Das gute Leben beginnt vor der eigenen Haustür
Vom Leviathan zur Selbstsouveränität: Davide Brocchi erklärt, warum Veränderung heisst, sich das Mögliche wieder vorzustellen.
Wie kann gesellschaftlicher Wandel gelingen – in einer Zeit, in der viele den Glauben an Veränderung verloren haben? Davide Brocchi beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Frage. Für ihn beginnt Transformation nicht in politischen Strategiepapieren, sondern im alltäglichen Miteinander: dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, Kooperation lernen und Vertrauen wieder aufbauen. Wer die Welt verändern will, so Brocchi, muss bei sich selbst anfangen – und im Kleinen erproben, was im Grossen Bestand haben kann.
«DIE FREIEN»: Lieber Herr Brocchi, als Transformationsforscher setzen Sie sich stark für partizipative Ansätze ein. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit Menschen ihre Zukunft wieder selber gestalten wollen?
Davide Brocchi: Transformation kann man nicht nur in Büchern und Theorie lernen, sondern man muss sich in der Praxis selbst aufs Spiel setzen. Menschen werden seit Jahrzehnten durch Massenwerbung erzogen, so dass Massenkonsum inzwischen fast zum «künstlichen Instinkt» in unserer Gesellschaft sedimentiert ist. Wenn eine Kultur so tief verinnerlicht wird, dann kann man diese nicht an einem Tag ändern, weder durch eine Kunstausstellung noch durch eine neue Studie. Das heisst, wir sollten die Transformation als individuellen und kollektiven Lernprozess betrachten und gestalten. Dafür brauchen wir zum Beispiel Reallabore oder Spielwiesen der Alternativen. Die wichtigste Voraussetzung für Lösungen ist die Bereitschaft, die entsprechenden Probleme loszulassen. Dabei stehen sich die Menschen manchmal selbst im Weg, als ob – so formulierte es einmal Paul Watzlawick – «Leiden ungeheuer schön» wäre. So wie Kinder durch die Geburt auf diesem Planeten landen und sich durch das Spielen mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen, benötigen auch Erwachsene Lernzonen, in denen sie körperlich und gemeinsam lernen, dass es sich lohnen kann, die Komfortzone zu verlassen, um zu besseren Alternativen zu gelangen.
Was mich besonders geprägt hat, waren die Jahre zwischen 2008 und 2010 – Finanzkrise, das Scheitern der Klimaverhandlungen in Kopenhagen, Skandale um Grossprojekte wie Stuttgart 21. In dieser Zeit starb für mich die Illusion, dass Staat und Markt den grossen Herausforderungen dieses Jahrhunderts gewachsen sind. Nachhaltigkeit war bis dahin vor allem ein Top-down-Projekt – Regierungen hatten im Rahmen der Vereinten Nationen das Wachstumsdogma und die Marktliberalisierung grün verpackt. Doch der Weg, der uns in die Polykrise geführt hat, kann nicht derjenige sein, der uns herausführt. Deshalb kam ich damals zu der Einsicht, dass wir uns selbst zur Transformation ermächtigen müssen.
Der erste Schritt dahingehend ist Kooperation: Ich begann damals, mit Nachbarn zu überlegen, wie wir unser Quartier gemeinsam gestalten können. Denn selbst Nachbarschaften stellen Gesellschaften im Kleinen dar, in denen sich lernen lässt, wie ein friedliches Zusammenleben in Vielfalt auf einem begrenzten Planeten gelingen kann. Vor allem die Dimension Vertrauen–Misstrauen, das habe ich erfahren, ist dabei entscheidend – weit mehr als Geld. In Transformationsprozessen besteht die Herausforderung darin, Menschen in die Kooperation zu bringen, die jahrzehntelang zur Privatisierung und zum Wettbewerb erzogen worden sind.
Genau das ist der Punkt: Wie transformieren wir eine Kultur, in der wir selber erzogen worden sind? Wie brechen wir aus, wenn wir im Grunde doch nichts anderes kennen? Ihren Punkt mit der Selbstermächtigung und dem Kontakt zu anderen Menschen teile ich. Was aber, wenn wir uns selbst nicht einmal mehr nahe sind? Sie sprechen vom inneren Kind, das wieder Neugierde entwickeln darf. Wo setzen Sie da an?
DB: Gesellschaftliche Transformationen beginnen nicht erst, wenn 80 Prozent der Bevölkerung mitmachen. Eine interessante Studie aus dem Jahr 2011 zeigte hingegen, dass bereits 3,5 Prozent als kritische Masse für grosse gesellschaftliche Revolutionen ausreichen. Als engagierter Bürger war ich bisher immer wieder bei Treffen von kleinen Initiativen dabei, bei denen die erste verzweifelte Frage am Tisch lautete: «Wo sind die anderen?» Meine Erfahrung ist: Selbst wenn sich nur fünf Menschen treffen und dabei eine positive soziale Energie entsteht, wirkt diese Energie nach aussen ansteckend. Transformation beginnt in der Keimzelle – und dabei sind Raumöffner in der Regel wichtiger als Raumbesetzer.
Schon als Kind nahm mich mein Vater in Italien zu politischen Veranstaltungen mit. Dabei erlebte ich immer wieder, wie Politik zur künstlichen Maske verkommen kann – vor allem, wenn sie sich an Status und Macht orientiert. Wer Karriere in der Politik macht, hat sich innerlich nicht unbedingt reflektiert oder aufgearbeitet. Macht dient dann als Kompensation für innere Schwächen. Dieser Habitus ist vielleicht im rechten Milieu ausgeprägter und offensichtlicher, aber auch im linken nicht selten. Ich war zum Beispiel bei Attac Deutschland aktiv, einer globalisierungskritischen Organisation. Selbst dort spielten Wettbewerb, Status und Macht in internen Dynamiken eine Rolle. Weil dies aber dem eigenen Wunschbild widersprach, blieb diese Ebene latenter und liess sich nicht unbedingt leichter bearbeiten.
Das klingt, als ob gesellschaftliche Veränderung immer auch innere Heilungsarbeit ist. Heisst das, wir können Strukturen nur so weit transformieren, wie wir uns selbst reflektieren?
DB: Um es mit Norbert Elias zu sagen: Es kann keine Soziogenese ohne Psychogenese geben. So wie die äussere Welt unsere innere Welt tief prägt, können wir die äussere Welt nicht ohne die innere verändern. Das eine bedingt das andere – und genau darin liegt die Chance: Wir können die Transformation bei uns selbst beginnen.
Ich für meinen Teil bin in einer vielfältigen Familie aufgewachsen, mit drei Generationen unter einem Dach – Grosseltern, Eltern, Tanten, Onkel, Kinder. Schon am Esstisch kann Vielfalt zu Konflikten führen, und Orientierung fällt schwerer. Im Rückblick war diese Vielfalt jedoch bereichernd für meine Entwicklung und hat mich beweglicher gemacht – im Denken wie im Handeln. Viele Menschen hingegen wachsen in Einfalt auf, was das Leben anfangs einfacher erscheinen lässt und Komplexität reduziert. Auch in der Wirtschaft werden meist geradlinige Lebensläufe bevorzugt. Doch sobald Krisen auftreten, stossen gerade einfältige Menschen schnell an ihre Grenzen. Es ist die Vielfalt, die Individuen und Systeme beweglicher macht. Weil die neoliberale Globalisierung zu einer Homogenisierung der Zustände geführt hat – nach dem Motto «there is no alternative» –, ist die heutige Gesellschaft nicht besonders beweglich.
Menschen sind eben begrenzte Wesen, die sich durch Komplexität überfordert fühlen. Im westlichen Kulturkreis wurde Komplexität lange mit Chaos gleichgesetzt. Vor der Natur, den «Barbaren» und vor der Unberechenbarkeit des Menschen herrschte hier lange Angst. Jede ausgeprägte Angst führt zu einem starken Kontrollzwang – dem Versuch, Komplexität künstlich zu reduzieren. So ist es mit der modernen Gesellschaft gewesen: Obwohl sie sich als besonders «liberal» und «demokratisch» versteht, wurde sie auf Angst und Kontrolle errichtet. Die moderne Staatstheorie beruht unter anderem auf dem pessimistischen Menschenbild des «Leviathan» von Thomas Hobbes, also auf dem Glauben, dass nur Chaos entstehen kann, wenn Menschen völlig frei sind. Um zu verhindern, dass sie sich gegenseitig umbringen(Homo homini lupus), benötigen sie die Autorität des Staates, der sie kontrolliert. Dieses Misstrauen prägt bis heute viele Institutionen: Wenn eine Nachbarschaft in Deutschland ihre Strasse beleben und mitgestalten will, wird sie von der Kommunalverwaltung mit hohen Auflagen und Vorschriften konfrontiert. Es ist genau dieses Misstrauen, das Bürger demotiviert und Verwaltungen überlastet. Wo Misstrauen herrscht, wird die repräsentative Demokratie der direkten vorgezogen. Wer im Misstrauen erzogen wird, sehnt sich irgendwann selbst nach ordnenden Autoritäten und ist zur Kooperation kaum fähig.
Deshalb sollten wir Transformation nicht nur als Lern-, sondern auch als Kommunikationsprozess verstehen. Nach der Lehre des Psychologen Paul Watzlawick kommt dabei Beziehung vor Inhalt. In meiner transformativen Arbeit ist es entscheidend, zunächst Vertrauen zu den verschiedenen Akteuren aufzubauen – und das wichtigste Medium dafür ist das persönliche Gespräch. Wenn die gegenwärtige Polykrise Ausdruck einer tiefen Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft ist, dann beginnt Nachhaltigkeit mit der Umgestaltung sozialer Beziehungen.
