«Eddington»
Vom cineastischen Versuch, den Zeitgeist zu kritisieren.
Was als filmische Corona-Satire beginnt, endet mit der übersteuerten Darstellung einer Gesellschaft, die mit sich überfordert scheint.
Es ist das Jahr 2020. Eddington, eine fiktive Kleinstadt im US-Bundesstaat New Mexico an der Grenze zum Stammesgebiet der Pueblo, ist Schauplatz der Corona-Krise. Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) schert sich wenig um politische Massnahmen – im Gegensatz zum Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), der sich durch den Bau eines Datenzentrums in der Stadt die Wiederwahl sicher will. Eine Polizeistreife macht dem Sheriff klar, er möge in seinem Auto doch bitte eine Maske aufsetzen, auch wenn er allein unterwegs ist. Vorschrift ist Vorschrift. Nach einem hitzigen Gespräch auf offener Strasse hat der Sheriff genug von Garcia und will selbst als Bürgermeister kandidieren, als Eddington von den «Black Lives Matter»-Protesten erreicht wird. Die jungen und weissen Demonstranten filmen den Polizeieinsatz mit Smartphones.
Als Cross wegen einer Ruhestörung zum Anwesen Garcias fährt und von diesem geohrfeigt wird, zieht Cross desillusioniert ab und patrouilliert mit seinem Streifenwagen die Strassen entlang, bis sich seine aufgestaute Wut entlädt. Mit der zunehmend aggressiven Stimmung unter den Protagonisten wird auch die Filmatmosphäre düsterer. Während Cross bei Corona mit seiner Autorität als Sheriff noch an die Mitmenschlichkeit appelliert hatte, mutiert er nun zu einem kühlen Intriganten.
Kritik, die oberflächlich bleibt
Beweist der Film in der ersten halben Stunde noch gesellschaftskritischen Mut, so verkommt er im Verlauf der Handlung zu einem Potpourri, in dem die Motive der meisten Akteure unausgereift bleiben, ihre Handlungen sich in einer undurchsichtigen Gemengelage verlieren und eigenwillige Konsequenzen daraus folgen. So will zum Beispiel ein weisser Jugendlicher beim Essen seine Mittelschichteltern mit Tiraden über Rassismus belehren. Das wirkt so phantasielos inszeniert, dass man es tatsächlich komisch, oder völlig klischeehaft finden kann.
Regisseur Ari Aster, der sich mit Horrorfilmen einen Namen gemacht hat, thematisiert einige der in den USA und Europa polarisierenden Phänomene der jüngsten Jahre: organisierter Missbrauch, Corona, Kryptos, «Black Lives Matter», White Supremacy, Antifa, religiöse Sekten, Social-Media-Filterblasen. «Eddington» nennt er einen «Covid-Western» – nur dass «Covid» lediglich in der Anfangsphase eine Rolle spielt, denn in späteren Szenen wird nur sporadisch daran erinnert.
Aster will seinen Film, der beim «Cannes Film Festival» für die «Goldene Palme» nominiert war, als Satire verstanden wissen, die Doppelmoral in allen Lagern demaskiert. Wirklich sozialkritisch ist das Ganze trotzdem nicht, ausgenommen vielleicht ein kommentiertes Konterfei von Milliardär und Impfprophet Bill Gates, das Cross auf dem Dach seines Wahlkampfautos montiert. Kein Thema wird tiefgründig behandelt, es bleibt bei oberflächlichen Anprangerungen. So ist es denn einfach, den Filmprotagonisten irrationales Handeln zu unterstellen. Und wer einige Rezensionen durchliest, stellt fest: Die meisten Medien sind immer noch im Corona-Narrativ Stand 2020 und den entsprechenden Denkschablonen verhaftet. Denn die «Spinner», das sind ihnen zufolge vorwiegend die informationskritische Dawn (Deirdre O’Connell) und im geringeren Mass der Sheriff. An dieser Stelle sei auf einen Beitrag zum Film von Prof. Michael Meyen hingewiesen.
