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«Wach statt woke!»

Interview mit dem Kabarettisten Helmut Schleich

Helmut Schleich bringt schon seit über 40 Jahren die Menschen mit beissender Satire zum Lachen. Bekannt wurde er vor allem mit seiner Sendung «SchleichFernsehen» beim Bayrischen Rundfunk (BR). Vor zwei Jahren hörte er dort auf und ist in diesem Herbst mit einem neuen Format zurückgekehrt. Im Interview nennt er die Gründe sowohl für den Rücktritt als auch für das Comeback, er spricht über die Cancel Culture der Gegenwart und erklärt, was Kabarett in Zeiten wie diesen leisten muss.

«DIE FREIEN»: Herr Schleich, Sie sind nach einer zweijährigen Pause mit einer neuen Kabarett-Sendung zum Bayrischen Rundfunk zurückgekehrt. Warum waren Sie überhaupt so lange weg?

Helmut Schleich: Ich habe ja mit «SchleichFernsehen» im Herbst 2023 nach 85 Folgen oder zwölf Jahren aufgehört, weil ich keine Lust mehr hatte, über jede Habeck- oder Baerbock-Pointe zehnmal so lang diskutieren zu müssen wie über eine Söder-Pointe. Auch das Corona-Thema war abseits des gängigen Framings sehr mühsam in der satirischen Bearbeitung. Also habe ich – frei nach dem Sachsenkönig August – gesagt: «Nu machta eusch euern Dreck alleene». Nicht mal das wurde mir medial zugestanden und stattdessen von der Presse – nicht vom BR! – in die Welt gesetzt, der Sender hätte mich wegen sinkender Quoten abgesetzt, was ziemlich schäbig und zudem falsch war.

Wenn die Bedingungen doch so schlecht waren – warum sind Sie zurückgekommen?

HS: Gute Frage. Auch ausgelöst durch meinen Weggang gab es in der entsprechenden Redaktion grundlegende personelle Veränderungen. Vor allem gab es auch eine neue Programmbereichsleiterin, die immer wieder das Gespräch mit mir gesucht hatte. Man wollte mich schon halten, seitens des BR. Ich habe dann Bedingungen formuliert, unter denen ich mich noch mal auf eine Sendung einlassen würde, personeller Art, aber natürlich auch inhaltlicher Freiheit, worauf man sich seitens des Senders eingelassen hat. Damit war für mich die Türe neu geöffnet.

In der neuen Sendung fassen Sie auch heisse Eisen an, Themen wie Migrations- und Corona-Politik etwa. Das ist bereits ein Zeichen dafür, dass der Bayrische Rundfunk Ihnen mehr Freiheiten gewährt. Haben Sie das Gefühl, dass in den Fernsehredaktionen ein Umdenken stattfindet. Werden sie kritischer im Hinblick auf die gesellschaftspolitischen Verhältnisse? Oder ist das ein Trugschluss?

HS: Grundsätzlich habe ich den Eindruck nicht. Da spreche ich allerdings als Zuschauer. Ich glaube, beim Norddeutschen Rundfunk oder beim SWR gäbe es für ein Satireformat wie meines nach wie vor keinen Platz. Beachtlich fand ich, dass sich der BR in Sachen Julia Ruhs gegen den NDR gestellt hatte und eine Journalistin, die rechts geframt wird, bewusst weiterbeschäftigt. Womöglich entsteht da ein neues Bewusstsein, dass man sich von der grün-woken Community nicht mehr auf der Nase herumtanzen lassen will. Wäre ja erfreulich.

Kompetent kann ich nur über die Redaktion sprechen, mit der ich arbeite, und da werde ich tatsächlich mit grossem Respekt behandelt und habe den gewünschten Freiraum. Freilich gibt es Pointen, die diskutiert werden. Das ist ja auch vollkommen okay, solange das auf Augenhöhe passiert. Und wenn mich eine Redakteurin oder ein Redakteur in aller Freundschaft bittet, einen Gag wegzulassen, weil er auf die erwartbaren Briefe der Humorlosen nicht antworten will, wozu er oder sie verpflichtet ist, dann kann ich das mitunter durchaus nachvollziehen.

Erst kürzlich ist die zweite Folge ihres neuen Formats «Schleich pur» gelaufen. Zu Gast war unter anderem Monika Gruber. Auch sie musste für ihre regierungskritischen Aussagen in der Vergangenheit viel einstecken und wird bis heute hart gecancelt. Welche Reaktionen haben Sie auf die Sendung erhalten?