Genau das war auch der Punkt, der mich an der Postwachstumsdebatte oft desillusioniert hat. Viele dieser Ideen wirken, als träten sie von aussen an den Menschen heran – ohne Vertrauen in seine eigene Gestaltungsfähigkeit. Dadurch entsteht weder Selbstvertrauen noch das Gefühl, wirklich über das eigene Leben bestimmen zu dürfen. Solche Konzepte bleiben dann äussere Gerüste, die leicht zu inneren Dogmen werden, ohne Freiheit oder echte Transformation zu ermöglichen. Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit damit um, dass Wandel nicht auf Unterdrückung oder Verdrängung beruhen kann, sondern einzig auf der freien Entscheidung des Einzelnen?
DB: Ich kann nur bestätigen, was Sie sagen. Mich stört an der Nachhaltigkeitsdebatte, dass sie oft noch in der Logik der Modernisierung verhaftet ist – also in der Idee, Probleme zu lösen, indem man die Gesellschaft als «Megamaschine» optimiert. Wenn eine Maschine gegen die Wand fährt, löst auch ihre Reparatur das Problem nicht. Wenn der Mensch darin nur ein Rädchen ist, kann Nachhaltigkeit nicht seine zusätzliche Selbstoptimierung bedeuten, sondern Emanzipation. Nachhaltigkeit benötigt nicht besser funktionierende Menschen, sondern Menschen, die auch «nein» sagen können und zur kreativen Dysfunktionalität fähig sind. Der Ausgangspunkt ist nicht der Mensch, wie er sein sollte, sondern wie er ist – das menschliche Mass. Nicht die Menschen sollten sich optimieren, sondern die Gesellschaft humanisiert werden. Märkte sollten den Menschen dienen, statt umgekehrt.
Eine Transformation kann nur dann nachhaltig sein, wenn sie dem menschlichen Mass entspricht – und aus dem Lokalen heraus hervorgeht. Der Weg ist dabei das eigentliche Ziel. Deshalb achte ich in meinen Vorhaben darauf, dass das Miteinanderteilen nicht nur gepredigt, sondern auch in der Organisation gelebt wird – etwa indem Verantwortung für Aufgaben von mindestens zwei Personen getragen wird. Während die wichtigste Ressource der neoliberalen Globalisierung im ökonomischen Kapital lag, liegt jene einer nachhaltigen Transformation im sozialen Kapital. Solche Ansätze haben mich auch bei der Entwicklung der Idee «Tag des guten Lebens» in Köln geleitet. Er ist kein Event, sondern ein Katalysator für eine progressive Transformation der Stadt in Richtung Nachhaltigkeit. Seit 2013 findet dieser Tag einmal jährlich in Köln statt, seit 2020 in Berlin und seit 2021 auch in Wuppertal. An diesem Tag gehört ein ganzes Quartier seiner Bewohnerschaft und darf als Gemeingut regiert werden. Weil Räume für das gute Leben immer knapper werden, werden an diesem Tag 15 bis 35 Strassen in einen breiten Freiraum umgewandelt – auto- und kommerzfrei. Die Nachbarschaften dürfen alles tun, ausser verkaufen und kaufen: Nur Schenken und unentgeltliches Teilen sind erlaubt. Auch die Transformation braucht Regeln, doch der Unterschied ist, dass diese nicht fremdbestimmt werden, sondern partizipativ in den Nachbarschaften selbst entstehen.
Durch solche Reallabore habe ich erfahren, wie sehr viele Menschen verlernt haben, frei und kreativ zu sein. Wenn es darum geht, sich das gute Leben vorzustellen und zu gestalten, kommen viele nicht weiter als bis zu Flohmarkt oder Strassenfest. Genau in Freiräumen reproduzieren sich also verinnerlichte Autoritäten und Muster – etwa in Form von Selbstzensur. Aus diesem Grund braucht die Transformation neben physischen auch mentale Freiräume. Dabei kann die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern fruchtbar sein. Wenn der Weg in einer bestimmten Art und Weise gestaltet wird, erfahren die Menschen einen Tag des guten Lebens nicht als Verzicht, sondern als Gewinn. Viele suchen eine Alternative zum Alltag, indem sie weit reisen, etwa um Entschleunigung zu erleben. Doch manche Reallabore zeigen, dass wir unsere eigene Stadt zu einem Ort machen können, an dem wir gerne sogar unseren Urlaub verbringen. Die Herausforderung sind die materiellen Infrastrukturen, die unser Verhalten im Alltag lenken. Für einen Sonntag darf ein ganzes Quartier autofrei sein, am Montag zwingen uns die Infrastrukturen jedoch zurück in die «Normalität». Infrastrukturen lassen sich einerseits verflüssigen, indem sie umgedeutet und umfunktioniert werden – zum Beispiel eine Strasse vom Verkehrsraum zum Begegnungsraum. Gleichzeitig braucht es breite Bewegungen und neue Allianzen, um die Rahmenbedingungen so zu ändern, dass ein Stück gutes Leben jeden Tag möglich wird.
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Hier gehts zum zweiten Teil des Interviews mit Davide Brocchi.
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