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Was Frieden wirklich bedeutet

Eine kleine Gemeinschaft in Kolumbien leistet seit fast 30 Jahren Widerstand gegen Krieg und Umweltzerstörung. Während Verbrecherbanden und Paramilitärs unliebsame Gegner ungestraft foltern und ermorden, entscheidet sich die «Comunidad de Paz» bewusst gegen Gewalt und Resignation.

Die Turbulenzen in der Propellermaschine über den wolkenverhangenen Bergen zwischen Medellín und Apartadó verstärken mein mulmiges Gefühl. Was bewegte mich dazu, die Delegation von drei deutschen Frauen der Friedensgemeinschaft Tamera in Portugal zu ihrer Schwesterngemeinschaft der Comunidad de Paz (CDP) von San José im Nordwesten Kolumbiens als Dolmetscherin und Journalistin zu begleiten? Zum ersten Mal in meinem Leben reise ich in eine gesetzlose Zone. Hier regiert der Clan del Golfo, das mächtigste Verbrechersyndikat Kolumbiens.

Vom Flughafen geht es weiter mit dem Taxi. Das letzte Stück der Strecke führt über einen Sandweg voller Schlaglöcher inmitten üppiger Tropenpflanzen. Ein überwältigender Anblick aus Grün mit knallpinken Tupfern. Das Gebiet der Friedensgemeinschaft von San José ist mit Schildern gekennzeichnet. Auch die Prinzipien der CDP stehen darauf: «Keine Waffen, kein Alkoholkonsum, kein Unrecht und keine Straffreiheit, kein Anbau illegaler Pflanzen, keine Weitergabe von Informationen gegenüber Konfliktparteien, keine direkte oder indirekte Teilnahme am Krieg».

Welcher Krieg, frage ich mich. In der Siedlung La Holandecita direkt am Fluss im Tal sind die Hütten bunt bemalt. Hunde, Katzen, Hühner, Enten und Pferde laufen frei herum. Auf dem blauen Basketballfeld mit dem Logo der Gemeinschaft in der Mitte tummeln sich vergnügt die Kinder. Wir wohnen in einem der leerstehenden Häuser. Vielleicht sogar dem luxuriösesten, mit Steinboden, Veranda, Küche und zwei Zimmern. Die Holzwände reichen nicht bis zum Dach aus Metallblechen, sodass ich vom wackligen Doppelstockbett aus die Pflanzenpracht sehe.

Der friedliche Eindruck täuscht. Mitglieder der CDP erzählen uns von bewaffneten Paramilitärs in der Nähe. Wie halten die Menschen hier ein Leben in ständiger Angst aus? Sie kennen es nicht anders:

«Als die Gemeinschaft 1997 gegründet wurde, war ich noch ein Kind und wie alle anderen in der Region aufgrund der Gewalt vertrieben worden», erzählt Roviro Lopez. «Es war schwer für uns, eine neutrale Gemeinschaft zu gründen, da wir dadurch von den bewaffneten Gruppen ins Visier genommen wurden. Viele Massaker wurden von den Paramilitärs zusammen mit der kolumbianischen Armee verübt, andere von den Guerillas der FARC, die zu dieser Zeit das Gebiet von San José de Apartadó kontrollierten.»

Erst nach vielen Recherchen verstehe ich, warum sich diese Menschen der ständigen Unsicherheit aussetzen: Die anderen Optionen sind noch schlimmer, denn in Kolumbien sind vier Millionen Kleinbauern in einer ähnlichen Situation. Um nicht ermordet zu werden, gehen sie weg und landen in den Slums der Grossstädte.

«In die Stadt zu gehen würde keine Selbstbestimmung, kein würdevolles Leben mehr bedeuten. Wir wären dann Sklaven anderer.»

Mit den Jahren wurde ihnen ein weiterer wichtiger Grund für ihren zivilen Widerstand bewusster: «Wenn wir wegziehen, überlassen wir das Land denen, die die Natur zerstören.» Sprich, den Grosskonzernen, die auf die Bodenschätze der Region aus sind. Aus einer Notlage heraus erwuchs somit ein Projekt für eine Lebensweise, die zeigt, was es für echten Frieden und Naturschutz braucht:

«Wenn wir eine Gemeinde des friedlichen Widerstands sein wollen, dürfen wir nicht dasselbe tun wie die bewaffneten Gruppen. Dazu braucht es Selbstreflexion. Das hat viel Arbeit gekostet», erklärt Roviro. «Wir sind für die Angehörigen der Opfer da, sodass sie nicht zu den Waffen greifen, die Täter suchen und umbringen. Stattdessen suchen wir gemeinsam nach Wegen für Gerechtigkeit. Wir gewähren dem Täter Vergebung, aber wir werden die Taten nicht vergessen. Wir werden nicht schweigen und Gerechtigkeit fordern.»