HS: Ich darf Sie korrigieren: Zu Gast war ausschliesslich Monika Gruber. Es gibt pro Folge nur einen einzigen, handverlesenen Gast. Beim nächsten Mal ist das übrigens Simone Solga und danach Andreas Rebers, also bestes Personal. Ja, in der Tat, Monika hat, wie auch mein Freund Uwe Steimle, sehr viel über sich ergehen lassen müssen, bis hin zu üblen Beschimpfungen von Kollegen im ÖRR. Bei mir blieb es nach der Sendung diesbezüglich meines Wissens nicht nur ruhig, nein, es gab viel Lob für Monikas Kabarett-Comeback – das war’s nämlich! – und ihr klares politisches Statement zum Thema Russland und Wehrpflicht.

Die Frau steht mitten im Leben und hat was zu sagen! Eine häufige Reaktion war: «Dass ihr das im Öffentlich-Rechtlichen noch sagen dürft, hätte ich nicht gedacht!» Das ehrt doch auch den Sender. Gut, allzu viel kann ja auch nicht passieren, ich laufe nur drei Mal im Jahr, allerdings auch auf eigenen Wunsch. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass ich meine Pointen nicht beim Gag-Amazon kaufe, wie das in anderen Sendungen der Fall ist, sondern selber mache, was Zeit braucht.

Auch stelle ich fest, dass «Schleich pur» im Programm gut und intensiv beworben wird. In andere Formate wie Talksendungen oder politische Panels werde ich jedoch im Unterschied zu früher nicht mehr eingeladen. Vielleicht bin ich denen doch ein zu unsicherer Kantonist. Aber das macht nichts. Mir gehen diese Kabarett- und Comedy-Kollegen eh auf die Nerven, die inzwischen in allen möglichen Formaten auftauchen, die mit Satire gar nichts zu tun haben, und dort Haltung simulieren, indem sie opportunistisches Zeugs quatschen. Da frage ich ganz bayrisch: «Braucht’s des?»

Der neue Name ihrer Sendung «Schleich pur» deutet an, dass sie auch inhaltlich neu ausgerichtet ist. Wie unterscheidet sie sich von Ihrem früheren Format «SchleichFernsehen»?

HS: Eigentlich sagt der Name alles: Schleich pur. In der alten Sendung gab es zahlreiche Rubriken und Figuren, fast alle von mir gespielt. Das war eine sehr aufwändige und auch teure Produktion mit vier Drehtagen pro Folge. Das ist heutzutage sehr viel. Ich habe mich sozusagen auf mich selbst zurückgeführt, präsentiere jetzt meine Texte dort, wo das Kabarett ursprünglich entstanden ist, im Wirtshaus, ganz direkt und pur eben.

Wir haben nicht mal eine Bühne, ich spiele mitten unter den Leuten. Eine tolle Atmosphäre, die sich offenbar auf die Leute daheim überträgt. Viele fragen: «Wo ist diese Kneipe? Da will ich auch mal hin.» Zuspielfilme gibt es nur noch aus dem umfangreichen «SchleichFernsehen»-Archiv, so sie der Aktualität dienen. In der neuesten Folge war das jetzt ein von mir gespieltes Merkel-Interview aus dem Jahr 2015 zum Thema «Wir schaffen das», dem ich anschliessend ein brandneues Solo zum Thema «Merkel mischt sich wieder ein» folgen liess.

Wir leben in einer Zeit der Realsatire. Was die Politikerprominenz tagtäglich darbietet, kann das Kabarett eigentlich nicht mehr übertreffen. Wie stellen Sie sich dieser Herausforderung?

HS: Das sagt sich immer so leicht und der Eindruck vermittelt sich ja den Leuten auch, dass die Realität nicht mehr zu toppen sei und die Themen ja auf der Strasse lägen. Wenn man davon ausgeht, dass Übertreibung ein Stilmittel der Satire ist, erleben wir in der Tat reichlich Real-Satire, ein Wort von Dieter Hildebrandt übrigens. Daran sieht man, dass der Trend wohl doch nicht allzu neu ist. Und die entscheidende Frage ist ja nicht, wie viel Stoff fürs Kabarett rumliegt, sondern wo sich der satirisch-kabarettistische Hebel am geschicktesten ansetzen lässt.

Der Witz liegt ja zumeist nicht nur in der Übertreibung der Realität, sondern im Beziehungsreichtum. Also die Dinge, die passieren und von der Politik geäussert werden, so lange durchzumischen, bis ihr Sinn oder die dahinterstehenden Absichten kenntlich werden. Da sind alle Kabarettisten im Vorteil, die schon viel erlebt haben und sich deshalb nicht mehr so leicht vom Gerede der Mächtigen beeindrucken lassen. Insofern sage ich immer: Kabarett ist nix für Kinder. Wach statt woke sozusagen.


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