Auf dem Weg zu sich selbst
Wer wandert, lernt die Welt kennen – und findet heraus, wo er hingehört. Beim Projekt «Wanderjahr» der Genossenschaft «Menschlich Wirtschaften» arbeiten junge Menschen jeweils einige Wochen an verschiedenen Praxisorten und erkunden so, wo ihre Berufung liegt.
Wanderjahre. Bei diesem Begriff entsteht vor dem inneren Auge das Bild eines Zimmerergesellen in schwarzer Tracht, mit Hut und Stock. Er zieht nach der Prüfung durchs Land und verdingt sich bei fremden Meistern, um zu erfahren, wie anderswo in seinem Beruf gearbeitet wird. Das Wanderjahr, das die Genossenschaft Menschlich Wirtschaften aus Stralsund anbietet, führt junge Menschen ebenfalls an verschiedene Orte fern der Heimat, damit sie dort lernen. «Unsere ‹Wanderlinge›, wie wir sie nennen, arbeiten an den Praxisorten in verschiedenen Tätigkeitsfeldern und bei Persönlichkeiten, die ihre Ideale leben, auch wenn es nicht immer einfach ist. Sie lernen so unterschiedliche Berufe kennen und finden so vielleicht ihre Berufung, ihre Aufgabe im Leben», sagt Sabine Gläser. Die Stralsunderin ist Impulsgeberin von Menschlich Wirtschaften und gehört nun zum Leitungskollegium des Wanderjahrs.
Das Konzept für das Projekt, das in den letzten zwei Jahren entstanden ist, besteht aus mehrwöchigen Praxisblöcken und Seminarwochen, bei denen alle Wanderlinge zusammenkommen. In diesen Wochen vermitteln Dozenten ihnen Wissen zu Themen, die die Gesellschaft grundlegend prägen: Kultur, Recht, Wirtschaft, Kunst. «So können die Teilnehmer sich mit solchen Dingen auseinandersetzen und ihre Position dazu finden», betont Sabine Gläser. Zudem begleiten je zwei ehrenamtliche Mentoren die jungen Menschen durch das Jahr.
Die beiden Künstlerinnen Anja Panse und Anna Keil vom «Triple-A-Theater» inszenieren mit den Wanderlingen während der Seminarwochen ein Theaterstück. Damit will man im kommenden Jahr auf Tournee gehen. Die Einnahmen sollen in das nächste Wanderjahr fliessen, das diesem Pilotprojekt von September 2025 bis Juli 2026 folgt. «Theater hat viel mit Persönlichkeitsbildung zu tun. Deshalb haben wir dieses Element einbezogen», begründet Sabine Gläser.
Acht Wanderlinge haben sich im Spätsommer dieses Jahres auf den Weg zu sich selbst gemacht. Sie sind zwischen 17 und 22 Jahren alt und stammen aus ganz Deutschland. Manche der jungen Frauen und Männer haben Waldorfschulen oder Montessorischulen besucht oder sich ihr Wissen als Freilerner angeeignet. Einige brachen Schule oder Ausbildung ab, weil sie an deren Sinn für sich zweifelten oder weil sie unter den Corona-Massnahmen nicht lernen konnten.
«Wie sie zu uns fanden? Es waren vor allem die Mütter, die uns entdeckt und weiterempfohlen hatten», berichtet die Sozialwissenschaftlerin und Waldorfpädagogin Clara Steinkellner, die das Wanderjahr mitinitiiert hat. Alle Bewerber reichten einen ausgefüllten Fragebogen zur Person, einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben ein. «Bei der Auswertung merkten wir: Alle hatten sich die Entscheidung gut überlegt», erzählt Sabine Gläser. Als Praxisstellen meldeten sich Aktive des Netzwerks von Menschlich Wirtschaften aus Deutschland und anderen europäischen Ländern: Bäcker, Schäfer, Silberschmiede, Landwirte, Kooperativen, Gesundheitsprojekte, Ladeninhaber, Pensionen … Natürlich war es für Sabine Gläser Ehrensache, auch ihr Steuerbüro zur Verfügung zu stellen. Die Wanderlinge schliessen mit der Praxisstelle einen Vertrag ab und arbeiten dort gegen Kost und Logis sechs bis acht Stunden am Tag.