Wenn weisse Mittelschichtkinder mit Masken im Freien ohne Abstand für «Black Lives Matter» demonstrieren, ist das in Ordnung. Demos gegen staatliche «Schutzmassnahmen» dagegen sind ganz schlimm. Leitmedien wie der ORF oder der BR erkennen diese Doppelmoral nicht. Der «Wahnsinn unserer Zeit» ist für den ORF, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung sich gegen in vielerlei Hinsicht fragwürdige staatliche Auflagen wehrt. Die «Durchgeknalltheit» ist, wenn sich angeblich «Eso-Schwurbler», «besorgte Omas» und «Opas» auf «Anti-Impf-Kundgebungen quasi umarmen». Bei der taz sieht es ähnlich aus: «links» sind die «Demonstranten», «rechts» die «Verschwörer», was gleichsam die spaltende Lagerbildung reproduziert. Die angeblich linke taz verkennt dabei die Machtasymmetrie, die im Kapitalismus vorherrscht, nämlich oben gegen unten. Bei der taz herrscht eine umgekehrte Weltordnung: Keine Profitgier, nur nette Eliten, die für alle das Beste wollen.
Das Branchenportal Programmkino lässt bekanntes Framing wiederaufleben: «Falls sich Querdenker in den ersten Minuten freuen, dass Hauptdarsteller Joaquin Phoenix einen Maskenskeptiker spielt, werden sie bald eines besseren belehrt, so sie belehrbar wären.» Und entblödet sich nicht, sich nur vier Sätze danach zu widersprechen: «Anfangs bleibt oft das Lachen im Halse stecken, wirkt ‹Eddington› da doch weniger wie eine Satire, als eine hellsichtige Darstellung der Absurditäten der Corona-Pandemie.» Natürlich ist bei vielen Rezensenten wieder einmal ihr Lieblingsbösewicht Donald Trump, der namentlich im Film gar nicht vorkommt, schuld an allem, was schiefläuft. Auch das diffuse Argument «Verschwörungstheorie» wird in Rezensionen zum Film inflationär und ohne konkrete Bezüge verwendet. Tatsache ist: Verfassungsgrundrechte interessieren sich wenig für ideologisch-moralistische Vorstellungen.
Lichtblick Joaquin Phoenix
Ein Lichtblick im Film ist das schauspielerische Talent von Joaquin Phoenix, dessen Figur in der Gestalt des Sheriffs Joe Cross innere Konflikte durchlebt, die im Film nicht alle explizit offengelegt werden, die aber zu erahnen sind: Private Unzufriedenheit, beruflicher Stillstand und die Corona-Massnahmen, die er ablehnt, bringen ihn als Sheriff in ein Dilemma. Und nicht zuletzt missbraucht er seine gesellschaftliche Stellung, um eigene private und berufliche Interessen zu verfolgen.
Ansonsten bleiben die Filmfiguren unterentwickelt, das Publikum muss sich durch zahlreiche Verstrickungen kämpfen, die sich wegen überladenen Erzählsträngen auch nicht so leicht entwirren lassen. Zuspitzungen und ideologische Übersteuerungen verwässern manche Motive und schwächen die gelungenen satirischen Anspielungen, deren Aufklärungspotenzial verpufft. Der Stoff der gesellschaftlichen Spaltung könnte auch stärker von der Ursachen- statt von der Folgenseite her betrachtet werden, denn Social Media, schmutzige Wahlkampagnen, rassistische Verwirrungen und weitere im Film dargestellte Phänomene sind zwar aktuelle Kristallisationspunkte, aber sind nicht unbedingt hilfreiche Erklärungsansätze.
Der Film kann aber als Bestandesaufnahme einer nihilistischen Gesellschaft gesehen werden, die unfähig wirkt, sich über das Tabu Corona und andere Fehlentwicklungen selbstkritisch öffentlich zu verständigen. Die Entwicklung tendiert zu fragmentierten, abgeschotteten und gleichdenkenden Gruppierungen. Diese Beklemmung wollte Regisseur Aster laut einem Interview ausdrücken. Hoffnung habe er immer, aber weniger Zuversicht, was auch daran liege, «dass an der Spitze unserer Gesellschaft Menschen stehen, die nicht an unsere Zukunft zu glauben scheinen.» Postmoderne Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit: Der Film hält dem Publikum all dies vor die Augen – kann aber genauso gut auch selbst als Produkt dieser Bedingungen betrachtet werden.
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«Eddington» läuft seit dem 18. Dezember in den Schweizer Kinos. Drama/Western, USA/Finnland, 148 Minuten, 2025, Regie und Drehbuch: Ari Aster. Mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone, Luke Grimes u. a.
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