Skip to main content

Ist Orwells Dystopie noch abwendbar?

Rezension zu Olivier Kesslers Roman «Befreiungsschlag» 

«Befreiungsschlag» knüpft dort an, wo Orwell aufgehört hat – in einem perfekt inszenierten Albtraum: Die UNO-Weltregierung mit Sitz in Zürich hält die Menschheit per Totalüberwachung in ihren Fesseln. Maschinen und Algorithmen bestimmen über das Leben jedes Einzelnen. Eine digitale Weltwährung, gekoppelt an ein Sozialkreditsystem, erstickt jegliche Möglichkeit individueller Freiheit. 

Olivier Kessler ist Direktor des Liberalen Instituts in Zürich und schreibt normalerweise Sachbücher. Hier hat er sich zum ersten Mal an einem Roman versucht. Dass ich das Buch von vorne bis hinten gleich komplett verschlungen habe, spricht für sich: Kessler verpackt jede Menge brisantes Wissen über das Geld- und Wirtschaftssystem in eine richtig packende Liebesgeschichte. Zugegeben: Teilweise trieft es etwas vor Schmalz und Pathos. Aber es macht eben auch deutlich mehr Spass, sich auf die komplexen Zusammenhänge einzulassen, weil sie in eine romantische Geschichte verpackt sind. Über den emotionalen Weg erzielt man erwiesenermassen den besseren Lerneffekt als rein rational. 

So wuchs mir die Hauptfigur Mike richtiggehend ans Herz und ich litt mit ihm. Sein Problem: Mike steht im Social-Credit-Ranking auf Stufe zwei von fünf, was bedeutet, dass er nur noch Insektenmahlzeiten zu sich nehmen darf, seinen Beruf als Informatiker gegen einen Hilfsjob austauschen muss, eine schlechte Behausung hat und keinen Kontakt mehr zu Menschen mit höherem Ranking pf legen darf. So auch nicht zu seiner grossen Liebe Maria. Dennoch treffen sich die beiden heimlich. Maria hilft ihm ausserdem, seinen dissidenten Vater im Gefängnis zu besuchen. Bei diesem Besuch klärt der Vater seinen Sohn darüber auf, wieso sich die Gesellschaft in dieser misslichen Lage befindet. Mike beginnt zu verstehen und glaubt, nun den Schlüssel zur Befreiung in der Hand zu halten. Er verlässt das Gefängnis wieder mit der gefährlichen Aufgabe, in der Vergangenheit die Weichen richtig zu stellen. Diese Vergangenheit ist unsere jetzige Gegenwart … 

Kesslers Roman ist somit ein Appell an die Menschen im Hier und Jetzt, die letzte Möglichkeit zu nutzen und das Ruder in die andere Richtung zu reissen. Denn selten war die Freiheit dermassen bedroht und die Selbstbestimmung des Menschen dermassen gefährdet wie heute. Die Pläne für eine orwellsche oder kesslersche Dystopie sind längst geschmiedet. Ob sie sich verwirklichen, und in welchem Ausmass, haben wir jetzt in den Händen – und genau hier unterscheidet sich «Befreiungsschlag» von «1984»: Es gibt Hoffnung, ein anderer Ausgang ist möglich! 

Was ich an Kesslers Roman besonders mag, sind seine fundierten Aussagen zur Realität: Komplexe Inhalte von der Geldwirtschaft über Machtmechanismen bis hin zur Quantenphysik und Spiritualität webt er klug in die Geschichte ein. Faszinierend ist Kesslers Schilderung einer geheimen Untergrundstadt, in der ein alternatives Gesellschaftsmodell auf der Basis freiwilliger Kooperation erblüht. Die Kraft der Liebe stellt sich der Sklaverei unbeugsam in den Weg. Mit diesem positiven Menschenbild eröffnet Kessler eine hoffnungsvolle Vision davon, wie wir ein Zusammenleben in Frieden und Freiheit gestalten könnten. 

Ich gehe einig mit seiner Annahme, dass das Gute «von unten» kommt. Und Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist und wir gefordert sind, sie immer und immer wieder zu erkämpfen. Welches die geeigneten Werkzeuge auf diesem steinigen Weg sind, wird sich zeigen. Mit den Lösungen, die Kessler in seinem Buch präsentiert, bin ich noch im Zweifel. 

***

Den Roman «Befreiungsschlag: Hoffnungsschimmer für eine verloren geglaubte Welt» (2025) kannst du auf libinst.ch/shop als Buch, E-Book oder Hörbuch bestellen.


Hat dir der Artikel gefallen? Dann bestelle jetzt ein Abo in unserem Shop!

Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden