Ein richtig mieser Mensch
Schreiben ist eine dankbare Tätigkeit. Sie verhilft nicht nur zu einem schöpferischen Erlebnis, sondern ermöglicht mir auch, Busse zu tun. Schreiben ist wie Beichten. Nachher fühlt man sich besser. Deshalb die folgende kleine Geschichte.
Nach einer Trauung in einem Gasthaus oben am Berg brachte mich einer der Gäste, der etwas schweigsame Onkel der Braut, hinunter zur Bahn. Kurve um Kurve glitten wir durch den dichten Bergwald. Plötzlich – ein dumpfer Schlag.
Der Mann wechselte mit mir einen Seitenblick und sah mein Erschrecken. «Das war ein Fuchs», stellte er fest. Es war der erste Satz, den er sagte, und ebenso gut hätte er sagen können: «Das war ein Stein.» Der Fuchs hatte den Fehler gemacht, die Strasse überqueren zu wollen. Vielleicht lebte er noch. Doch der Mann setzte die Fahrt, scheinbar ungerührt, fort.
Warum stoppen wir nicht? wollte ich protestieren – warum helfen wir dem Fuchs nicht?
Doch alles, was ich erwiderte, war: «Oh, wirklich – ein Fuchs?»
Für den Fahrer des Wagens war das Thema erledigt. Er meinte nur, im gleichen trockenen Tonfall, der Fuchs sei nicht mehr zu retten. Darauf verstummte auch ich und liess es geschehen, dass wir weiterfuhren. Ich liess es geschehen, weil der Mann die Freundlichkeit hatte, mich zur Bahn zu bringen. Und weil in zehn Minuten mein Zug fuhr. Verpasste ich ihn, dann musste ich eine Stunde lang warten. Ich wollte nicht auf dem Bahnhof herumstehen.
Wir kamen an der Bahnstation an, ich dankte dem Fahrer und eilte zum Zug, der schon dastand. Ich setzte mich in ein leeres Abteil und fühlte mich als ein richtig mieser Mensch. Ausserdem hatte ich Durst und nichts zu trinken dabei. Und der Durst war bereits wichtiger als der Fuchs.
Aber wie gesagt: Schreiben ist eine dankbare Tätigkeit. Schreiben spricht frei.
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