Skip to main content

Gutes Streiten

Permanente Rechthaberei, ständige Vorwürfe. Wenn es zwischen Menschen knallt, geht es oft hart und verletzend zu. Am Ende kann der endgültige Bruch stehen. Meist eine Folge mangelnder Konfliktkompetenz. Doch das lässt sich ändern.

Da war doch dieses Gemeinschaftsgefühl, wohlig und wärmend. Und plötzlich ist es weg. Wohin nur, warum nur? So schmerzhaft die Jahre der sogenannten Pandemie auch waren, es gab auch schöne Erlebnisse, es haben Menschen zusammengefunden, die sich sonst nie begegnet wären. Das tat der geschundenen Seele gut, gerade weil die Ausgrenzungserfahrungen so zahlreich waren. Doch inzwischen, so hört man vielerorten, haben sich einige Bande wieder gelöst, es gab Unstimmigkeiten, Beschuldigungen, Streitereien – und schliesslich kam es zum Bruch. Das ist bitter, das tut weh. Und die Frage ist, hätte man es abwenden können?

Natürlich, Abschiede und Trennungen lassen sich nicht immer vermeiden, und ja, oft sind sie notwendig. Wahr ist aber auch, dass manche Beziehungen immer noch Bestand hätten, wenn wir mehr Konfliktkompetenz aufgebracht hätten. Doch die meisten rutschen, wenn sich zwischenmenschlich etwas zusammenbraut, auf die Ebene von Kleinkindern, die sich im Sandkasten um eine Schaufel streiten. Während aber Kinder in vielen Belangen eine gewisse Reife erst erwerben müssen, sieht die Sache bei Erwachsenen anders aus. Gewiss, es stimmt, dass man sein Leben lang ein Lernender ist, aber man stagniert selten auf dem Niveau, auf dem man einmal angefangen hat. Wer seit Jahrzehnten Auto fährt, der tut das nicht wie in seinen ersten Stunden im Fahrschulunterricht.

Geht es aber um das Streiten, scheint die Lernbereitschaft kaum vorhanden. Man sieht das auch an Politikern, die sich in aller Öffentlichkeit fetzen und sich dabei wahrlich unterirdisch aufführen. Auch in den Debatten ist längst alles aus dem Ruder gelaufen, insbesondere in den sozialen Medien. Es finden hochemotionale Verbalschlachten statt, basierend auf einem Gut-Böse-Denkmuster, das in Märchen bedient wird. Mit Reflexen wie «Der hat aber angefangen» und «Du bist nicht mehr mein Freund». Permanente Rechthaberei, keine Kompromisse. Man wirft sich sinnbildlich auf den Boden wie ein Kind, das im Supermarkt nicht den ersehnten Schokoriegel bekommt. Besonnenheit, Selbstreflexion und Komplexitätsbewusstsein, die einen reifen Menschen ausweisen würden: Fehlanzeige.

***

Sylvie-Sophie Schindler ist philosophisch und pädagogisch ausgebildet und hat über 1500 Kinder begleitet. Die Journalistin ist Trägerin des Walter-Kempowski-Literaturpreises und publiziert unter anderem bei der Weltwoche.


Du möchtest den ganzen Artikel lesen? Dann bestelle jetzt die 20. Ausgabe oder gleich ein Abo in unserem Shop.

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden