Mit Disziplin die Disziplinierung zügeln
Wer sich der Disziplin des journalistischen Schreibens widmet, sollte mit der Sprache besonders diszipliniert umgehen. Dazu gehört auch, sich mit der Herkunft und den ursprünglichen Bedeutungen von Begriffen zu beschäftigen. Weil viele Autoren zum Beispiel ignorieren, was Evakuierung wirklich heisst, werden anstelle von Gebäuden leider immer wieder die gefährdeten Menschen entleert.
Zur Vorbereitung dieses Beitrages habe ich deshalb zunächst einmal den klugen «Kluge» befragt, ein etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wort Disziplin sei aus lateinisch disciplina entlehnt, was «Erziehung, Zucht» bedeute. Wie beim discipulus, dem altrömischen Schüler, stecke darin capere, woraus im Deutschen später «kapieren» wurde. In meinem Latein-Wörterbuch steht das (Er-)Fassen oder Lernen bei der disciplina sogar im Vordergrund: Primär nennt es unter anderem Unterricht, Kenntnis und Wissen, Lehrmethode und System, Unterrichtsfach sowie Schule als Übersetzungsmöglichkeiten. «Erziehung, Zucht» ist dort erst unter Ziffer 2 aufgelistet, ebenso wie «Lebensweise, Grundsätze; Ordnung, Einrichtung; Opfer, Ritus … ». Als letzten Unterpunkt findet man ausserdem noch «Staatsverfassung».
Angesichts dieser Bandbreite nutzte ich dann den Besuch einer Bekannten, um zusätzlich eine Definition von jemandem ohne besondere Sprach-Expertise zu bekommen – ein Praxistest sozusagen. Deren spontane Antwort auf meine Frage, was sie denn unter Disziplin verstehe, verpasste der Vielfalt überraschend eine weitere Falte: «Einschränkung», meinte sie; Disziplin bedeute aus ihrer Sicht immer, sich freiwillig zu beschränken oder dies notgedrungen zu tun, um ein Ziel zu erreichen. Meine Reaktion: «Aha, interessant!» Das dadurch ausgelöste Nachdenken brachte mich letztlich zu einer eigenen Überlegung: Disziplin könnte heute vor allem bedeuten, Verlockungen und Störungen oder gar Bedrohungen zu trotzen.
Zum Stichwort «Störung» fallen mir da doch gleich solche Einschränkungen ein, mit denen uns interessierte Kreise seit einigen Jahren zu disziplinieren versuch(t)en. Gerechtfertigt werden sie mit angeblich notwendiger Rücksichtnahme auf irgendwen oder irgendwas, sei es die Volksgesundheit, «unsere Demokratie», das Weltklima oder exotische Mitmenschen. Wir sollen uns diszipliniert äussern, ernähren und verhalten, sofern wir weiterhin zu den «Guten» gehören wollen. Das Kapieren wird dem «discipulus» über Medien und Faktenchecker «erleichtert». Schulen und Universitäten fungieren als Zucht-Anstalten für herrschaftstreue Sprösslinge, die dank disziplinierten Unterrichts in der Disziplin Gehorsam gedeihen.
Zu den Verlockungen: Da dürfte für die meisten der persönliche Wohlstand im Vordergrund stehen, egal wer ihn finanziert. Wozu mit einer Anschaffung warten bis der Kaufpreis angespart ist, wenn ich mir das Geld dafür «ganz unkompliziert» und zu «super Konditionen» leihen kann? Warum Münzen und Scheine im Geldbeutel herumschleppen, wenn mich die Kreditkarte vergessen lässt, dass ich auch dann um 1000 Euro oder Franken ärmer bin, wenn ich hundertmal «nur» 10 ausgegeben habe? Um «kreditwürdig» zu bleiben, muss ich natürlich diszipliniert einer Erwerbstätigkeit nachgehen und darf auf keinen Fall – durch kritische Äusserungen oder auch Impfverweigerung – meinen Arbeitsplatz riskieren! Wer keinen hat, lässt sich stattdessen vielleicht von einer kostenlosen Bratwurst zur gesellschaftlichen «Disziplin» bewegen …
Um die Störungen und Verlockungen zu zügeln, sollte man – wie der Autor – diszipliniert eigene Gedanken durchs Hirn jagen oder – wie seine «bessere Hälfte» – diszipliniert auf den eigenen Bauch hören. Optimal ist erfahrungsgemäss eine Kombination aus beidem. Nehmen wir nur die «Corona»-Plandemie. Am Anfang beteiligten wir uns noch beide an der Verteilung eines Flugblattes mit Informationen und Empfehlungen, die vom Bürgermeister gemeinsam mit den ortsansässigen Ärzten zusammengestellt worden waren. Als die Verantwortlichen nach «Beschwerden» in den Asozialen Medien und deren Aufgreifen durch die Lokalzeitung vom Gesundheitsamt zurückgepfiffen und zur ausschliesslichen Veröffentlichung «amtlicher» Auffassungen genötigt wurden, war unsere Kooperationsbereitschaft jedoch zu Ende.
Die zunehmende Dramatisierung der Situation und die immer seltsameren Vorschriften verstärkten die Zweifel, ob da wohl alles mit rechten Dingen zugeht. Als die beiden discipuli über Bauch («Die spinnen doch!») und Hirn («Das ist doch alles völlig widersprüchlich!») kapiert hatten, dass die Bevölkerung mit disziplinarischen Massnahmen gezüchtigt werden soll, begannen sie mit disziplinierter Gegenwehr. Kampfdisziplinen: Recherche, Aufklärung und politisches Engagement. Bei mir führte das bis zur – «natürlich» erfolglosen – Kandidatur für den Deutschen Bundestag. Das Gesamtergebnis dieser Wahl löste ein ungläubiges Kopfschütteln über die Trägheit der Masse aus.
Meiner Berufstätigkeit als Leiter von drei Fachbereichen bei einer grossen Volkshochschule ging ich anfangs ebenfalls noch recht diszipliniert nach. Als beispielsweise Schulräume und Sporthallen nicht mehr genutzt werden durften, verlegte ich Bewegungskurse kurzerhand ins Freie. Auch mit der Einbahn-Wegweisung im Bildungszentrum hatte ich kein Problem, solange ich mich nicht selbst daran halten musste. Dem Überlaufen näherte sich mein «Disziplin-Fass», als ich nur noch «getestet» ins Büro gedurft hätte, mir aber gleichzeitig das Weiterarbeiten im Home Office verweigert wurde. Zum Überlaufen gebracht hat es letztlich die Pflicht, «ungeimpfte» und nicht «genesene» Bildungswillige selbst dann auszusperren, wenn sie bereit waren, ihre Gesundheit zu jedem Termin aufs Neue nachzuweisen. Das Ignorieren der Menschenwürde ist für mich auch nicht mit Disziplin zu rechtfertigen.
Ein gutes Jahr vorm frühestmöglichen Bezug von Rente war somit unbezahlter Ruhestand das «Mittel der Wahl». Diese finanzielle Einschränkung erschien mir als kleineres Übel. Zusätzlich ermöglichte dieser Schritt, dass wir unsere – immer teuerer werdenden – «Zelte» in Deutschland vorzeitig abbrechen und ins ungarische Drei-Länder-Eck an der Grenze zu Serbien und Kroatien ziehen konnten. Dort hatten wir kurz vor meinem Ausstieg aus dem eiernden Hamsterrad vorsorglich schon ein Haus als Ausweichquartier gekauft. Dass wir über ausreichend (Selbst-)Disziplin verfügen, einen solchen Weg zu gehen, freut uns nach wie vor.
Aus der neuen Heimat gibt es sogar einen Beleg dafür, dass man der Disziplinierung tatsächlich mit Disziplin trotzen kann: Womöglich weil mit Katalin Karikó eine wichtige Wegbereiterin der modRNA-Therapie aus Ungarn stammt, verfügte auch die hiesige Regierung im Oktober 2021 einen Impfzwang für den Öffentlichen Dienst. Allerdings gilt es für die Magyaren als charakteristisch, staatliche Vorschriften nur dann zu befolgen, wenn sie deren Sinn nachvollziehen können. Viele Lehrkräfte blieben also ganz diszipliniert dem Unterricht fern. Nachdem sich der Schulbetrieb alsbald nicht mehr dauerhaft gewährleisten liess, wurde der Impfzwang wieder vollständig aufgehoben. Für diejenigen, die sich nicht hatten disziplinieren lassen, gab es keine Konsequenzen. Der Spuk hatte weniger als fünf Monate gedauert.
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