Ein Platz im Wanderjahr kostet einen vierstelligen Euro-Betrag. Das Geld fliesst unter anderem in Fahrtkosten, die Unterkunft während der Seminarwochen und den Druck einer Dokumentation. Jeweils die Hälfte konnte Menschlich Wirtschaften über Spenden abdecken. Für die anderen 50 Prozent kamen die Teilnehmer selbst auf. Im Gegenzug erhalten sie während der elf Monate Kindergeld.

In den folgenden Berichten geben Norea, Jann und Thomas Haaß Einblicke in das Wanderjahr:
«Ich möchte mich in der sozialen Richtung ausprobieren»
«Ich heisse Norea, bin 22 und komme aus der Nähe von Hamburg. Nach 13 Jahren und dem Abitur an einer Waldorfschule wollte ich irgendwohin, wo ich mich frei von äusseren Vorgaben selber finden konnte. In der folgenden Zeit in Mittel- und Südamerika bin ich selbstständiger geworden, habe mich besser kennen gelernt und gespürt, was frei sein bedeutet. Diese beiden Jahre waren sehr wertvoll für mich. Danach begann ich im Frühjahr dieses Jahres, intensiv nach einem Studium oder einer Ausbildung zu suchen. Es sollte etwas sein, das mich begeistert und für mich einen Sinn ergibt. Zufällig bin ich dabei auf das Wanderjahr gestossen. Davon fühlte ich mich sofort angesprochen! Besonders gefiel mir, dass man dabei an verschiedenen Orten sein und in unterschiedliche Bereiche hineinschauen kann. Am Ende der elf Monate will ich gerne noch konkreter wissen, was ich in den kommenden Jahren machen möchte.
Ich war sehr beeindruckt, wie schnell wir bei unserem Kennenlernseminar als Gruppe zusammengewachsen sind. Diese Tage inspirierten mich und gaben mir grosse Vorfreude darauf, was das Jahr bringen wird. Mein erstes Praktikum bei ‹Projekt Sultan›, einem tiergestützten Förderprojekt in Gründau-Breitenborn, war ein toller Einstieg. Dort fand ich gut in die tägliche Routine hinein: Mein Tag begann um acht Uhr mit einer Besprechung, bei der die Aufgaben verteilt wurden. Danach versorgten wir die Tiere. Das Projekt arbeitet unter anderem mit Eseln und Lamas. Wir schauten, ob alle gesund sind und ob sie genug Wasser und Futter hatten, und säuberten die Gehege. An manchen Vormittagen kam eine Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigung zu uns, die eine Wanderung mit den Lamas unternahm oder Zeit mit den Eseln verbrachte. Oft fiel es mir zu, das gemeinsame Mittagessen zu kochen. Am Nachmittag stand wieder die Tierfütterung an. Danach bis zum Feierabend erledigte ich unterschiedliche Aufgaben: tränkte Tiere oder brachte sie zum Grasen auf neue Wiesen, steckte Zäune um, reparierte kaputte Geräte, begleitete die tiergestützte Betreuung unserer Gäste … Kurz: In Gründau-Breitenborn habe ich viel über Mensch und Tier gelernt und mich dabei mit mir selbst auseinandergesetzt. So erkannte ich: Es macht mir Spass und fällt mir leicht, mit Tieren zu arbeiten. Aber auf lange Sicht interessieren mich Menschen doch mehr. Daher möchte ich mich in Zukunft verstärkt in der sozialen Richtung ausprobieren.
