Ulrike Guérots Vision von Europa
Ulrike Guérot, einst glühende Architektin der europäischen Idee, spricht heute wie jemand, der eine grosse Liebe verloren hat – und trotz Kündigungen, öffentlicher Ächtung und persönlichen Erschütterungen nicht aufhört, an sie zu glauben.
Ein Gespräch mit Ulrike Guérot ist wie ein Feuerwerk intellektueller Offenbarungen. Durch sie spricht die Erfahrung, die sie auf ihrem Weg an der Bruchkante der Geschichte entlang gesammelt, ref lektiert und analysiert hat. Voller Idealismus bewegte sie sich einst im Bundestag, in Thinktanks, auf den Fluren der internationalen Politik, getragen vom gebrochenen Versprechen, dass aus den Ruinen dieses Kontinents ein geeintes Europa hervorgehen würde. Enttäuscht, doch mit klarerem Blick als je zuvor blickt sie zurück auf eine Welt, die sie einmal als die ihre verstand. Menschen, die mit ihr einst Werte wie Europa, Frieden, Freiheit teilten, plädieren heute für Globalisierung, Krieg, Kontrolle. Guérot blieb ihren Werten treu und musste sich von ihrem früheren Umfeld trennen. In ihren Augen sind die Eliten verantwortlich für den Zerfall Europas. Er vollzog sich erst unmerklich, dann unübersehbar: das Scheitern des Verfassungsvertrags, die Bankenkrise, die Austeritätspolitik … Den Zustand Europas diagnostiziert sie mit dem Blick einer Intellektuellen, die den Schaden bemerkt, bevor die Fassade zu bröckeln beginnt: die Verkümmerung des politischen Subjekts, die Verwandlung des Bürgers in einen «gut verwalteten Menschen», den Absturz einer aufgeklärten Gesellschaft in digitale Unmündigkeit. Corona, sagt sie, sei nicht der Beginn, sondern die Bestätigung gewesen: Freiheit wird verraten, als wäre sie ein verzichtbarer Luxus. Und der Krieg wird herbeigerufen, als hätte Europa seine Geschichte vergessen.
Im Gespräch kehrt Guérot immer wieder zum Mythos von Sisyphos zurück: Vernunft, Geist, Aufklärung, Humanismus – all das ist uns entglitten. Der Stein, sagt sie, liegt wieder am Fuss des Berges. Aber Sisyphos setzt sich nicht daneben. Er beginnt neu. Und so müsse jeder neu dort anfangen, wo er stehe. Am Küchentisch, im Gespräch mit der Nachbarin. Im Zweifel nur mit der Frage: «Ist das so?» Schon das könne ein winziger Akt des Widerstands sein, der die Welt im Kleinen verändert.
Guérot ist nicht auf dem Rückzug; sie ist auf einer neuen Route. Sie reist viel, liest viel, spricht viel – mit Bürgerinitiativen, Intellektuellen, Unruhestiftern. Kürzlich war sie in Russland. Nicht um «Putin zu verstehen», sondern um Europa zu begreifen. Ihre Beobachtung: «Die Russen wollen zu uns.» Sie hält an einem Gedanken fest, der beinah altmodisch klingt: Ein Europa, das wieder zuhört, seine Bürger ernst nimmt, diplomatisch agiert in einer multipolaren Welt, und damit den Frieden sichert. Eine «grosse Schweiz» nennt sie es: neutral, dezentral, subsidiär. Ein Kontinent, der moderiert statt marschiert. Und während sie das sagt, stellt sich mir unweigerlich die Frage: Ist das schon Nostalgie? Oder ein Neuanfang? Vielleicht beides.
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Das Interview «EU am Abgrund? Ulrike Guérot über Krieg, Freiheit und die Zukunft der Bürger» findest du auf unserem YouTube- Kanal.
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In ihrem neusten Buch «Zeitenwenden – Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart» (2025, 224 Seiten, Westend Verlag) analysiert sie Veränderungen, die zurückliegen und solche, die uns bevorstehen.
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