Plädoyer für eine zweite Aufklärung
Interview mit Dr. Dr. Christian Schubert
Das herrschende materialistische Weltbild führt zur Entfremdung des Menschen – mit verheerenden Folgen nicht nur für die Medizin, sondern auch für die politischen Verhältnisse. Der Psychoneuroimmunologe Dr. Dr. Christian Schubert erklärt, wie er sich den Weg aus diesem Zustand vorstellt.
«DIE FREIEN»: Professor Schubert, Sie beschäftigen sich intensiv mit dem entfremdeten Menschenbild. Was verstehen Sie darunter?
Christian Schubert: Als Arzt, Psychologe und Psychotherapeut setze ich mich seit Langem mit den erkenntnistheoretischen Irrtümern der Schulmedizin auseinander. Schon früh in meiner Laufbahn als Psychoneuroimmunologe hatte ich die Möglichkeit, medizinisch anders zu denken. Das vorherrschende Menschenbild der Medizin ist, wie sich auch in der Forschung zeigt, mechanistisch-reduktionistisch geprägt. Die Psychosomatik spielt kaum eine Rolle, denn sobald psychische und soziale Aspekte einbezogen werden, sind andere Forschungszugänge notwendig. Der gegenwärtige Goldstandard der medizinischen Forschung – das sogenannte «randomized controlled trial»-Design (RCT) – reduziert den Menschen auf ein manipulierbares und kontrollierbares Objekt und verfehlt damit sein Wesen. Dieses biomedizinische Forschungsdesign ist lebensfern – und die Psychosomatik hat sich davon nie wirklich gelöst.
Inwiefern?
CS: Die Psychosomatik hat sich innerhalb der etablierten Medizin mit der Verhaltenstherapie in eine weitgehend sinnbefreite psychotherapeutische Richtung entwickelt, die heute Diagnostik und Therapie dominiert. Damit verschwinden sowohl Psychosomatik als auch Psychologie zunehmend im reduktiv-materialistischen Denken der Biomedizin. Hier zeigt sich die totalitäre Struktur des «Menschen als Maschine». Dieses verzerrte Menschenbild trennt Körper, Geist, Seele, Spiritualität und Soziales voneinander. Indem nur das Körperliche – also das Materielle – betrachtet wird, reduziert man den Menschen auf eine rein physische Existenz.
Aber man kann doch nur behandeln, was vorhanden ist …
CS: Die Vorstellung, dass der Mensch aus Einzelteilen besteht, auf die er reduziert werden müsse, um Gesundheit und Krankheit zu verstehen, halte ich für grundlegend falsch. Diese Denkweise vermittelt: Wenn wir das Genetische verstanden haben, verstehen wir auch den Menschen. Dann wird selbst das Psychische oder Soziale genetisch interpretiert. Aber immaterielle Phänomene lassen sich nicht materialistisch erklären. Und genau hier zeigt sich der Materialismus der heutigen Medizin: Alles, was wir sehen, gilt, und alles, was wir nicht sehen, gilt nicht. Dieser Reduktionismus führt dazu, dass sich die Medizin auf blosse Symptome konzentriert.
Warum verschliesst sich die Medizin gegenüber dem Immateriellen?
…
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Dr. Dr. Christian Schubert ist Psychoneuroimmunologe und Professor am Department für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck.
Christian Schubert: «Immunsystem neu gedacht. Wie psychische und soziale Faktoren unsere Gesundheit stärken» (272 Seiten, Arkana) erscheint am 10. September 2025.
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