Die Zeit beim ‹Projekt Sultan› liegt nun hinter mir, ebenso wie die Seminarwoche danach. Ich war ausserdem in Italien an einem Ort, der ‹Casa della Bellezza› heisst. In diesem ‹Haus der Schönheit› kann man sich regenerieren und entfalten. Gute Ernährung, Erlebnisse in der Natur, Yoga und Meditation sollen dabei helfen, das habe ich bei der Vorbereitung gelesen. Nach diesem Praxisblock von acht Wochen sind wir Wanderlinge alle erst einmal über den Jahreswechsel nach Hause gefahren. Was im neuen Jahr kommen wird, weiss ich noch nicht genau. Gerne würde ich noch Erfahrungen in einem kleinen Unternehmen und in einem therapeutischen Beruf sammeln. Manchmal denke ich darüber nach, was ich nach dem Wanderjahr erreicht haben möchte. Der genaue berufliche Plan für die kommenden Jahre steht natürlich oben auf der Wunschliste. Doch ich will danach auch sagen können: Ich habe gelernt, gelebt und mich entwickelt.»
«Jeder Tag ist anders»

«Vor zwei Jahren habe ich mein Abi gemacht und dann begonnen, Zahntechniker zu lernen. Ich hielt das für eine gute Entscheidung. Denn ich bin handwerklich geschickt. Doch nach einem Jahr brach ich ab, weil ich die Situation in meinem Ausbildungsbetrieb als unbefriedigend empfand: Ich musste Überstunden machen, weil wir zu wenig Leute waren. Gleichzeitig lernte ich nicht viel und fühlte mich schlecht auf die Zwischenprüfung vorbereitet. Meine Mutter zeigte mir dann Informationsmaterial zum Wanderjahr. Das machte mich sofort neugierig auf das, was die Welt neben meiner Ausbildung noch zu bieten hat. In den elf Monaten will ich, Jann, 20 Jahre, aus Berlin, herausfinden, welche Tätigkeiten wirklich zu mir passen.
Nach der Kennenlernwoche ging es für mich zunächst an den Gardasee nach Italien. In einem kleinen Gästehaus, das nach anthroposophischen Prinzipien arbeitet, bereitete ich das Frühstück zu, hielt das Haus instand, half beim Getreide- und Gemüseanbau und auf einer Alm in den Bergen. Nach der Seminarwoche im Oktober in Cottbus fuhr ich zu meinem zweiten Praxisort, der Kooperative Dürnau in Süddeutschland, um dort acht Wochen zu bleiben. Ich hatte mir vorher die Homepage der Kooperative angeschaut und war beeindruckt: Solch eine Bandbreite an verschiedenen Betätigungsmöglichkeiten findet man so schnell nicht wieder! Momentan bin ich dabei, überall reinzuschnuppern: Ich habe bereits in der Gärtnerei Gemüse geerntet und in der Druckerei mit Buchmanufaktur Buchrücken marmoriert. An jeder dieser Stationen traf ich Mitarbeiter, die sich in ihrer Materie perfekt auskennen. So hat mir der Kollege in der Gärtnerei anschaulich erklärt, wie biologischer Anbau funktioniert. Dieses Wissen kann ich vielleicht weitergeben, wenn ich mal in unserem Hofladen verkaufe. Die Schreinerei und die Tierhaltung – wir haben hier Kühe – werde ich noch kennenlernen. Noch ist jeder Tag anders. Aber demnächst wird sich eine gewisse Routine einstellen. Bisher hat mir tatsächlich die Arbeit in der Gärtnerei am besten gefallen: Tomaten, Auberginen, Kartoffeln beim Wachsen zusehen, sie für den Verkauf auf dem Markt oder im Hofladen vorbereiten … Mein Ansprechpartner Rolf Reisiger meint aber: Ich werde vielleicht noch mein Herz für eine der Arbeiten entdecken, die nicht direkt mit den kleinen Unternehmen der Kooperative zusammenhängen. Zum Beispiel für den Baumschnitt oder das Mähen per Hand.
Im Dezember trafen wir Wanderlinge uns wieder zu einer Seminarwoche und fuhren danach zum Jahreswechsel nach Hause. Im neuen Jahr erwarten uns weitere drei Praxisblöcke. Ich habe das Jahr noch nicht durchgeplant. Der erste Block ab Januar ist mit zehn Wochen sehr lang. Vielleicht werde ich ihn aufteilen. Dann würde ich gerne die eine Hälfte zu ‹Eisen-Feustel› nach Dresden gehen und die andere zu einer Stelle nach Österreich, um dort mit Kindern zu arbeiten. Ich hoffe jedenfalls, am Ende des Wanderjahrs eine handfeste Option für einen Beruf zu haben. Stand heute kann ich mir vorstellen, in den sozialen Bereich oder wieder ins Handwerk zu gehen. Doch bis Juli warten so viele Eindrücke, Erfahrungen und Menschen auf mich, dass sich das noch ändern kann.»
