Die Kraft der Langsamkeit
Ich wollte nur noch schnell die Wäsche aufhängen, nur noch kurz etwas erledigen, gleich weitergehen. Doch ihre Langsamkeit hielt mich fest. Sie zog mich zurück ins Jetzt. Zurück zu mir. Diese magischen Momente, in denen meine Kinder so tief in ihrem Sein versunken waren, dass die Welt um sie herum stehen blieb, haben sich tief in mir eingebrannt, haben mich geprägt und mir etwas vom Wertvollsten und Kostbarsten überhaupt gezeigt.
Ein Blick auf meine Kinder genügte, um zu begreifen, wie intensiv und bedeutungsvollein einzelner Moment sein kann. Meine Kinder waren Künstler der Langsamkeit, so wie es alle Kinder sind. Sie beherrschten es, einen Moment voll auszukosten und ganz in ihrem eigenen Sein anzukommen. Eine Fähigkeit, die viele Erwachsene längst verlernt haben, und mühsam wieder am Nachentfalten sind.
Doch diese besondere Präsenz wird in unserer Gesellschaft oft nicht nur ignoriert, sondern bekämpft. Wir leben in einer Welt, die von Hektik, Zeitdruck und dem ewigen Streben nach schneller, mehr, besser geprägt ist. Die Folge: Unseren Kindern wird nicht nur ihre Zeit geraubt, sondern Schritt für Schritt ihre angeborene Einzigartigkeit.
Das Tempo eines Kindes ist viel langsamer als jenes der Erwachsenen. Hier liegt eine grosse Herausforderung: Die meisten Erwachsenen erwarten vom Kind, es solle sich diesem schnellen Takt anpassen. «Jetzt beeil dich doch mal, trödle nicht so!» Dabei wird vergessen, dass Kinder den Weg von A nach B nicht nur gehen, sondern mit allen Sinnen erleben. Ein Stein glitzert, ein Blatt raschelt, ein Käfer sitzt am Weg. Kinder sind Meister der Präsenz, Experten des Unsichtbaren.
Unsere Kinder haben mir schnell klargemacht, dass sie keine kleinen Erwachsenen sind, sondern einzigartige Wesen mit ihrem eigenen natürlichen Rhythmus. Bei vielen Kindern wird dieser leider oftmals bereits ab Säuglingsalter durch Termin- und Fördermarathon gestört. Viele Kinder werden getrieben, statt behutsam begleitet und sind nicht selten stundenlang eingebettet in eine Flut von Reizen, die ihr Gehirn überfordert. Diese dauerhafte Überreizung ist wie ein andauernder Sturm, der das Kind aus seinem natürlichen Gleichgewicht bringt.
Stell dir eine Pflanze vor, die mit Hitze gequält und von Wasser entzogen wird. Sie kämpft ums Überleben, statt zu blühen. So geht es Kindern, denen Zeit zum Atmen und Wachsen fehlt. Wir glauben, ständige Aktivität sei der Weg zum Erfolg, doch dabei bleibt das Kind selbst oft auf der Strecke.
Die Reaktionen auf Überforderung sind vielfältig: Müdigkeit, Unruhe, Aggression, Zappeligkeit und vieles mehr. Manche Kinder verlieren sich in Reizen und entwickeln Abhängigkeiten. Ihr Nervensystem ist so beschäftigt, dass kaum Energie für das Wesentliche bleibt, nämlich ihre gesunde Entfaltung.
Langsamkeit ist kein Makel, sondern eine grosse Stärke. Ich beobachte jedoch leider immer wieder, dass viele Eltern sich vor vermeintlich verlorener Zeit fürchten und deshalb lieber aufs Tempo drücken, aus Angst, das Kind könnte etwas verpassen. Was, wenn gerade in der Langsamkeit die Kraft liegt? Was, wenn wir von unseren Kindern lernen dürfen?
Wir pflegten in unserer Familie stets das Motto: «Weniger ist mehr!» Das hat sich sehr bewährt und dazu geführt, dass wir in uns einen seltenen Glaubenssatz etablieren konnten, nämlich: «Ich habe Zeit!»
Wenn es uns gelingt, unsere Kinder als Meister der Langsamkeit anzuerkennen, dann kann genau dies für uns Erwachsene zur grössten Chance werden: Nicht wir lehren sie das Leben, sondern sie erinnern uns daran, wie Leben sich anfühlt.
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Doris Gantenbein ist Dreifach-Mama, Unschooling-Pionierin, Autorin, Gründerin von Elternkunst®, Ausbildnerin und Mentorin.
elternkunst.ch
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