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Befreiung oder Bevormundung?

Über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens 

Befreien künstliche Intelligenz und Digitalisierung uns Menschen zu sinnvolleren, anspruchsvolleren und selbstbestimmteren Aufgaben, oder nehmen sie uns die Arbeit weg – und das Einkommen? 

Befreiung muss man selber machen durch Selbstaktivierung, durch ein Aufstehen in eigenem Denken aus eigener Wahrnehmung. Bevormundung wird mit einem gemacht, wenn einem die Zugehörigkeit zu altgewohnten Vertrautheiten, die Reize der Bequemlichkeit und Gefolgschaft gegenüber Autoritäten wichtiger sind. Bedrohungsszenarien, Krisen und Digitalisierung führen zu einer rasanten Veränderung unseres politischen Gemeinwesens, der Wirtschaft und der Arbeitswelt. Im Zuge dieser Entwicklung wird die Einführung eines Grundeinkommens in den Fokus rücken. Doch wird es sich dabei um das handeln, was an der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens erlebbar ist und sich aus ihr ergibt? Oder wird es sich um eine Art Grundeinkommen handeln, das die Idee in ihr Gegenteil verkehrt und ganz anderen Intentionen dient? 

Die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens hat einige Bedingungen: Eine erste ist, dass man es denken kann. Dafür braucht es die Kraft, etablierte Selbstläufer emotionaler Art verlassen zu können. 

Sich auf die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens einzulassen, ruft eigenständige Bewegungen im Denken und Empfinden auf, die Muster überschreiten, die gegebene Vorstellungen neu betrachten, wie Gesellschaft funktioniert, was Arbeit und was Geld und was gerecht ist. Gerecht ist doch nicht, wenn Millionäre auch noch ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Einkommen kann doch nur erhalten, wer für andere etwas Geldwertes leistet. Oder wer nachweislich dazu nicht in der Lage ist. So die gängigen Urteile. Das Grundeinkommen für jeden bedingungslos – wer arbeitet dann noch? Wer soll das bezahlen? Und überhaupt, es gibt so viele Modelle zum Grundeinkommen. Über welches sprechen wir jetzt? 

Sprechen wir von der Idee. Modelle sind etwas, was verschiedene Menschen sich ausdenken, wie ein Grundeinkommen konkret aussehen und eingeführt werden könnte. Dabei spielen spezifische Situationen mit, Vorlieben und Missverständnisse. Darum gibt es verschiedene Modelle, Pilotprojekte und Konstellationen der Einführung. Aber es gibt nur eine Idee. Die ist: Das Grundeinkommen ist für alle und hoch genug zum Leben. Es ist bedingungslos für jeden Menschen. Für jeden, der lebt und zu der rechtlichen Gemeinschaft gehört, die solch ein Grundeinkommen für alle beschliesst und füreinander finanziert. Es ist eine Auszahlung, keine Bezahlung. Keine Bezahlung fürs Nichtstun. Auch keine für Hausarbeit oder ein Ehrenamt. Es bezahlt nicht. Es ermöglicht. Es ist ein Grundrecht, keine Armenhilfe. Es nennt niemanden arm; auch nicht reich. Es ist für jeden gleich. Es geht von jedem als Menschen in unserer Gesellschaft aus und gibt das Recht auf Leben und Teilhabe. Ein bedingungsloses Grundeinkommen beginnt nicht mit Empirie, sondern mit Evidenz. Nicht mit Fakten. Sondern zum Beispiel mit dem Erlebnis, dass jeder Mensch ein Mensch ist. Klingt banal. Ist aber – wirklich erlebt – ein Aha. Und dass Mensch nicht zur Arbeit gezwungen werden muss. Bin ich denn auf der Erde, weil ich nichts vorhabe?

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Enno Schmidt ist Künstler, Maler, Mitbegründer der Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz, die 2016 zur Volksabstimmung führte, und Autor des Filmes «Grundeinkommen – ein Kulturimpuls». 


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