
Das vermeintlich Böse – wenn wir den Körper falsch verstehen
Warum sogenannte Autoimmunerkrankungen keine Selbstzerstörung sind, sondern Ausdruck eines überforderten Regulationssystems.
Es gibt Definitionen in der Medizin, die unser Denken so stark prägen, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Eine davon ist die Bezeichnung «Autoimmunerkrankung». Sie suggeriert, der Körper richte sich gegen sich selbst. Das Immunsystem verliere die Orientierung und beginne, eigenes Gewebe anzugreifen. Für viele Menschen ist das eine bedrückende Vorstellung. Der eigene Körper erscheint plötzlich als Gegner. Viele Betroffene schildern genau dieses Gefühl. Sie verlieren das Vertrauen in ihren eigenen Körper und beginnen, ihn zu kontrollieren, statt ihn zu verstehen.
Doch genau hier fängt für mich ein folgenschweres Missverständnis an. Dieses Missverständnis hat Konsequenzen, denn es lenkt den Blick weg von der Ursache und hin zur Bekämpfung sichtbarer Reaktionen.
Unser Körper ist nicht destruktiv angelegt. Er ist definitiv auf Erhalt, Anpassung und Überleben ausgerichtet. Was wir als Angriff deuten, ist bei genauerem Hinsehen oft der Versuch, auf eine tiefere Störung zu reagieren. Der Körper unternimmt nicht grundlos etwas gegen uns. Er antwortet auf Belastungen, die wir häufig viel zu spät erkennen.
Damit bekommt das Böse in diesem Zusammenhang ein anderes Gesicht. Vielleicht ist es nicht die Reaktion des Körpers, die wir fürchten sollten. Vielleicht ist es vielmehr unser falsches Verständnis dieser Reaktion.
Entzündung zum Beispiel gilt heute schnell als Problem. Dabei ist sie zunächst eine zutiefst sinnvolle Leistung des Organismus. Ohne Entzündung gäbe es keine Abwehr, keine Reparatur, keine Heilung. Der Körper entzündet nicht, um zu zerstören. Er entzündet, um zu schützen. Eine akute Entzündung ist zeitlich begrenzt und zielgerichtet. Eine chronische Entzündung hingegen entsteht, wenn der auslösende Reiz bestehen bleibt. Dann verliert der Prozess seine natürliche Begrenzung und wird selbst zum Problem.
Genau das beobachten wir bei vielen sogenannten Autoimmunprozessen. Das Immunsystem arbeitet nicht wahllos. Es ist hochkomplex, fein abgestimmt und grundsätzlich darauf ausgerichtet, Ordnung zu bewahren. Wenn es dennoch in dauerhafte Alarmbereitschaft gerät, dann geschieht das nicht aus einer Laune der Natur. Es geschieht, weil das System über längere Zeit massiv unter Druck steht.
In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass solche Entwicklungen selten plötzlich beginnen. Sie bauen sich über Jahre auf. Chronische Infektionen, toxische Belastungen, ein gestörtes Darmmilieu, Mängel im Stoffwechsel oder eine eingeschränkte Entgiftungsleistung verändern das innere Gleichgewicht oft schleichend. Auch anhaltender Stress, Schlafmangel oder eine dauerhaft ungünstige Ernährung können das System in eine Situation bringen, in der Regulation zunehmend erschwert wird. Der Körper versucht zunächst auszugleichen. Er kompensiert, puffert und verschiebt. Erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, treten deutlichere Symptome auf.
Besonders wichtig ist dabei der Darm. Wer Autoimmunprozesse verstehen will, muss sich mit der Darmschleimhaut, dem Mikrobiom und der immunologischen Barriere beschäftigen. Ist diese Barriere beschädigt, gelangen Stoffe in den Organismus, die dort nicht hingehören. Das Immunsystem wird aktiviert, immer wieder, oft über Jahre. Es entsteht ein chronischer Schwelbrand. Diese dauerhafte Aktivierung verändert die Kommunikation im Immunsystem. Signale werden verstärkt, Reaktionen schneller ausgelöst, die Toleranz gegenüber körpereigenen Strukturen kann sich verschieben. Was später als Autoimmunerkrankung bezeichnet wird, ist dann nicht der Anfang des Problems, sondern das sichtbare Ergebnis eines längeren Weges.
