Die Utopie der Tech-Milliardäre
Die Investigativjournalistin Whitney Webb und der Medientheoretiker Douglas Rushkoff geben in ihren neusten Büchern verstörende Einblicke in die kriminellen Netzwerke und transhumanistischen Grössenphantasien der Machteliten. Ob Big Tech, Wissenschaft, Militär oder Hochpolitik: immer wieder führen die Spuren zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Vor ein paar Jahren: Der New Yorker Medienprofessor Douglas Rushkoff wird in ein Luxusresort in der Wüste im Nirgendwo eingeladen. Er hat vor, vor reichen Leuten über die «Zukunft der Technologie» zu sprechen. Stattdessen stellen ihm die Teilnehmer Fragen: Wer wird zuerst einen Quantencomputer haben? China oder Google? Wohin vor der Klimakrise flüchten? Neuseeland oder Alaska? Ein Teilnehmer erzählt von einem eigenen unterirdischen Bunker. Ein anderer hat Elitesoldaten angeworben und seine Lebensmittelvorräte mit speziellen Schlössern gesichert. Was diese reichen Leute umtreibt, so Rushkoff, ist die Frage, wie das Weiterleben nach dem «Ereignis» aussehen könnte: Umweltkollaps, soziale Unruhen, nukleare Verwüstung.
Digitale Zukunft bedeutet für Superreiche vor allem, das menschliche Dasein überhaupt hinter sich zu lassen, schreibt Rushkoff: Körperlichkeit, Empathie, Sterblichkeit, die Natur ist gefährlich und muss kontrolliert werden. Unbekanntes gelte es zu neutralisieren, indem es «entseelt» wird. Die Utopie besteht für die Tech-Milliardäre darin, sich in Festungen zu verschanzen, um sozialen oder staatlichen Zwängen zu entkommen. Doch «der Bunker des Milliardärs ist weniger Ausdruck einer Strategie für die Apokalypse als eine Metapher für diese realitätsferne Einstellung zum Leben», so Rushkoff.
Wenn Geld kein Thema mehr ist, weil es im Überfluss vorhanden ist, richten sich die nächsten Ziele darauf, sich im Namen der Zivilisation mit kostspieligen Berufungen und Missionen Gott anzunähern.
Rushkoff nennt diese Denkweise, die sich grob zusammengefasst als apokalyptischer Kult umschreiben lässt, «das Mindset». Es drückt die Überzeugung aus, mit ausreichend Geld und mehr Technologie dieser Welt entkommen und die nächste menschliche Entwicklungsstufe erreichen zu können – und auch erreichen zu müssen, um dem «Ereignis» auszuweichen.
Technologisch gesehen dreht sich alles darum, über das Menschliche hinauszugehen. Es ist eine Rebellion gegen die Natur selbst. Dieser Fluchtwunsch kann sich in drei Richtungen orientieren. Erstens: Hin zum transhumanistischen Wesen, das gemäss der technoiden Evolutions-ideologie auf den Menschen folgt. Körper und Geist werden optimiert und mit technologischen Modifikationen wie künstlicher Intelligenz ausgerüstet. Daran arbeitet zum Beispiel Elon Musks Neuralink. Zweitens: Der Bunker und damit die Abschottung nach innen. Hierfür gibt es viele Anbieter, etwa die Firmen Rising S Bunkers oder Atlas Survival Shelters. Drittens: Die Erschliessung des Weltraums und damit die Flucht nach aussen. Der transhumanistische Autor Max More vergleicht diesen Eroberungsdrang mit dem «Frontier»-Geist der europäischen Besiedelung der USA.
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Buchtipps:
• Douglas Rushkoff: «Survival of the Richest. Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind», 2025, 282 Seiten, Suhrkamp.
• Whitney Webb: «Eine Nation unter Erpressung, Band 2: Jeffrey Epstein, die Geheimdienste und das organisierte Verbrechen», 2025, 500 Seiten, Etica Media.
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