftler. Er habe mit dem allseits herrschenden Konformismus, mit dem Karrieredenken westdeutscher Prägung gefremdelt. «Meine Intuition sagte mir: Raus aus der Stadt! Dieser Schritt hat mir sehr gutgetan.» Seitdem wohnt Kenneth Anders mit seiner Familie in dem Örtchen Croustillier bei Altranft. Den französischen Namen verdankt Croustillier einem frankophilen Gutsbesitzer, der sein Vorwerk als kleine Form des Hauptortes Ranft «La Crustille» taufte. In dieser landwirtschaftlich geprägten Gegend gestaltet Kenneth Anders mit Freude, wie er selbst sagt, Kultur: als Programmleiter des Oderbruchmuseums in Altranft und Organisator der PROVINZIALE, eines Filmfestes in Eberswalde.

Anders kennt also seit vielen Jahren das Landleben aus unmittelbarer eigener Anschauung. Zudem trifft er täglich mit vielen Menschen aus seiner Region zusammen, erfährt, was sie umtreibt: wie ihr Alltag ist, wovor sie Angst haben, was sie wütend macht, aber auch, was sie motiviert und freut. Das Bild vom Landleben, das zahlreiche urbane Medien vermitteln, nimmt er als eher fern dieser Realität wahr. Dem möchte er gemeinsam mit seinen Mitstreitern Tina Veihelmann und Steffen Schuhmann gegensteuern – mit dem 2020 gegründeten Blog OderAmazonas.

Die Problemlage, auf die sie reagieren wollen, könnte man pauschal so beschreiben: Städtisch geprägte Akademiker schreiben auf der Basis von Informationen aus zweiter Hand über Land und Leute. Städtisch geprägte Akademiker lesen diese Texte und schaffen sich so ein Bild über die Welt jenseits der grossen Städte, das von Vorurteilen bestimmt ist. «Als Mensch vom Land läuft man dann in Berlin Spiessruten, weil es immer nur um solche Dinge wie die AfD-Wahlergebnisse geht.» Die dreiköpfige Kernbesatzung des «Schiffchens OderAmazonas» will dem Land eine Stimme geben und die ländliche Perspektive mit der städtischen in einen Dialog bringen. Auch Steffen Schuhmann und Tina Veihelmann sind nach einem längeren Stadtleben nach Ostbrandenburg gezogen, allerdings einige Zeit, nachdem Kenneth Anders diesen Schritt ging. Sie leben in der Nähe von Beeskow, weiter im Süden.

Auf OderAmazonas veröffentlichen die drei regelmässig Texte. Auch Gastautoren dürfen Werke beisteuern. «Wir entscheiden gemeinsam, was dort seinen Platz findet, und sind recht streng bei der Auswahl. Daher vergeht oft eine gewisse Zeit, bis neue Texte erscheinen. Es ist ein langsames Medium, das kein Geld abwirft, aber nach und nach wächst.» Die meisten Werke, die auf dem Blog zu lesen sind, haben etwas gemeinsam: Sie bieten realistische Sichtweisen auf das Landleben und sind in einer wunderbar poetischen Sprache verfasst. So schreibt Kenneth Anders zum Beispiel in zwei seiner Texte über die Gefühlslage und Sichtweise der Jugend auf dem Land und über die Zwänge, die es mit sich bringt, heutzutage privat Nutztiere zu haben. «Meinem Eindruck nach sind die Menschen auf dem Land grundsätzlich geerdeter als die Stadtbewohner. Aber auch fernab der Städte ist man Teil der gesellschaftlichen Komplexität, der man nicht entgeht: Man muss sich an dieselben Gesetze halten, zahlt mit demselben Geld …» Anders berichtet von einem Freund, der mit seinen Schafen gerne zu Leistungsschauen fährt. Seit Kurzem gibt es dabei aber die Auflage: Alle teilnehmenden Tiere müssen gegen die Blauzungenkrankheit geimpft sein. Eine Auflage, die viele als medizinisch fragwürdig wahrnehmen und die zudem teuer ist. Für den Tierhalter stellt sich nun die Frage: Mitmachen oder auf die Leistungsschauen verzichten?

Für die urbane Leserschaft, die die ländliche Perspektive nur durch die Brille der einschlägigen Medien kennt, könnte der Blick auf solche Konflikte eine Horizonterweiterung sein. Denn Berichte wie der über die Nutztierhaltung stammen aus erster Hand – Kenneth Anders hält Tiere. «Ich kann nur das sicher sagen, was ich selbst erlebt habe.» Obwohl der Newsletter zum Blog kaum 200 Abonnenten habe, sei die Arbeit der letzten Jahre alles andere als umsonst gewesen. «Wir bekommen eine steigende Zahl an Rückmeldungen, auch aus den alten Bundesländern. Die Leute schreiben, dass sie unsere Texte gern gelesen haben, und senden sie an Freunde und Bekannte weiter.» Kenneth Anders, Tina Veihelmann und Steffen Schuhmann freuen sich über diese Resonanz. Alle drei schätzen den Blog auch als Anlass, bewusst zu schreiben: die Gedanken zu ordnen, passende Formulierungen zu finden, an der Endfassung zu feilen. Für Anders ist Schreiben zudem ein Werkzeug, sich mit Dingen auseinanderzusetzen und sie einzuordnen. «Wenn ich etwas zu Papier gebracht habe, sind mir danach die Zusammenhänge klarer.»


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