Straflosigkeit ist in Kolumbien Realität und hinter all der Gewalt steht ein System, das Menschen korrumpiert. Das Paramilitär bietet ihnen Geld, um im Interesse der Oligarchen Widersacher zu ermorden. Wer wenig bis gar keine Bildung hat, lässt sich leichter kaufen. Die Mitglieder der CDP hingegen sind Kleinbauern mit einem erstaunlichen Wissen über Politik und Geschichte und haben Allianzen mit Gemeinschaften auf der ganzen Welt geschlossen, die sich mit ihnen verbündeten, um das Leben und die Natur zu schützen.

Deshalb veranstalten sie die «Bauernuniversität» oder «Universität des Widerstands», der Grund für unsere Reise hierher. In den kommenden Tagen treffen Mitglieder anderer Gemeinschaften und indigener Völker aus allen Teilen Kolumbiens und dem Ausland ein. Gemeinsam brechen wir zu Spaziergängen in der Umgebung auf. Allein ist es zu gefährlich. Es sind Gedenkmärsche an die Opfer der verschiedenen Massaker.

Ich brauche starke Nerven. Immer wieder halten wir an und erfahren, was einst an diesen Orten passierte. An einer Stelle am Fluss fanden sie einen Mann und dessen abgeschnittenes Ohr, an einem anderen Ort eine 30-jährige Frau und ihren 14-jährigen Schwager und in einer Siedlung oben in den Bergen wurden sechs Männer erschossen, die tagelang vor der Schule verwesten, weil niemand kam, um die Beweise aufzunehmen, obwohl die CDP sowohl Polizei als auch Militär um Hilfe gerufen hatte.

Kolumbien kennt seit der Unabhängigkeit von Spanien keinen Frieden. Nun ein Hoffnungsschimmer. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ist ein linker Präsident an der Macht. Die CDP hatte längst mit dem Staat gebrochen, denn dessen Strukturen sind zutiefst korrupt. Doch Gustavo Petro tut, was er kann, um die Zustände sichtbar zu machen und riskiert damit auch sein Leben.

Im Juni 2025 entschuldigte sich Petro in einer öffentlichen Zeremonie bei den Mitgliedern der Comunidad de Paz und sprach Klartext über die kolumbianische Wirklichkeit im Staatswesen, das so eng mit dem Paramilitarismus und der Oligarchie verstrickt ist, dass selbst er als Präsident nicht die notwendige Macht hat, das zu ändern.

Von der Friedensgemeinschaft von San José lerne ich, dass wahrer Frieden mehr erfordert als Proteste und Lippenbekenntnisse. Er braucht die Fähigkeit zu vergeben und gleichzeitig nicht zu vergessen, Gemeinschaft für seelische Unterstützung, aber auch körperlichen Schutz, und ein Bewusstsein für die Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems:

«Es kann sein, dass du viel studierst und dann in einem Unternehmen landest, das andere ausbeutet», sagt Roviro. «Vielleicht hast du nie eine Waffe in die Hand genommen und nie jemanden getötet, aber du bist mitverantwortlich für alles, was passiert, wenn du Eigentümer oder Angestellter eines Unternehmens bist. Wenn du studierst, um Unternehmen zu gründen, die sich für die Pflege, den Erhalt des Lebens und der Natur einsetzen, würde sich das Leben in unseren Gebieten sicherlich sehr verändern.»

Hier verstehe ich, warum Gemeinschaft so wichtig ist und die Vereinsamung der Menschen in Europa viele so gefügig macht. Allein gegen ein System der Gewalt anzutreten, ist aussichtslos. Es braucht Zusammenhalt und Vertrauen zwischen einer Gruppe von Menschen. Einzelne Menschen sind leicht zu bedrohen und aus dem Weg zu räumen, eine Gruppe nicht. Wie lächerlich erscheint es, angesichts drohender Bürgerkriege das Gespräch und die Freundschaft mit den Nachbarn und den Mitmenschen im Umfeld zu suchen. Doch genau das ist es, was Schutz bringt. Dafür ist Selbstreflexion nötig, um sich nicht spalten zu lassen, wenn andere Meinungen unvertretbar erscheinen. Oft hilft es, die Geschichte des anderen anzuhören. Frieden wird im Kleinen umgesetzt.

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Elisa Gratias ist Autorin, Übersetzerin und Malerin. Sie schreibt vor allem auf Manova und flohbair.com. Ihre Kunst zeigt sie auf elisagratias.com.


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