«Dem Unternehmen in die Zahnräder schauen»

«Über hundert Jahre ist mein Geschäft alt – und eine Institution in Dresden. ‹Eisenfeustel hat alles› hiess es in der DDR. Ich führe zwischen 7000 und 9000 Produkte für Werkstatt, Haushalt und Garten: von der Pfanne über den Garderobenhaken, den geschmiedeten Spaten bis zu Saatgut und Dünger. Bei mir kann man kleine Teile wie Schrauben einzeln kaufen und muss nicht das ganze Pack nehmen. Um die Kunden sachkundig zu beraten, habe ich mich über Jahre in mein Sortiment eingearbeitet. So erläutere ich bei den Präsentationen vor Ort und im Netz fundiert, was das jeweilige Produkt kann.
Ich heiße Thomas Haaß, habe den Beruf des Orgelbauers gelernt und Architektur studiert. Dann wurde mein Sohn geboren, mit dem ich nun hier im Viertel wohne. Als ich Vater wurde, wollte ich mein Leben weniger komplex machen. ‹Eisenfeustel› übernahm ich ausgerechnet 2020, zu Beginn der Corona-Massnahmen. Mit meiner Energie habe ich den Laden durch diese Zeit gebracht. An den meisten Tagen verbringe ich rund 12 Stunden hier: ich verkaufe, berate, gestalte die Homepage, empfange Lieferungen und räume Waren ein. Manchmal gehe ich auch vor meine Ladentür, richte die Aufsteller und rede mit Nachbarn. Und ja, auch so profane Dinge wie Staubwischen oder Toilettenputzen gehören zu meinem Arbeitsalltag. An diesen Abläufen habe ich in den fast sechs Jahren, seit ich ‹Eisenfeustel› übernahm, rund hundert Praktikanten teilhaben lassen. Ein freier Träger vermittelt sie mir, der Menschen hilft, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Seit einiger Zeit bin ich Mitglied bei ‹Menschlich Wirtschaften›. Eine Weile habe ich überlegt, wo ich mich dort einbringen und meinen Platz finden kann. Als ich an einem Treff der Initiative in Kloster Zinna teilnahm, stellte man dort das Wanderjahr vor. Sofort wusste ich: Die Wanderlinge sollen in meinen Laden als Praxisort kommen! Vor Kurzem schrieb mir das Leitungskollegium, dass es einen ersten Interessenten gibt. Ich suche nun im Bekanntenkreis nach einer Übernachtungsmöglichkeit für ihn. Eventuell kann der Wanderling auch im Haushalt helfen oder stundenweise in einem Hort oder in einer Waldorfschule arbeiten.
Was er bei mir lernen kann? Er wird bei ‹Eisenfeustel› einem kleinen Unternehmen des klassischen Einzelhandels ‹in die Zahnräder gucken›, schauen, wie es funktioniert. Ich habe aufgelistet, wo er überall mithelfen kann. Wareneingang bearbeiten, mich an der Kasse unterstützen, Ideen für neue Produkte recherchieren, digitale Produktpräsentationen erstellen, bei der Buchhaltung mitwirken … Schnell wird sich so herauskristallisieren, was derjenige am liebsten macht und daher oft auch gut erledigt. Von dem Wanderling wünsche ich mir, dass er gesellschaftlich interessiert und aufgeschlossen ist. Ein junger Mensch, der sich Gedanken über die drängenden Probleme der Zeit macht und darüber, wie man seinem Leben einen Sinn gibt.»
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Sämtliche Infos finden Sie unter: menschlichwirtschaften.de
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Beate Diederichs arbeitete 20 Jahre parallel als Lehrerin und Autorin. Seit 2021 kombiniert sie das Schreiben mit unterschiedlichen anderen Berufen.
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