Hinzu kommt die individuelle Konstitution. Nicht jeder Mensch reagiert gleich. Der eine kann Belastungen lange kompensieren, der andere gerät früher aus dem Gleichgewicht. Genetische Dispositionen, Polymorphismen, Unterschiede in der Entgiftungsfähigkeit oder im Vitamin-D-Stoffwechsel spielen hierbei eine wichtige Rolle. Auch chronisch reaktivierte Viren, wie etwa der Epstein-Barr-Virus, können solche Prozesse mitprägen. Sie verbleiben im Körper und können immer wieder aktiviert werden. Sie wirken dann wie ein dauerhafter Reiz auf das Immunsystem, oft ohne eindeutig erkannt zu werden. Das bedeutet nicht, dass der Körper falsch arbeitet. Es bedeutet, dass er unter Bedingungen regulieren muss, die seine Präzision schwächen.
Dann beginnt das, was man schulmedizinisch als autoimmun beschreibt. Antikörper werden sichtbar, Gewebe verändert sich, Organe geraten unter Druck. Doch auch hier halte ich es für falsch, von Selbstzerstörung zu sprechen. Denn der Körper versucht weiterhin, mit einer Lage fertigzuwerden, er sucht immer weiter nach einem Lösungsweg.
Perpektivwechsel gefragt!
Wenn wir den Körper als Gegner betrachten, bleibt am Ende fast nur die Unterdrückung seiner Reaktionen. Dann behandeln wir Entzündung vor allem als Feind. Wenn wir ihn jedoch als ein System verstehen, das um Regulation ringt, dann verändert sich unser Blick. Dann fragen wir nicht mehr nur, wie wir Symptome dämpfen, sondern warum der Organismus überhaupt gezwungen ist, in diesem Ausmass zu reagieren.
Damit verschiebt sich auch der therapeutische Ansatz. Es geht nicht allein darum, Laborwerte zu kontrollieren oder Entzündungen kurzfristig zu senken. Es geht darum, Belastungen zu erkennen und das Milieu zu verändern, Stoffwechselwege zu stabilisieren und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Regulation wieder möglich wird. Dazu gehört auch, Entgiftungsprozesse zu entlasten, das Mikrobiom zu stabilisieren und entzündliche Reize schrittweise zu reduzieren. Erst unter solchen Bedingungen kann das Immunsystem wieder differenzierter arbeiten. Therapie wird damit zu einem Prozess.
Viele bekannte Krankheitsbilder erscheinen unter diesem Blickwinkel in einem neuen Licht. Schilddrüsenprobleme, rheumatische Beschwerden, neurologische Symptome oder chronische Erschöpfung sind dann nicht mehr isolierte Einzelprobleme. Sie werden zu Ausdrucksformen eines tieferliegenden Regulationsgeschehens. Das macht die Medizin nicht einfacher, aber wahrhaftiger.
Das vermeintlich Böse ist oft nur eine Frage der Perspektive. Nicht jede scheinbar aggressive Reaktion des Körpers bedeutet das, was wir zunächst hinter ihr vermuten. Manches, was beängstigend aussieht, ist der Versuch des Körpers, uns zu schützen, unter Bedingungen, die längst aus dem Lot geraten sind.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Worauf reagiert der Körper und wie interpretieren wir seine «Autoimmun»-Reaktionen? Und vielleicht beginnt ein besseres Verständnis von Krankheit genau dort, wo wir aufhören, den Körper zu verurteilen, und anfangen, seine Ausdrucksweise zu verstehen.
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Dr. med. Petra Wiechel ist Chefärztin der Swiss Mountain Clinic in Castaneda im Kanton Graubünden. Sie verbindet biologische Medizin mit moderner Diagnostik und jahrzehntelanger klinischer Erfahrung.
swissmountainclinic.com
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