SRF in Diensten des WEF
Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF hat mitten im Abstimmungskampf den «Faktencheck» für sich entdeckt. Die Grundlage liefert der alljährliche Bericht des Weltwirtschaftsforums WEF über globale Risiken.
Am 8. März 2026 wird in der Schweiz unter anderem über die «SRG-Initiative» abgestimmt. Die Vorlage will die jährliche Gebühr für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG von derzeit 335 Franken jährlich auf 200 Franken reduzieren. Seit Monaten inszeniert sich die SRG deshalb in der Öffentlichkeit als bürgernah. Mehrere Werbeaktionen in eigener Sache sollen die Bevölkerung dazu bringen, den Kuchen für den Medienkonzern auch in Zukunft nicht zu schmälern.
Sollte die Initiative abgelehnt werden, wird es spannend zu verfolgen sein, wie viele dieser Wir-geben-uns-so-bürgernah-Initiativen auch über den Abstimmungskampf hinaus noch aktiv bewirtschaftet werden oder ob sie lediglich der Eigendarstellung geschuldet waren. Ein «Ja» wäre ein Aufruf an die SRG, sich mit ihren politischen Einstellungen auseinanderzusetzen, die nicht selten zu ideologisch gefärbter und damit programmrechtswidriger Berichterstattung führt.
Die neueste PR-Aktion: Auf der Website von SRF News konnten Zuschauer seit dem 19. Januar «Fake News» übermitteln, die «das Netzwerk Faktencheck von SRF» vom 26. bis 30. Januar überprüft und veröffentlicht. Dazu steht auf der SRF-Website: «In den Medien, im Internet, im Familien-Chat: Fake News sind omnipräsent und werden immer schwieriger zu identifizieren. Laut dem Global Risks Report gehören Falschinformationen zu den grössten Risiken für die Welt – es droht eine Zunahme der gesellschaftlichen und politischen Spaltung.»
Was genau «Fake News» sind, darüber herrscht keine Einigkeit. Es gibt die üblichen Definitionen, aber ob man sich nur auf Falschinformationen bezieht oder auch etwa irreführende Informationen (z.B. durch Weglassen relevanter Kontexte) dazugehören, weiss kein Mensch. Eine Abgrenzung ist kaum möglich, entsprechend gross das Potenzial von Missverständnissen. Auf Nachfrage meint die SRF-Medienstelle, man orientiere sich anhand von «anerkannten Quellen wie dem Gabler Wirtschaftslexikon oder auch dem Duden». Ausserdem würden beim SRF «Fehler in der Berichterstattung» nicht mit «Fake News» gleichgesetzt. Das dürfte bei allen Medien so sein, was das Problem aber nicht vereinfacht. Wenn ein Journalist beispielsweise aus Unwissen einen Fehler begeht, dann kann es als unabsichtlich gelten und im Nachhinein transparent korrigiert werden. Aber wie will man jemandem eine Absicht nachweisen, damit eine Information quasi als richtige Fake News gilt? Dann stellt sich wiederum die Abgrenzungsfrage zum Begriff der Propaganda. Ist zum Beispiel eine einseitige Einordnung eines Krieges, die dadurch entsteht, dass durch Unwissen relevante historische Kontexte weggelassen werden, nun irreführende Information, Fake News, unfreiwillige Propaganda, oder ein «Fehler in der Berichterstattung»?
Privatinteressen als Basis für «Faktencheck»
Was das SRF auf der Website nicht explizit erwähnt: Der «Global Risks Report» ist ein alljährlicher Bericht, der vom Weltwirtschaftsforum WEF im Januar publiziert wird. Das WEF ist organisatorisch eine private Stiftung in Genf und agiert im Interesse der globalen Wirtschaftselite und Grosskonzerne. Dieser WEF-Bericht wird vom öffentlich-rechtlichen SRF komplett unkommentiert als Legitimierung für ihre «Faktenchecker»-Zuschaueraktion herangezogen. Praktischerweise lässt sich das darin propagierte Risiko «Fake News» für die eigene Abstimmungspropaganda nutzen. Es ist wenig glaubwürdig, sich bei dieser kompromittierten Ausgangslage des eigenen «Faktenchecks» als «Faktenchecker» profilieren zu wollen.
Man muss hier eine bekannte und für die Öffentlichkeit beunruhigende Tatsache wiederholen: Bereits 2008 – und schon damals keine Neuigkeit – schrieb Nick Davies im Guardian, dass der massenmediale Journalismus immer mehr dazu neige, Informationen von interessengeleiteten Akteuren ohne ausreichende Prüfung zu übernehmen. Mit eigenen «Fake News» gegen Falschinformationen vorgehen – das SRF agiert hier wie eine PR-Agentur in Diensten des WEF.
Im «Global Risks Report» 2026 stellen «geoökonomische Konfrontationen» die grösste Gefahr dar (18 Prozent), vor kriegerischen Konflikten zwischen Staaten (14 Prozent) und extremen Wetterereignissen (8 Prozent). Erst dann folgen mit deutlichem Abstand gesellschaftliche Spaltung und Desinformation mit je 7 Prozent. Gesundheit ist noch knapp eine Erwähnung wert (1 Prozent für Infektionskrankheiten), was insofern bemerkenswert ist, weil diverse WEF-Schwergewichte wie Bill Gates noch vor wenigen Jahren für eine Pandemie-Apokalypse standen.
Am WEF-Bericht gäbe es einiges zu hinterfragen, bevor er zur Untermauerung eigener Standpunkte benutzt wird. 1300 «Experten» weltweit wurden befragt bzw. gaben ihre Einschätzungen ab («global leaders and experts across academia, business, government, international organizations and civil society»). In anderen Jahren, 2024 zum Beispiel, wirkte mit der Zurich Insurance Group ein Versicherungskonzern am Bericht mit. Hier muss Objektivität angezweifelt werden. Ausserdem darf davon ausgegangen werden, dass die kolportierten Risiken dazu dienen, politische und wirtschaftliche Narrative zu konstruieren, die dem WEF-Netzwerk dienen – es wurden ja keine Mittel- oder Unterschichtleute befragt, die wahrscheinlich andere Risiken priorisieren als «Falschinformationen». Bei diesem Bericht geht es vor allem um Agenda-Setting.
SRF sieht darin kein Problem. Es schreibt: «Der ‹Global Risks Report› ist eine von vielen Quellen, die als Grundlage für die Themenwoche dienen. Weitere sind beispielsweise Studien der OECD und der EBU [Europäische Rundfunkunion; Anm. d. Red.].» Als ob ein Verweis auf ein paar weitere supranationale Organisationen, die sich gelegentlich untereinander austauschen, das Argument erhärten würde. Es würde wennschon um deren Inhalt gehen. Hier, wo es um die Prämissen ihrer Arbeit geht, verifizieren die «Faktenchecker» ganz offensichtlich nachlässig. Das OECD-Papier zum Beispiel nennt einen ganzen Haufen angeblich gefährlicher Informationsphänomene. Diese statistisch abstützen zu wollen, ist sinnlos, wenn nicht einmal eine qualitative Begriffsdefinition und -abgrenzung vorliegt. Weiters wird darin eine Untersuchung zu «Covid-Verschwörungstheorien» auf sozialen Medien erwähnt. Auch dies wird nicht definiert. Wie war das? Das FBI sass an der Löschtaste, um Kritik zu zensieren? Was ist hier die eigentliche Verschwörung? Hat die Regierung so viel Angst, dass Bürger eine eigene Meinung haben und Kritik üben? Selbst wenn Propaganda geglaubt und verbreitet wird, so ist dies nicht verboten. Regierungen verbreiten selbst pausenlos «Informationen». Neben Meinungs- existiert auch Glaubensfreiheit.
Bei der «gesellschaftlichen und politischen Spaltung» spielen Falschinformationen beim SRF eine sichtlich grosse Rolle – im Gegensatz etwa zur wirtschaftlichen Ungleichheit, die seit Jahren kontinuierlich steigt. Man teilt offenbar die Meinung der WEF-Experten: Ungleichheit ist für diese mit 3 Prozent ein mehr als halb so grosses Risiko wie «Fake News». Immerhin hat das SRF auch dem alljährlichen Oxfam-Bericht zu globaler Ungleichheit einen Artikel gewidmet. Aber wenn dieser inhaltlich nicht über die Trivialisierung («absurde Fakten» wie «Vier Männer versus alle Kühe») des Problems hinausgeht, traut sich das SRF vielleicht selbst nicht, diesen zu zitieren. Wer über ein Budget von über einer Milliarde Franken verfügt, ohne den grössten Teil davon selbst erwirtschaften zu müssen, kann das Problem ungeniert zum medialen Spassfaktor umfunktionieren. Und wenn es nicht trivial ist, dann wird es banal.
