Krieg gegen Banknoten
Der deutsche Journalist Hakon von Holst zeigt in seinem neuen Buch, dass Bargeld mehr als nur Zahlungsmittel ist und welche Akteure es aus welchen Gründen bekämpfen.
Geld ist ausser Wirtschaft vor allem Politik. Diese These vertritt Hakon von Holst in seinem Buch «Krieg gegen das Bargeld». Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass immer weniger mit Bargeld und stattdessen häufiger mit anderen Mitteln, Karte oder Smartphone, bezahlt wird. Der Autor fragt: «Ist das Zeitgeist, Fortschritt, der Weg in die Zukunft?» Oder anders formuliert: Ist das der natürliche Gang der Dinge oder ist es eine forcierte Entwicklung?
Was als Annehmlichkeit präsentiert wird, hat versteckte Kosten: persönliche Daten. Sie sind vor allem für jene interessant, die aus ihnen ein Geschäftsmodell entwickeln können: Unternehmen, Finanzdienstleister, der Staat. Aus gesammelten Daten können Nutzerprofile erstellt werden, die wirtschaftlich oder politisch instrumentalisierbar sind. Deshalb, schreibt von Holst, hat Bargeld viel mit Privatsphäre zu tun. Es garantiert Anonymität und bietet den entscheidenden Vorteil, keine Datenspuren wie Ort, Datum, Betrag, Produkt usw. zu hinterlassen.
Von Holst kuratiert recherchierte und anschauliche Beispiele. Eines davon fasst die ganze Problematik zusammen: So kauften Demonstranten in Hongkong 2019 ihre Metro-Tickets bar, weil sie fürchteten, wie einige Protagonisten aus der Bewegung fünf Jahre zuvor zu Haftstrafen verurteilt zu werden: «Ob Hongkong oder Berlin: Wer mit Karte bezahlt, bezahlt mit seinen Daten. Das Protokoll wächst mit jedem Tag in die Länge: Wo waren Sie wann und bei wem? Was war Ihnen der Einkauf wert?» Oder wer erinnert sich an die Kontokündigungen von Kritikern der Corona-Massnahmen, wie es in Kanada den Freiheits-Truckern geschah?
Weitere Beispiele: Am 28. April 2025 fiel in Spanien und Portugal der Strom grossf lächig aus. Plötzlich war man ohne Bargeld aufgeschmissen. Und im Juli letzten Jahres streikten die Kassen bei der deutschen Supermarktkette Tegut wegen einer fehlerhaften Software-Aktualisierung des US-IT-Unternehmens Crowdstrike, die weltweit Probleme mit Microsoft-Programmen verursachte. Von Holst benennt hier einen wichtigen Punkt: «Wenn ein US-Unternehmen Zugriff auf die Ladenkasse besitzt, dann wissen sich ebenso intelligente Hacker und Geheimdienste darüber zu informieren, was über das Band gezogen oder mit dem Barcode-Scanner erfasst wird … .» Behörden können unliebsame Kritiker wie Journalisten willkürlich kaltstellen, indem sie Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Visa oder Paypal anweisen, die entsprechenden Transaktionen zu blockieren. So passiert mit WikiLeaks. Es folgen Beispiele rund um den Globus, von Italien bis Malawi. Sie eint, dass häufig mit ähnlichen Anreizmethoden aus der Verhaltensforschung gearbeitet wird und oft dieselben Akteure dahinterstehen, etwa die Better than cash alliance. Diese Organisation wurde 2012 von der Gates-Stiftung mitbegründet und erhält gemäss von Holst allein vom deutschen Entwicklungsministerium 300’000 Euro pro Jahr.
«Staatsfeind Nummer eins»
Bargeld muss nicht unbedingt verboten werden. Zum Beispiel leiten immer mehr öffentliche Verkehrsbetriebe die Passagiere dazu an, «mit warmer Empfehlung, per Google Pay und Apple Pay zu zahlen. In Hamburg erhalten Smartphone-Nutzer exklusiv sieben Prozent Rabatt. … Geld für die Innovation kam vom Bundesverkehrsministerium.» Auch Gastronomiebetriebe bedienen sich dieser Logik, etwa Tibits in der Schweiz – fünf Prozent Rabatt für Bargeldlosigkeit.
Daneben gibt es die Akteure, die das Bargeld denunzieren und von seiner Zurückdrängung direkt profitieren. So sagte der heutige Weltbank-Präsident, Ajay Banga, 2014 als CEO von Mastercard: «Es gibt eine unglaubliche Gelegenheit in der Welt, Einnahmen zu erzielen, dadurch dass der Umweg über Bargeld entfällt. Für mich ist Bargeld Staatsfeind Nummer eins.» Bereits 2006 habe Mastercard verlauten lassen, man führe «Krieg gegen das Bargeld». Aus der Politik ertönen die gleichen Stimmen, 2017 sagte Bangas Landsmann, der indische Premierminister Narendra Modi: «Ich möchte, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft ohne Bargeld wird.»
Mastercard und Visa verfügen, so der Autor, über die weltweite Vormachtstellung auf dem hochprofitablen Gebiet der Kartenzahlungen. Die Hälfte ihres Umsatzes können sie als Gewinn ausweisen, das heisst: 10 bis 20 Milliarden Dollar pro Jahr. «Die Kreditkartenkonzerne machen Geld mit Geld … .» Wer glaubt da noch, es ginge bei der Zurückdrängung des Bargelds um die Bekämpfung von Geldwäsche oder Steuerbetrug? «Mit Repressionen und einem Barzahlverbot baut der Staat seine Machtposition gegenüber dem unbescholtenen Bürger aus, nicht gegenüber Verbrechern.» Die organisierte Kriminalität habe längst Wege gefunden, auch ohne Bargeld zurechtzukommen.
Von Holst erwähnt ein weiteres Anti-Bargeld-Scheinargument: die Hygiene-Kampagne von Mastercard, die seit Jahren international verbreitet wird. 2013 warnte das öffentlich-rechtliche Danmarks Radio: «Geldscheine und Münzen sind gefährliche Keimbomben.» Verglichen mit anderen alltäglichen Dingen sind sie jedoch harmlos: Der Wasserbehälter einer Kaffeemaschine enthält rund fünf Mal mehr Mikroorganismen. Doch insbesondere während Corona lobbyierten die Kartenkonzerne kräftig für kontaktloses Bezahlen, der Handel und die Banken machten mit.
Ohne Bargeld wird die Gesellschaft verwundbarer
Das Bargeld abzuschaffen macht die Gesellschaft laut von Holst «nicht sicherer, sondern verwundbarer. Es bedarf kaum Kapital, Schaden anzurichten, aber das Schadenspotenzial ist umso höher, wenn Angriffe auf Computersysteme ausreichen, den Austausch in der Gesellschaft und die Wirtschaft lahmzulegen, weil der Bürger vor streikenden Kartenterminals steht und keine Chance hat, auf Bargeld auszuweichen.»
Auch haben die Bargeldgegner begriffen, dass ein direktes staatliches Verbot unerwünschten Widerstand provozieren dürfte: «Es scheint besser zu sein, wenn die Ablösung des Bargelds von der Privatwirtschaft und nicht vom Staat vorangetrieben wird», schrieb 2017 Alexei Kireyev, leitender Ökonom beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in einem Arbeitspapier. Denkbar scheint auch ein Vorschlag zu sein, das Geld mit einem Verfallsdatum auszustatten, damit die Wirtschaft durch Konsumzwang profitiert und die Bürger nicht ins Bargeld f liehen können – was bei digitalem Geld einfacher umsetzbar wäre. Diesbezüglich diskutiert von Holst aktuelle politische Entwicklungen zum digitalen Euro. Er ist überzeugt: «In jedem Fall bedeuten staatliche Digitalwährungen eine gigantische Machtzentralisierung.»
Von Holst plädiert für eine allgemeine Annahmepf licht von Bargeld und streut neben den finanzpolitischen Überlegungen auch sozialpsychologische ein, die man in diesem Kontext gerne vergisst: Was wäre das für eine Welt ohne Bargeld? Zweifellos eine technokratische, die zwischenmenschliche Beziehungen eliminiere. Hingegen werden vertiefende Gedanken zum Geld- und Finanzsystem an sich vernachlässigt. Das mag der Kürze des Buches geschuldet sein.
Insgesamt ist von Holsts Büchlein geeignet, um sich einen aufklärenden Überblick zum Thema zu verschaffen. Es verzichtet auf Fremdwörter und komplizierten Satzbau und bietet damit eine angenehme Lektüre mit wohldosierten Informationen. Es entlarvt angeblich gute Gründe für Bargeldlosigkeit und zeigt, worum es wirklich geht: um private Autonomie.
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Hakon von Holst verliess die Schule früh, um sich selbst fortzubilden. Er lernte auf Permakultur-Höfen und absolvierte einen Studiengang an der Freien Akademie für Medien und Journalismus. Seit 2019 recherchiert und publiziert er zur schleichenden Verdrängung des Bargelds.
hakonvonholst.de
Hakon von Holst: «Krieg gegen das Bargeld: Warum wir Münzen und Geldscheine für unsere Freiheit benötigen», 2025, 80 Seiten, Verlag Hintergrund.
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