Die Waagschale des Lebens

Es gibt keinen Grund, die Urteilskraft eines gesunden Menschen anzuzweifeln. Als wirkmächtiges Vermögen, als essenzieller und existenzieller Pfeiler des Lebens prägt sie unser Leben auf allen Ebenen ständig, in allen Bereichen des Erkennens und Handelns. Das Leben trainiert unaufhaltsam die intuitiven und geistigen Muskeln der aktiven Urteilskraft, der Stellungnahme, der Entscheidung, der Handlung.

Hinter jeder Handlung, auch im Nichttun, liegt die Kraft unserer Gefühle und Gedanken – die Urteilskraft, die mich wählen und entscheiden lässt, bewusst oder unbewusst. Spätestens die Hirnforschung hat gezeigt, dass wir nicht anders können, als zu werten und zu beurteilen, und dass wir innert Millisekunden in den Kampf- oder Fluchtmodus schalten können. Urteilskraft ist die menschliche Grundlage und Voraussetzung zum Leben und Überleben, zur kreativen (Mit-)Gestaltung der Welt in all ihren Facetten.

Das gesunde, glückliche Kind nimmt die Natur einer Sache neugierig, mit offenen Sinnen und voller Interesse wahr. Ihm ist sonnenklar, was es als schön und gut empfindet und was als abstossend und schlecht. Ein kleines Kind kann diese Empfindungen zwar verbal noch nicht präzise zum Ausdruck bringen; es zeigt jedoch eindeutig ein intuitives Urteilsvermögen. Urteilskraft manifestiert sich als eine reine Kraft des Gefühls, als Urfunke des Herzens. Sie äussert sich unmittelbar in der Mimik und im Ton, entweder ungestüm oder besonnen, und frei von mentaler Überlagerung.

Im Gegensatz zu ihren Eltern haben Kinder einen Riesenspass, sich unmittelbar auf sich selbst und auf das eigene Körpergefühl zu verlassen: umfallen, aufstehen, purzeln, rollen, ausprobieren, tun und witzeln, dem Raumgefühl trauen, als «Blindekuh» tastend den Mitspieler erkennen und beim Namen nennen. Unabhängig von Wind und Wetter – im einfachen Spiel der Kinder liegt etwas Erhabenes. Sie transzendieren das Irdische, vernachlässigen es jedoch nicht. Keiner wird bevorzugt, niemand darf benachteiligt werden. Urteilskraft ist die Voraussetzung für Gerechtigkeit (iustitia). Sie ist die Kindertugend Nummer eins …

von Silvia Siegenthaler

Foto: Justitia an der Gerechtigkeitsgasse Bern, auf dem Gerechtigkeitsbrunnen. Sie ist die erste bekannte Darstellung der «blinden Gerechtigkeit» Justitia, vom Künstler Hans Gieng, aus dem Jahr 1543. November 2022 von Silvia Siegenthaler.


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