Skip to main content

Mehr Ritalin, mehr Disziplin

Es handelt sich um einen regelrechten Boom: Eine erschreckend grosse Anzahl von Kindern leidet angeblich an ADHS. Die Betroffenen werden mit Ritalin behandelt. Und damit auf eine Weise gebändigt, die ihnen die Lebendigkeit nimmt. Wann ist endlich Schluss damit? 

Als ich einige Jahre als Erzieherin in einer Münchner Kindertagesstätte tätig war, erlebte ich, wie Kolleginnen ständig über das sogenannte «Montagssyndrom» jammerten. Demgemäss seien Kinder, nachdem sie aus dem Wochenende wieder in die Einrichtung kommen, besonders aggressiv und «anstrengend». Aber: Stimmte das wirklich? Ich verweigerte mich dieser Perspektive, da es mir nicht behagte, die mir anvertrauten Kinder unter dem Aspekt «Montagssyndrom» zu betrachten. Die Konsequenz: Es gab in meiner Gruppe kein «Montagssyndrom». Ähnlich meine Erfahrungen mit als besonders «schwierig» abgestempelten Kindern, die ich völlig anders erlebte, nämlich als im besten Sinne eigensinnig, fantasievoll und neugierig. Auch hier habe ich mich dem vorgegebenen Etikett konsequent verweigert. 

So banal es klingt, so wirkungsvoll ist es: Es ist immer auch eine Frage der Einstellung. Man beeinflusst eine Situation oder eine Verhaltensweise auch mit der Haltung, mit der man an sie herantritt, und zwar entschieden mehr, als man glaubt. Self-fulfilling prophecy, sich selbsterfüllende Prophezeiung, so heisst das bekanntlich in der Psychologie. Damit soll nicht gesagt sein, dass es bei den Kindern, die mir anvertraut waren, keine Verhaltensauffälligkeiten gab; einige wenige mussten auch therapeutisch begleitet werden. Aber deshalb sind sie erstens nicht «schwierig» und zweitens haben sie ebenso wie jeder von uns einen Grund für ihr Verhalten, sei es noch so irritierend oder provokant. Geht man dem genauer nach, handelt es sich um nachvollziehbare Reaktionen auf belastende Situationen oder Ereignisse. 

Erleben Kinder die Trennung ihrer Eltern, ist nur verständlich, dass sie Ängste entwickeln oder wütend um sich schlagen. Dass sie gegen enormen Leistungsdruck und mangelnde Bewegungsmöglichkeiten rebellieren, dass sie auf Lieblosigkeit mit Gewalt oder Rückzug antworten, ist ebenfalls nichts weiter als ein adäquates Verhalten auf Missstände. Kurzum: Ein aggressives oder unruhiges Kind ist kein «schwieriges», es ist ein verletztes, sich ungesehen fühlendes Kind. Da braucht es verständnisvolle Erwachsene – und sicherlich keine Medikamente. Allein: Das passt der Pharmaindustrie natürlich nicht in den Kram. Und so forciert sie leider seit Jahrzehnten eine erschreckende Entwicklung: Angeblich auffällige Kinder werden mit der Diagnose ADHS stigmatisiert und anschliessend mit dem Medikament Ritalin zum Funktionieren gebracht – und damit im Grunde genommen diszipliniert. 

Medikation als Akt der Gewalt 

In Zeiten der Schwarzen Pädagogik waren Demütigungen, Drohungen, Einschüchterungen, Hausarrest und Prügel an der Tagesordnung. Man war überzeugt, das seien die richtigen Methoden, um Kinder dahin zu zwingen, wohin die Erwachsenen sie haben wollen. Traurigerweise ist es mitnichten so, dass diese verletzenden Massnahmen ausgestorben sind, auch wenn sie unter heutigen Eltern als verpönt gelten. Gewalt gegen Kinder will einfach nicht aufhören. Inzwischen hat sie sich verlagert und spielt sich, wesentlich subtiler, auf der emotionalen Ebene ab. Und eben auch durch das Machtinstrumentarium psychiatrische Diagnose, die stets die Verschreibung eines Medikaments zur Folge hat. Denn wie anders sollte man es nennen, wenn ein lebendiges Kind, mit dem die Erwachsenen überfordert sind, medikamentös ruhiggestellt wird? Es handelt sich ganz klar um einen Akt der Gewalt. Ein mit Ritalin behandelter Junge erzählte mir: «Ich kann nicht mehr fröhlich sein, mir wurde das Lachen genommen.» 

Psychopharmaka sind immer auch dazu da, Menschen «auf Spur zu bringen» – in dieser Formulierung hörte ich das auf einem Psychiatrie-Kongress, den ich als Reporterin Ende der 2000er-Jahre in München besuchte. Gewiss, zahlreiche Menschen würden bestätigen, dass die Tabletten, die ihnen verschrieben werden, ihre Beschwerden lindern und also helfen. Das will ich nicht in Abrede stellen. Doch zugleich ist auch wahr, dass Psychopharmaka, von anderen Nebenwirkungen mal abgesehen, ganz sicher nicht das Individuum fördern, sondern auf maximale Anpassung zielen. Um damit möglichst früh zu beginnen, kommen die bevorzugt bei Kindern gestellten Diagnosen Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, und das dazugehörige Disziplinierungsmedikament Ritalin also gerade recht. 

***

Sylvie-Sophie Schindler ist in Philosophie, Pädagogik und Schauspiel ausgebildet und hat über 1500 Kinder begleitet. Die Journalistin ist Trägerin des Walter-Kempowski-Literaturpreises 2021 und publiziert unter anderem bei der Weltwoche. Ihr Buch «Anarchie – jetzt oder nie!» (111 Seiten) ist soeben im Westend Verlag erschienen. 


Du möchtest den ganzen Artikel lesen? Dann bestelle jetzt die 23. Ausgabe oder gleich ein Abo in unserem Shop.

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden