Die Arche der Freiheitlichen
Wie Freiheitsliebende ein Arche-Netzwerk in den aufsteigenden Fluten einer zunehmend unfreien Welt errichten können – und müssen, wenn der Mensch als freies Individuum überleben soll. Eine Utopie in der Dystopie.
Wir stehen an einem Punkt der Geschichte, an dem die fundamentalen Auswirkungen der technologischen Entwicklung auf die Menschheit längst unumkehrbar sind. Digitale Vernetzung, Plattformökonomie, die Abwanderung grosser Teile menschlicher Existenz in eine virtuelle Realität, Künstliche Intelligenz – all das lässt sich nicht mehr aufhalten.
Die Menschheit zieht sich zusammen zu einem vernetzten Organismus, der aus Milliarden Knoten besteht – und dessen Betrieb zunehmend von KI übernommen wird. Themen wie kulturelle und persönliche Identität und das Ideal eines freien, selbst denkenden Menschen werden unter diesem Effizienz-Diktat zunehmend begraben werden.
80, 90, vielleicht 99 Prozent der Menschen werden in eine sprichwörtliche Matrix eintreten. Die Massen werden denken und fühlen, was die KI ihnen vorsetzt – und sie werden nicht unglücklich sein; sondern in der Ressourcenallokation und Bedürfnisbefriedigung sogar effizienter und glücklicher als jemals zuvor.
Wer aber spürt, dass er mehr ist als ein Knoten in einem globalen, KI-betriebenen Organismus; wer den Wert, den Sinn seiner Existenz aus der Tiefe selbstbestimmten Denkens und Seins, aus echten Begegnungen mit anderen Menschen zieht, wer einen grossen Widerstand gegen diese Entwicklung in sich spürt, der muss verstehen:
Ein Auflehnen gegen «das Ganze» ist sinnlos. Die Mehrheit hat diesen Pfad bereits eingeschlagen; kein Mensch kann Wasser den Fluss hinaufschieben. Freiheit bedeutet auch: sich nicht in den Fluten des Unabänderlichen zu verlieren.
Was keinesfalls heisst zu verzagen. Sondern aufzuhören das Dunkel zu verfluchen – und eine Kerze anzuzünden: Die Lösung ist keine globale Revolte. Die Lösung ist selektive Adaption, wo sie Sinn macht; und der Aufbau von Archen, welche auf den Wellen des Unabänderlichen surfen; die Gründung geistiger und physischer Heimstätten von Gleichgesinnten – nicht im Sinne einer Unterwerfung, sondern einer selbstbewussten, souveränen Koexistenz.
Akzeptiere die grossen Entwicklungen. Analysiere gleichmütig, was sie konkret für dein Leben bedeuten, aber gehe nicht in den inneren oder äusseren Widerstand. Nutze sie, wo sie Vorzüge bieten, dulde sie, wo sie unabwendbar sind; aber bleibe unabhängig in deinem Geist, in deinem Herzen, in deinem Handeln. Und, wahrscheinlich das Wichtigste: verkrieche dich nicht allein vor dem Sturm, sondern gehe vor die Tür und vernetze dich mit Gleichgesinnten.
Es wäre der Beginn einer neuen adaptiven, intellektuell-spirituellen Diaspora von Menschen, die sich nicht im System-Sturm verlieren, sondern ihre Werte wahren und sich verbinden: An Stammtischen, in Vereinen, Co-Living-Konzepten, Höfen, Dörfern, Nanonations; die zu Orten der Intellektualität, der Spiritualität, der Zugehörigkeit und Gemeinschaft werden.
Wer jetzt diese innere Arbeit tut, wer seine Widerstände gegen das Neue erkennt und löst, wer den Zorn loslässt, weil er versteht, dass er ihn nur lähmt, der kann etwas bauen, was grösser ist als alles, was war. Gemeinsam. Mit Menschen, die denken und fühlen wie du:
1. Kultiviere deine innere und äussere Autonomie: Lerne im System zu leben – ohne dich von ihm abhängig zu machen. Flüchte dich nicht in System-Narrative wie Karriere, Status, Konsum und ein virtuelles Leben; sondern lebe im Hier und Jetzt; erhalte dein geistiges, kulturelles und materielles Kapital. Halte dein Denken scharf, deinen Körper gesund, deine Seele liebevoll und ruhig.
2. Finde Gleichgesinnte und pf lege Begegnungen: Vernetze dich mit Menschen, die denken wie du. Baue kleine, dichte Netze. Drei, fünf, zehn Menschen reichen, wenn sie klar sind und loyal. Qualität geht hier vor Quantität. Diese kleinen Kreise werden sich später auf natürliche Weise finden und ebenfalls vernetzen.
3. Schaffe Tiefe durch Strukturen: Gestalte Räume in der Stadt, der Natur; Räume des Meditierens und des Denkens, Orte des Zusammenlebens. Gründe einen Stammtisch, einen Verein, ein Café, eine Bibliothek, eine Werkstatt in der Stadt, einen Hof, ein Dorf. Einen physischen Ort der Begegnung, der eine kritische Masse an Energie erzeugt, der sich selbst zum Leben erweckt.
Wer so lebt, wird sich den Entwicklungen weder in den Weg stellen, noch wird er sich ihnen unterwerfen, noch wird er in ihnen untergehen.
Er wird sich aufrichten inmitten einer Zeit, die alles passiv schluckt und nivelliert. Er wird die Vorzüge der technologischen Entwicklungen selektiv geniessen, ohne sich in ihnen zu verlieren. Er wird die Welle reiten, statt von ihr verschlungen zu werden.
Vielleicht, wenn genug diesen Weg gehen, entsteht daraus eine alternative Welt, die sich niemandem aufdrängt; eine stille Utopie in Ko-Existenz zur Dystopie: Eine Welt, die keinen Aufstand probt für jene, die überhaupt nicht gerettet werden wollen, sondern für einen ausgewählten Kreis Gleichgesinnter. Eine stille, leuchtende Arche, die seine Mitreisenden trägt – durch die Zeit, durch die unabwendbaren System-Stürme – und hier und da vielleicht zu einem Archipel unabhängiger Inseln.
Die Zukunft kommt. Du wirst sie nicht aufhalten. Aber sie wird dich tragen, wenn du lernst, sie zu surfen. Mit anderen. Gemeinsam.
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Alexander von Schlaun arbeitete 25 Jahre in Führungspositionen von Grosskonzernen. Er lebt in München und betreibt seit zehn Jahren einen freiheitlichen Blog, auf dem er gesellschaftliche, philosophische und spirituelle Themen diskutiert: facebook.com/alexander.vonschlaun
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