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«Der Teufel existiert nicht ausserhalb von uns» 

Interview mit Dr. theol. Eugen Drewermann

Am 12. Juli referierte Eugen Drewermann am Friedensfest des Vereins «Menschheitsfamilie» im Salzburger Land. Im Anschluss daran sprachen wir mit dem 85-jährigen Seelsorger und Friedensaktivisten über Demokratie, persönliche Verantwortung und Selbstfindung in Zeiten der Kriegstreiberei.

Verena Brachtel: Lieber Herr Dr. Drewermann, wir führen dieses Gespräch am idyllischen Attersee, während geopolitisch Bombenstimmung herrscht. 2000 Jahre nach Christus ist die Menschheitsfamilie moralisch so verwahrlost und gespalten wie nie zuvor. Die Amtskirchen haben versagt. Ist das Christentum gescheitert?

Dr. Eugen Drewermann: Wenn man das Christentum verwechselt mit dem Traditionsglauben, der kirchlicherseits als Institution einer grossen Gruppe von Menschen aufoktroyiert wurde, war von Anfang an das Christentum kein Christentum, sondern eine Bewusstseinsangleichung, die schon deshalb zum Scheitern sich verurteilt, weil von der Botschaft Jesu nichts mehr übrig bleibt. Was Jesus wollte, war die Erlösung von dem Teufelskreis aus Angst und Gewalt, von dem Zustand der Gottesferne, in dem die Menschen sich selber nicht geliebt fühlen und darum kämpfen, irgendwas hervorzubringen, das ihnen Achtung und Anerkennung verleiht. Wie holt man ein gütiges Bild von Gott, vom Himmel auf die Erde, das den Menschen das Vertrauen gibt, selber berechtigt, gemeint, gewollt und geliebt zu sein, und zwar bedingungslos, ohne Vorleistung, egal was passiert, bereit zur Vergebung bei allem, was an Unglück und Tragödie sich ereignen mag.

Das alles ist in der Form, wie es von Jesus ermöglicht und in Auftrag gegeben wurde, im sogenannten christlichen Abendland nie Wirklichkeit geworden. Und das ist mein Anliegen: Als Priester, der ich einmal war, als Seelsorger, der ich nach wie vor sein möchte, mit dem Blick auf Jesus, dies den Menschen zu vermitteln, als etwas, das sie unbedingt brauchen, um als Menschen zu leben.

1935 sagte der US-amerikanische Generalmajor Smedley Butler «Zur Hölle mit dem Krieg!». Glauben Sie an den Teufel, oder wie erklären Sie sich die therapieresistente Unfähigkeit der Menschen, Frieden zu lernen?

ED: Ich glaube, dass mit dem Teufel die Personifizierung von all dem, was sich eigentlich gegen den Willen der Menschen durchsetzen kann und Zerstörung bewirkt, in ein Bild gekleidet worden ist. Der Teufel existiert nicht ausserhalb von uns. Er hat Macht durch Kräfte, die in unserer Seele liegen. Das ist vor allem Angst, Minderwertigkeitsgefühl, Streben nach Geltung und nach Geld. In Verfolgung dieser Komponenten sind wir bereit und fähig, immer wieder über Leichen zu gehen. Und eines kommt mit hinzu: Kriege können nur geführt werden durch eine Menge von Leuten, die auf Befehl kommandoorientiert ausführen, was ihnen gesagt wird, denen man abgewöhnt hat, selber zu denken, auf sich selber zu hören, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen, die in völliger Abhängigkeit auch subjektiver Verantwortungslosigkeit meinen, dass es richtig ist, weil ein anderer Befehlausgebender schon wissen muss, was richtig ist.

Es ist das Gegenteil von aller Religion. Wenn wir vom Teufel sprechen, haben wir einen religiösen Begriff für das Böse. Jetzt aber sehen wir, dass die Unpersönlichkeit selber Inhalt des Bösen ist. Wenn wir uns weigern, als persönliche Individuen mit eigener Verantwortung zu riskieren, der Stimme Gottes im eigenen Gewissen zu folgen, dann sind wir als Unpersonen das, was sich in der Gestalt des Teufels personifiziert hat.

Die Demokratie in ihrer jetzigen Form und die Gewaltenteilung funktionieren nicht mehr. Würden Sie zustimmen, dass Neutralität, nationale Souveränität, Volksabstimmungen und die Ersetzung des Parteiensystems durch Direktwahl die Zutaten sind für eine realistische Reformierung des korrumpierten Systems?

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Eugen Drewermann ist studierter Philosoph, Psychoanalytiker und von der römisch-katholischen Kirche geschasster Priester. Seit Jahrzehnten ist er in der Friedensbewegung und im Tierschutz aktiv. Bis heute arbeitet er als Seelsorger und Psychotherapeut. Für sein einflussreiches Werk als Schriftsteller und Redner für den Glauben, den Frieden und die Versöhnung hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten. 

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Verena Brachtel ist ehemalige Pilotin. Sie setzt sich als Netzwerkerin, Organisatorin und Moderatorin für Freiheit, Wahrheit und Frieden ein. 


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