Der unerreichbare Major Tom
Vor zehn Jahren verabschiedete sich David Bowie endgültig in den Musikgötterhimmel. Er war ein besessenes Genie, geschmackloser Provokateur, disziplinierter Geschäftsmann, Verschwörungstheoretiker und Endzeitprophet. Er propagierte Genderverwirrung und Raumfahrtzirkus, hatte eine seltsame Obsession für die Nazis – und er hatte uns klar und deutlich gewarnt: Rockmusik ist faschistisch und satanisch.
Zugegeben, es ist unmöglich, die Wahrheit zu kennen über eine Persönlichkeit, deren Leben letztlich eine einzige Show war. Sind Interviews und Biografien ehrlich oder wiederum Teil der Inszenierung? David Bowie gab einen Hinweis: «Das ist Teil meines Unterhaltungsauftrags: dich anzulügen.» Als er die Musikwelt eroberte, galt er den einen als ruhmsüchtiger Scharlatan, dem es offensichtlich darum ging, den Massen einen dekadenten, promiskuitiven und selbstzerstörerischen Lebensstil schmackhaft zu machen. Für die anderen war er ein Genie, das Rockmusik zur Kunstform erhob.
Der Junge David, der 1947 in London zur Welt kam, wäre beinahe buddhistischer Mönch geworden, zog dann aber die Weltbühne dem Weg der Enthaltsamkeit vor. Trotz seines Talents als Komponist und Sänger waren die Anfänge beschwerlich. In den 1960ern eiferten Tausende von Musikern den Beatles nach und hatten nur ein Ziel: berühmt zu werden. Dem stand eine träge Plattenindustrie gegenüber, die Schallplatten hauptsächlich produzierte, um Vinyl, ein Nebenprodukt aus dem Ölgeschäft, zu Geld zu machen. Die Tonträgerbranche wurde damals von wenigen Elektronikherstellern kontrolliert, die vor allem mit Wehr-, Radar- und Beleuchtungstechnik gross geworden waren und deren Chefetagen die Popgeschichten eher lästig fanden. Bowies Label etwa überliess das ungeliebte Thema einem Komitee, das jeden Montagmorgen darüber entschied, welche Aufnahmen veröffentlich werden sollten. Bowies erster Manager beschrieb das Prozedere: «Die Mitglieder des Komitees sassen in steifen Anzügen an einem Tisch. Einige schliefen ganz offensichtlich, andere lasen Zeitung und schienen verärgert, dass sie sich nach einem geruhsamen Wochenende ‹diesen Unsinn anhören› sollten.» So wurden damals Rockstars geboren. Bowies Aufnahmen, damals noch relativ biedere und jugendfreie Stücke, wurden in der Regel abgelehnt.
Hoch hinaus und über Grenzen hinweg
Den ersten Hit platzierte er wenige Tage, bevor Apollo 11 Richtung Mond geschossen wurde, hatte Bowie doch rechtzeitig eine melancholische Hymne über den Astronauten Major Tom bereit, der in der Schwerelosigkeit entschwebt. Für die NASA kam das wie gerufen, um die Raumfahrteuphorie musikalisch zu befeuern. Man bedenke, dass auch popkulturell Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, damit die Menschheit akzeptierte, dass Milliarden von Steuergeldern in der Luft verbraten wurden, während auf Erden «das Geld fehlte» für die bodenständigsten Dinge. Also waren Bowies Weltraumträumereien im Radio sehr willkommen.
Zu dieser Zeit lernte Bowie seine erste Ehefrau Angela Barnett kennen, Tochter eines hochdekorierten US-Militärveterans. Sie hatte die Obsession, aus David einen Superstar zu machen und verschaffte ihm mit Körpereinsatz seinen ersten brauchbaren Plattenvertrag. Als die beiden 1970 heirateten, deklarierten sie es publikumswirksam als «offene Ehe». Da sie sich beide als bisexuell identifizierten, provozierten sie mit der «ersten Rock’n’ Roll-doppel-Bi-Ehe» Schlagzeilen – damals wussten die meisten Menschen noch nicht einmal, was Bisexualität ist. Es heisst, das Spiel mit sexuellen Orientierungen und die Vermischung der Geschlechter sei Angelas Idee gewesen, um Aufmerksamkeit und Empörung zu erregen – mit Erfolg. Sie designte Bowies androgyne Maskerade, kreierte ausgefallene Kostüme und neue Frisuren, sorgte für schrilles Image und aggressives Marketing und erschuf so ein Fabelwesen, wie es die Welt nie zuvor gesehen hatte.
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