Die Richtigkeit des Herzens
Im Gespräch mit Dr. theol. Eugen Drewermann, Teil 2
Der Seelsorger, Friedensaktivist und Tierschützer Eugen Drewermann über das Zusammenspiel von Gewissen, Glauben und Gott und die Liebe zu Mensch, Tier und Natur.
Verena Brachtel: Herr Dr. Drewermann, gemäss Ihrer Erfahrung dürfen wir uns unseres Wertes bewusst sein und müssen unseren Selbstwert bewahren, während wir bewusst warten, bis die richtige Zeit zum Handeln kommt. Bis es so weit ist, sollen wir ermutigt sein zur Einheit von Denken und Fühlen. Sie verwenden dafür den Begriff «Wertfühlen».
Dr. Eugen Drewermann: Wir selber werden uns so viel Wert zumessen, als wir uns schon seit Kindertagen von Persönlichkeiten, an denen uns gelegen war, wertgeschätzt gefühlt haben. Das ist, was jede Mutter ihrem Kind vermittelt: Ich habe dich lieb, schon weil du bist. Du musst gar nichts machen. Ich habe dich lieb. Und sie möchte das bedingungslos zeigen. Es kann passieren, was will, die Mutter steht zu dem Kind, das ihr sein Leben verdankt. Ein Ähnliches hat uns Jesus beigebracht, indem er uns gelehrt hat, Gott als Vater zu betrachten. Es ist ein unbedingtes Vertrauen von Menschen, deren Selbstwert darin liegt, für wert genug gehalten zu werden – dadurch, dass man sie ins Dasein gesetzt hat, dass Gott unser Schöpfer ist, dass er möchte, dass wir sind. Und zwar nicht, dass Kain wäre wie Abel, sondern als er selber. Nicht ein Klon von ihm, sondern er persönlich sollte aufhören, sich zu messen an dem Wert, den ein anderer scheinbar besitzt. Er ist selber etwas wert unter den Augen Gottes.
Wenn wir das begriffen haben, gibt es keine Minderwertigkeitsgefühle mehr, aber der Begriff des Wertfühlens ist mit ausschlaggebend. Er stammt eigentlich von Max Scheler. Max Scheler hat um 1910 Kritik geübt an Immanuel Kants formaler Ethik und sie ersetzen wollen durch eine inhaltliche Wertethik. Und dann stiess er natürlich auf das Problem, dass man uns das Fühlen wegerzieht: Wir haben vernünftig zu sein. Gefühle sind subjektiv, irrational, kindisch eigentlich, naiv. Wir müssen klar denken, um verantwortlich zu werden. Wir müssen Befehle ausführen, egal was das mit unseren Gefühlen macht.
Mit anderen Worten: in unseren Schulen bringt man den Kindern bei, dass sie erwachsen nur werden, wenn sie ihre Gefühle hintanstellen. Sie sollen rational lernen, was befohlen wird, bis sie in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik prüfungsfertig sind zur Sicherung des Industriestandortes Österreich, Schweiz oder Deutschland. Dann ist man tüchtig, anerkannt, etwas wert. Aber es hat mit den Gefühlen gar nichts mehr zu tun. Es ist die völlig falsche Belohnung für die Aufspaltung der Persönlichkeit. Ich sage es einfach mal so: Es mag gefährlich sein, wenn Menschen nur ihren Gefühlen folgen würden, dann sind sie tatsächlich unter Umständen bis zur Psychose hin einer beginnenden Krankheit ausgeliefert. Sie können nicht mehr die Realität sehen, sie folgen nur noch sich selber. Das ist eine Gefahr, der man nur entgegenkommt, indem man ein Gleichgewicht von Fühlen und Denken bildet.
Das Gegenteil ist jedoch viel gefährlicher. Ins Irrenhaus kommt nur der Einzelne. Wenn wir aber Menschen haben, denen man das Gefühl abspricht und so weit unterdrückt, dass sie gar nicht mehr wissen, was Gefühle sind, nur noch klares Denken zulässt, dann ist es möglich, dass man Soldaten hat wie Colonel Paul Tibbets, der am 6. August 1945 über Hiroshima eine Bombe ausklinkte, die etwa 100’000 Menschen in einer Sekunde tötete. Ohne Schuldgefühl – warum auch? «Das ist rational, wir müssen Japan besiegen, wir müssen amerikanisches Leben retten, wir tun unsere Pflicht, vernünftig ist das, die Japsen wollen das doch.» Also ist es richtig, ohne jedes Gefühl. Das Gefühl kehrt erst wieder mit dem Stolz, dass man dadurch ein nationaler Held geworden ist. Man wird in alle Ewigkeit in den Geschichtsbüchern schreiben: Colonel Tibbets ist derjenige, der mit dem Flugzeug, das den Namen seiner Mutter trug, die Enola Gay, Hiroshima vernichtet hat. Um dann am selben Abend von Harry Truman zu erfahren, dass man lediglich ein militärisches Zentrum zerstört habe; oder noch zynischer, man habe ihm «einen Ziegelstein auf den Kopf geworfen». Man hatte einen Massenmord begangen und ein Menschheitsverbrechen, das eigentlich jeden Krieg in Zukunft widerlegen sollte. Aber dafür brauchen wir jetzt Gefühle des Widerstands, wir brauchen eine Einheit von Denken und Gefühl, nur dann wird man ein ganzer Mensch. Dann hört man auch auf mit der Schizophrenie, in zwei verschiedenen, gegensätzlichen Welten leben zu sollen. Ein Mensch kann ein Individuum nur sein in der Synthese von Denken und Fühlen. Meine Empfehlung ist: Tun Sie nie etwas, das sich nur fühlen lässt, und tun Sie nichts, das sich nur denken liesse. Das Gefühl kontrolliert unsere Gedanken, und unsere Gedanken erlauben es, die Gefühle der Realität draussen anzupassen. Beides brauchen wir.
Einen gangbaren Weg bietet Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ. Können Sie diesen erläutern an einem Beispiel?
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Eugen Drewermann ist Philosoph, Psychoanalytiker und von der römisch-katholischen Kirche geschasster Priester. Seit Jahrzehnten ist er in der Friedensbewegung und im Tierschutz aktiv. Bis heute arbeitet er als Seelsorger und Psychotherapeut. Für sein einflussreiches Werk als Schriftsteller und Redner für den Glauben, den Frieden und die Versöhnung hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
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