Skip to main content

Rituelle Gewalt: verdrängt, verleugnet, nicht gesehen   

Interview mit Liz Wieskerstrauch

«Blinder Fleck» heisst der Dokumentarfilm, mit dem Regisseurin Liz Wieskerstrauch auf Kinotour ist. Er thematisiert das wohl grösste gesellschaftliche Tabu unserer Zeit: organisierter, sexueller Kindesmissbrauch. In Deutschland gehen WHO-Schätzungen von bis zu einer Million Kindern und Jugendlichen aus, die sexuelle Gewalt erfahren haben. In der Schweiz berichten Studien von etwa jedem fünften Kind, das sexuelle Gewalt erlebt.

«DIE FREIEN»: Frau Wieskerstrauch, als Erstes müssen wir klären: Was ist ritueller Missbrauch überhaupt?

Liz Wieskerstrauch: Was sicher in vielerlei Hinsicht bekannt ist, ist sexualisierte, organisierte Gewalt. Also wenn Kinder nicht nur im Einzelfall Missbrauch erleiden, sondern immer wieder weitergegeben werden an andere. Da gibt es Organisationsstrukturen. Damit einher geht oft ritualisierte Gewalt. Das sind die Foltermethoden, die dazu führen, dass Kinder das überhaupt aushalten und lernen zu lächeln, mitzumachen, sich nicht zu wehren. Das wird über Konditionierung geübt, immer wieder mit Schmerzen eingetrichtert. Und dann gibt es noch den weiteren Begriff rituelle Gewalt. Das ist, wenn zusätzlich zu dieser ritualisierten Gewalt eine Ideologie dahintersteht. Sei das Satanismus, sei das eine kirchliche Organisation, sei das politisch, neofaschistisch – da gibt es alle möglichen Hintergründe.

Ihr Film, mit dem Sie derzeit auf Kinotour sind, startet mit einem Polizeiverhör. In der nachgespielten Szene sitzt ein kleines Mädchen, etwa vier Jahre alt, bei einer Polizistin und erzählt, was ihr widerfahren ist. Wir hören von Männern in schwarzen Kutten, die irgendwo im Wald Rituale an Kindern praktizieren. Das ist harter Tobak. Wie sind die Reaktionen in den Kinosälen?

LW: Ich habe befürchtet, dass sehr viel mehr Infragestellungen dazu kommen, sehr viel mehr Abwehrhaltung. Und es ist genau das Gegenteil passiert. Die Menschen bleiben. Sie stehen nicht auf und gehen raus. Das ist ganz selten gewesen. Sie bleiben und sind dankbar über die Diskussion, die wir im Anschluss führen können. Immer wieder erfahre ich auch, dass unser vorsichtiger Umgang mit der Bildebene hilft, dranzubleiben. Man sieht keine Gewalt im Film.

Allerdings kommen viele Opfer von ritualisierter, sexualisierter Gewalt zur Sprache. Manche sprechen über sich oder von diesen Erfahrungen in der Wir-Form.

LW: Ich kenne das seit 25 Jahren und erlebe immer wieder bei Opfern Momente, die wirken, als wären sie verschiedene Menschen in einer Person. Das geht sogar so weit, dass die eine Innenperson oder der eine Innenanteil nichts vom anderen weiss – zumindest zeitweise.

Eine Betroffene in meinem Film erzählt, dass es eine Ich-Person gab, die immer nur da war, wenn sie ins Auto verfrachtet wurde. Die Kofferraumklappe ging auf, dann musste sie hinten rein. In dem Moment, wo der Kofferraum wieder geöffnet wird, entsteht der Wechsel, dann kommt eine andere Ich-Person, die gebraucht wird. Man spricht da von sogenannten dissoziativen Persönlichkeiten oder einer dissoziativen Identitätsstörung. Das ist eine Überlebensstrategie, die bedeutet, dass man sich abspaltet von dem Erleiden und Erleben, um es überhaupt auszuhalten.

In Ihrem Film kommen Opferanwälte vor, Traumatherapeuten, Gedächtnisforscher, aber auch Kriminalbeamte. Die Experten teilen sich grob in zwei Gruppen. Es gibt die, die diese Dinge als wahr einstufen und den Opfern tendenziell glauben. Dann gibt es eine Gruppe von Experten, die das eher in den Bereich der Erfindung rücken. In den USA gab es eine Stiftung namens «False Memory Syndrome Foundation». Gegründet wurde sie von einem Mathematiker, dem von seiner eigenen Tochter sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Diese Stiftung hat den Begriff «false memory», also falsche Erinnerungen, mitgeprägt. In Ihrem Film zeigen Sie beide Expertenseiten und kommentieren das nicht. So hat man einen neutralen Blick auf die Sache. Aber wie ist Ihre Haltung zum Expertenstreit?

***

Das Gespräch mit Liz Wieskerstrauch in voller Länge gibt es zum Hören auf diefreien.ch/podcasts

***

Liz Wieskerstrauch ist eine mehrfach ausgezeichnete Filmautorin, Regisseurin und Schriftstellerin. Sie ist mit «Blinder Fleck» bis Ende April in der Schweiz auf Kinotour. Die Aufführungsdaten finden Sie auf wieskerstrauch.com/projekt-blinder-fleck. Infos zum Symposium «DISkurs» über Dissoziative Identitätsstörung (18. bis 20. September 2026) auf kitzberg-kliniken.de.


Du möchtest den ganzen Artikel lesen? Dann bestelle jetzt die 24. Ausgabe oder gleich ein Abo in unserem Shop.

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden