Die Kunst der Unangepassten
Überraschend erreichte mich vor Kurzem eine Nachricht von Eugen Zentner: In seinem Buch «Kunst und Kultur gegen den Strom» habe er neben zahlreichen anderen Künstlern auch mein Musikprojekt erwähnt. Na sowas. Ein Buch voller Porträts aus der oppositionellen Kunstszene – und ich mittendrin? Das musste ich sehen.
Neugierig bestellte ich das 196 Seiten starke Werk beim massel Verlag. Als ich zum ersten Mal darin blätterte, wurde mir schnell klar: Hier hielt ich eine echte Goldgrube in Händen.
Wie ein Katalog gegliedert – von Kabarett über Musik und Bildende Kunst bis hin zu Lyrik und alternativen Kulturinstitutionen –, dokumentiert es eine neu erwachte Kunstbewegung. Zwischen den Kapiteln wird spürbar, dass die Corona-Farce die grosse Initialzündung war. Mit ihrer politischen Selbstgerechtigkeit, dem orchestrierten «Bleibt-zu-Hause!»-Geplärre und der Vehemenz, mit der kritische Stimmen verfolgt und unterdrückt wurden, schrie diese Zeit geradezu nach einer Gegenbewegung. Aus ihr erwuchs eine Szene, die ihre Kraft und Gemeinschaft aus einer tiefen Sinnfrage schöpfte: Welche Bedeutung gewinnt die Kunst, wenn sie das einzige ehrliche Echo ist, das nicht gekauft, geglättet oder weggelacht werden kann?
Eugen Zentner porträtiert Menschen, die diese Frage für sich beantwortet haben – und zeichnet dabei nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die Brüche in ihren Biografien nach. Hier zeigt sich, wie rasant die hiesige Kulturlandschaft in Richtung politische Ideologisierung abgebogen ist. Einige der Künstler standen einst im öffentlich-rechtlichen Rampenlicht, bis sie wegen kritischer Äusserungen fallengelassen und so gezwungen wurden, sich neue Formate zu suchen. Andere hatten schon davor wenig Berührungspunkte mit dem Mainstream gehabt und fanden nun im kulturellen Untergrund – dank eines überaus empfänglichen Publikums – eine wirksame Bühne für sich.
Das Buch liest sich wie eine Landkarte des kulturellen Widerstands. Namen, Websites, Verbindungen, künstlerische Positionen – alles, was man braucht, um dieser Bewegung nachzuspüren. Hatte ich vorher geglaubt, die unabhängige Kulturszene bereits gut zu kennen, so wurde ich durch dieses Buch mit seiner Fülle an neuen Akteuren eines Besseren belehrt. Berauscht von so viel Inspiration tauchte ich in die Seiten ein, schrieb mir Namen heraus, klickte mich durch unzählige Homepages und YouTube-Kanäle, schickte gedankliche High Fives an meine Künstlerkollegen und zog meinen Hut vor diesen eigenwilligen Seelen, die so gar nicht in unsere normierte Welt passen – und genau deshalb unverzichtbar sind.
«Kunst und Kultur gegen den Strom» ist kein lautes Buch. Es ist eine leise, kluge, sorgfältige Hommage an die Kunst der Unangepassten. Erschienen im August 2024, bildet es die Geschichte einer Szene ab, die im Ausnahmezustand ihre besondere Energie entfaltete. Da kitzelt mich natürlich die Frage, ob der Autor seither neue kulturelle Leuchtfeuer entdeckt hat. Auf meine Anfrage antwortete Eugen Zentner: «Als einzigen Brennpunkt würde ich die Bildende Kunst bezeichnen. Dort herrscht derzeit viel Bewegung. Nicht nur, dass immer mehr kritische Künstler hervortreten und teils gemeinsam Ausstellungen organisieren, auch in formaler Hinsicht gibt es sehr viel Diversität.»
Ein Künstler, den ich im Buch entdeckt habe und der durch sein ungebrochenes Engagement auffällt, ist Clément Loisel. Seine Werke sind durchdrungen von politischer Wachheit, sozialer Beobachtung und poetischer Stille. Wer seine Bilder betrachtet, sieht keine plakative Anklage, sondern eine subtile Entschlüsselung der Verhältnisse. Gesellschaftskritik ja – aber nicht moralisch aufgeladen, sondern eingebettet in eine Ästhetik des Nachdenkens.
So auch in dem hier gezeigten Werk «In silence they speak» aus dem Jahr 2024: Ein Mensch zieht einsam mit einem Koffer durch eine zerstörte Stadtlandschaft, die im glutroten Licht eines Untergangshimmels steht und unweigerlich an eine Szenerie in Gaza denken lässt. Kabel hängen wie verletzte Adern aus den eingerissenen Fassaden, Autos liegen zerbeult am Boden, Schutt türmt sich zu einem chaotischen Relief. Auf dem Koffer prangt Handala – die ikonische Figur des palästinensischen Karikaturisten Naji al-Ali: ein kleiner Junge, barfuss, mit dem Rücken zur Welt, Symbol für Erinnerung und Widerstand.
Der Reisende selbst trägt eine Leinwand unter den Arm geklemmt. Dieses kleine Detail hat mich sehr bewegt, denn darin scheint die Kunst selbst durch die Ruinen zu wandern als letzte, unzerstörbare Stimme, die sagt: Ich bleibe, um zu erinnern – auch wenn alles andere fällt.
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Clément Loisel (*1985) lebt und arbeitet in Berlin. Für ihn ist Kunst kein Beruf, sondern Daseinsgrund. Sie darf niemals der Propaganda dienen. Der eine Ort, in dem er Frieden findet, ist sein Atelier. Was ihm geopolitisch nahegeht: Krieg. Wenn alles zusammenfällt, bleiben für ihn nur Liebe und Menschlichkeit. Der schönste Umbruch wäre für ihn das Ende des Lobbyismus, die schlimmste Dystopie: eine uniformierte Gesellschaft unter totalitärer Kontrolle.
clementloisel.com
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Eugen Zentner: «Kunst und Kultur gegen den Strom», 2024, 196 Seiten, massel Verlag.
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