Gleich zwei Formate der Faktenchecker-Woche wärmen «russische Propaganda» auf: Rundschau und News Plus. Gibt es keine US-amerikanische Propaganda? Das wäre interessant, allein schon der Ausgewogenheit wegen. Stand 2009 beschäftigte das Pentagon 27’000 PR-Berater, heute sicherlich mehr. Es empfiehlt sich auch, Andreas Elters «Die Kriegsverkäufer» zu lesen. Das Buch ist zehnmal günstiger als die jährliche Zwangsgebühr – der intellektuelle Zusatzgewinn noch nicht miteingerechnet.
Kritische Stimmen diskreditieren
Ein Effekt der steigenden Ungleichheit ist, dass Vermögende zunehmend die Medien kontrollieren, sei es durch direkte Beteiligung, Stiftungen oder Spenden. Beispiele sind Jeff Bezos, Pierre Omidyar oder George Soros. Es ist längst klar, das sogenannte Faktenchecker häufig über Regierungen, Ministerien und private Stiftungen bezahlt werden, um kritische Stimmen madig zu machen. Allein Infosperber hat in den letzten Jahren mehrere Artikel darüber publiziert: 2020 von Rafael Lutz, 2022 von Urs P. Gasche («Faktenchecker im Dienste der USA: Beispiel Coronavirus»); «Grosse Medien sind mit einäugigen Faktencheckern verbandelt») und 2023 von Andrew Lowenthal. Die Faktencheckerei zielt letztlich darauf ab, unabhängige Meinungen und Medien zu diskreditieren. Es ist ein Instrument im Kampf um die Deutungshoheit, meistens von jenen finanziert, die ein handfestes Interesse haben, ein bestimmtes Narrativ zu dominieren.
Eine offene Gesellschaft lebt von vielfältigen Meinungen, egal ob diese «richtig» oder «falsch» sind. Darüber haben nicht Medien (oder einzelne wahrnehmungssensible Journalisten), Stiftungen oder Regierungen zu entscheiden. Wenn, dann begrenzen Gerichte im Rahmen des Gesetzes die Meinungs- oder Pressefreiheit. Dann kann es passieren, dass tatsächliche Fake News von angeblich unabhängigen «Faktencheckern» wie zum Beispiel von Correctiv, die unter anderem von der Bundesregierung finanziert werden, verbreitet werden dürfen. Man erinnert sich: Correctiv schrieb nach dem Potsdamer Treffen vom 25. November 2023 von einem «Masterplan zur Ausweisung deutscher Staatsbürger», anschliessende Demos «gegen rechts» folgten, mit dabei: Bundeskanzler Olaf Scholz und Aussenministerin Annalena Baerbock.
Wenn eine private Lobbyorganisation wie das WEF die freie Zirkulation von Informationen als Risiko etikettiert, dann müsste erst recht ein öffentlich-rechtliches Medium wie das SRF hellhörig werden – sofern es seinen öffentlichen Auftrag ernst nimmt. Stattdessen wird das WEF-Narrativ unbekümmert übernommen. Einerseits betreibt das SRF viel Selbstinszenierung als Service-public-Unternehmen (das keine Steuern bezahlt), andererseits wird es im Namen von «Faktenchecks» selbst zum Opfer propagandistischer Einseitigkeit.
Die (SRF-)Welt bricht auseinander
Die SRG ist ein Paradebeispiel jener Medieninstitutionen, die an gewachsenen Gewohnheiten festhängt, das Privileg einer Zwangsfinanzierung geniesst und sich nahezu komplett vom Wettbewerb (und vom Publikum) abschotten kann. So sind Veränderungen nicht erstrebenswert und selbst dann nicht erforderlich, wenn die Quoten immer schlechter werden und die Kritik immer lauter wird. Solange in der Tagesschau pünktlich um 19 Uhr 30 ein vertraut schmunzelndes Gesicht auf den Bildschirmen der helvetischen Wohnstuben flimmert, geht alles den routinierten Gang. So war es immer, und so soll es bleiben.
