Äther – die negative Materie
Was ist der Äther? Lassen wir zuerst Rudolf Steiner sprechen: «Da muss man schon wissen, dass der Äther die vom Druck entgegengesetzte Eigenschaft hat. Er saugt nämlich –, der Äther ist der Saugende. Er will durch seine eigene Wesenheit immer die räumliche Materie aus dem Raume heraus vernichten. Das ist das Wesentliche des Äthers …».
Und weiter: «Die physische Materie erfüllt den Raum; der Äther schafft die Materie aus dem Raum heraus. Er ist nämlich die negative Materie, aber qualitativ negativ, nicht quantitativ negativ.» (GA 306, S. 102 ff.)
Steiner schildert «Äther» also als eine der Materie qualitativ entgegengesetzte Kraft. Quantitative Eigenschaften sind Eigenschaften, die man objektiv messen kann – Zahl, Gewicht usw. Qualitative Eigenschaften nennen wir diese, die wir nicht messen, aber sehr wohl mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Wie Struktur, Verhalten oder Textur. Eine solche für uns qualitativ wahrnehmbare Eigenschaft der Materie ist ihre innere Ruhe und Verlässlichkeit. Raum zu begrenzen, zu füllen und zu halten. Darauf verlassen wir uns mit jedem Schritt auf dem festen Boden, egal ob wir auf der Strasse gehen oder eine Felswand hochklettern. Wir verlassen uns existenziell auf die unerschütterliche Ruhe der Materie und der Schwerkraft. Dieser Qualität setzt der Äther, genauso verlässlich, aber qualitativ entgegengesetzt, die Präsenz zeitlicher Entwicklung entgegen. Der grosse Forscher Hegel nannte es das Werden hinter dem Sein. Ausdehnung und Zusammenziehung im Wechsel, Atem, Puls, Rhythmus, Leben, Tod und Zeit.
Dort wo Materie drückt, saugt der Äther, dort wo sich Materie verdichtet, löst er auf, dort wo die Materie sich vorbehaltlos der Schwere ergibt, trägt er nach oben. Raupe wird Schmetterling. Wenn der Äther die feste Materie quasi nur von aussen berührt, bilden sich Kristalle. Im wirbelnden, fliessenden Wasser kann der Äther unmittelbarer eingreifen. Darum sprechen wir mit Recht von lebendigem und totem Wasser.
Wir spüren mit einem inneren Tastsinn ununterbrochen in unseren Körper hinein. Das unbewusste Nervensystem spiegelt uns laufend die Qualität des ätherischen Lebens in jedem Organ, in jeder Zelle, und erzeugt so das Gefühl des Gesundseins.
Die atemberaubende Beweglichkeit des Äthers begegnet uns in unserem Denken. Gedanken sind reale Ätherformen und werden uns als Ideen und Begriffe bewusst, weil sich der Äther in unserer materiellen Nerventätigkeit zu spiegeln vermag. Darum die Schwierigkeiten, die wir haben, zum Beispiel einen gedachten Gegenstand auch nur für kurze Zeit ruhig festzuhalten. Er verändert laufend die Farbe, die Grösse usw. Das qualitative Gegenteil davon ist, wenn wir einen Stein als Materie in der Hand halten und in Ruhe betrachten können.
Mit der KI versuchen wir gerade maschinell, also leblos zu «denken». Weil aber der Computer, dem wir beigebracht haben, so zu tun, als ob er denken könnte, das aus der Materie heraus leisten muss, verbraucht er dafür Unmengen von Energie.
In der fokussierten bewussten Gedankenschulung öffnen wir als Lebewesen einen lebendig kreativen, offenen Raum. Wir verzichten dabei innerlich bewusst auf die Gewalt des Drucks. Wir öffnen uns klar und frisch, und das gibt uns Energie. Wir bitten die gewaltfrei saugenden Kräfte des Äthers in uns, einen inneren Raum zu bilden. Dort, in diesem aus der strukturellen materiellen Dichte herausgeküssten, freien und lebendigen Spiel-raum, begegnen wir der Welt und uns selbst zart und radikal neu. In liebevoller Hingabe an das Leben, vermittelt durch das Leben selbst. Das macht uns die Pflanzenwelt, ganz vom Äther durchspült, vom Gänseblümchen bis zur Wettertanne vor und wartet darauf, auch von uns erkannt zu werden.
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Martin Ott war Meisterlandwirt, Sozialtherapeut, Lehrer, Schulleiter, Kantonsrat und Gemeinderat. Er baute mehrere multifunktionelle Höfe auf, arbeitete in diversen Leitungsgremien für die Entwicklung des Biolandbaus mit und ist als Musiker, Liedermacher, Autor, Berater und Vortragsredner tätig.
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