Ansonsten, Vorsicht, bricht «die Schweiz und unsere Demokratie» (oder doch nur der Mythos?) auseinander. Sapperlot! Wo sonst, ausser beim SRF, gibt es noch verlässliche Informationen? Im Internet? Da lauern bloss «Fake News» und «Verschwörungstheorien». Gefährlich! Pfui! In Büchern? Durchaus. Denn in Titeln wie «Im Hexenkessel der Bundeshaus-Medien» vom langjährigen Ex-SRG-Techniker Martin Hasler erfährt man von zahllosen internen Vorgängen während der Coronakrise, die weder zum «Public value»-Image noch zum kritischen Verständnis von Journalismus passen.
So wird auch klarer, dass die (auch und gerade von der SRG im Abstimmungskampf) viel besungene Medienkrise nicht neu, sondern bereits seit Langem vonstattengeht. Neben veränderten Konsumgewohnheiten und strukturellen Umbrüchen ist sie «die Folge jahrzehntelang geduldeter Bequemlichkeit und Arroganz», hielt der Journalist Karl Lüönd in seinem Buch «Die Macht und die Ehrlichkeit» schon 2010 fest. Die verschlafene Digitalisierung und unternehmerische Fehlleistungen gesellen sich dazu. Beispiel Tamedia: 2024 Print und digital zusammengelegt, kürzlich wieder getrennt, beide Male viel Manager-Gefasel – Synergien, Cross-Channel etc. –, hohe Kosten, viele Entlassungen. Resultat: angeblich immer «Weichenstellungen für den unabhängigen Qualitätsjournalismus».
Nichtsdestotrotz schwingt sich das SRF gerne zum systemrelevanten Willen der Nation auf. Wo sonst sollen Marco Odermatt oder Schwingfeste denn um Himmels Willen stattfinden? Der Samschtig-Jass? Gehört das und noch viel mehr, strenggenommen, noch zum Service public? Oder die schnellalten Börsenkurse und Wetterprognosen? Wie steht’s mit voyeuristischen Sendungen, die unter «Reportage» laufen? Etwa über Sexarbeit: «Ich dusche nach jedem Freier», oder über sexuelle Belästigung im öffentlichen Verkehr: «Er masturbierte vor mir». Keine Panik, es beginnt harmlos. Mit einer Triggerwarnung: «Achtung: In dieser Reportage geht es um sexuelle Belästigung». Wie kommen Journalisten auf die Idee, sich für Realitätsnähe zu rechtfertigen?
Berichtet wird nicht nur über schlüpfrige Niederungen, sondern auch über Reichendekadenz: WEF, «Inside Gstaad Palace», «Depressiver CEO einer Luxusklinik. Ich wollte noch reicher werden» (SRF Impact Inside). Solche Milieus halt, wo sich der durchschnittliche SRF-Zuschauer rumtreibt und wiederfindet. Auch da hilft Literatur: Ueli Mäder, «Wie Reiche denken und lenken», Kapitel «Im Spiegel der Medien». Mit einigen Mitarbeitern recherchierte der emeritierte Soziologieprofessor nach alter Schule. Daran könnte sich jeder SRF-Journalist ein Beispiel nehmen, denn Mäders Nachfolger an der Universität Basel, Oliver Nachtwey, der fast Stammgast beim SRF ist, wenn es um «Verschwörungen» geht, zeigt lieber mit dem erhobenen Moralfinger «gegen rechts» und nach unten. Das Fussvolk ist halt «epistemisch überfordert». Zwei Institutionen, die sich fürstlich vom Steuer- und Gebührenzahler aushalten lassen, in einträchtiger Verachtung ihren Ernährern gegenüber. So geht Service public.
Und weshalb Sendungen wie «Sternstunde Philosophie» mit Ex-Moderatorin Katja Gentinetta als Gast, in denen sie Kriegspropaganda verbreiten darf, oder jene mit der Autorin, die einen französischen Kriminalfall zur Eigenprofilierung ausschlachtet («Mit Männern leben»), noch etwas mit «Sternstunde» oder «Philosophie» zu tun haben sollen, tja, wer weiss das schon. Vielleicht Marko Kovic, ein anderer Lieblings-«Verschwörungsexperte» des SRF.
All dies ähnelt vielmehr einem Karussell, von dem jene profitieren, die sich auf den Pferdchen sitzend im Kreis drehen und sich diesen Zirkus der gegenseitig abhängigen Aufmerksamkeit von jenen zwangsfinanzieren lassen, die das Karussell von aussen anschieben müssen. Aber diese würden sich doch lieber einen kandierten Apfel gönnen.
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