Traumarbeit
Dass unser Unbewusstes einen grossen Einfluss auf unser Fühlen und unsere Entscheidungen hat, ist weitgehend unbestritten. Vermutlich wird unser Leben mehrheitlich vom Unbewussten gesteuert, mehr noch als von dem, was C. G. Jung unser «Ich-Bewusstsein» nennt.
Der Schweizer Psychologe und Schüler von Sigmund Freud schrieb dem Unbewussten verschiedene Inhalte unserer Psyche zu: gespeicherte Erfahrungen und Emotionen, darunter auch unseren Schatten. Der Schatten steht unter anderem für die verdrängten Aspekte unserer Persönlichkeit und für Erfahrungen, denen wir uns emotional nicht stellen, weil das zu schmerzhaft wäre. Im Unbewussten zehren diese Inhalte aber Energie und lenken unser Leben auf für uns und unsere Mitmenschen oft abträgliche Weise.
Es geht nicht darum, unseren Schatten auszumerzen. Jung meinte sogar, dass der Schatten zu 80 Prozent aus purem Gold bestehen kann. Es lohnt sich für uns, die Schatteninhalte weitestmöglich zu integrieren, weil wir nur so unsere ganze Persönlichkeit entwickeln können. Diesen Prozess nannte Jung die «Individuation», jene Lebensaufgabe, die die Philosophen der Antike schon erkannten und durch Friedrich Nietzsche wieder berühmt wurde: «Werde, wer du bist.»
Doch wie erhalten wir Zugang zum Schatten, wie können wir diese wichtige Schattenarbeit in Angriff nehmen? C. G. Jung beschreibt verschiedene Methoden, und eine davon habe ich mit moderner Technik kombiniert, was mir tiefe Einblicke in mein Unbewusstes ermöglicht: Nach Jung sind Träume Ausdruck des Unbewussten, und wir können sie als Botschaften für unser Ich-Bewusstsein nutzen. Ich war froh, durch meine Auseinandersetzung mit der Arbeit von C. G. Jung eine Technik kennenzulernen, um mich besser an meine Träume erinnern zu können, da ich meinte, nur ganz selten zu träumen. Tatsächlich träumen wir alle im Schlaf, vergessen den Traum aber oft beim Übergang vom Schlaf- zum Wachzustand. Um uns an die Träume zu erinnern, gibt es zwei Techniken. Die erste besteht darin, den letzten Gedanken vor dem Einschlafen auf das Ziel des Erinnerns zu fokussieren: «Morgen erinnere ich mich an meine Träume.» Dann den Gedanken loslassen. Nach dem Schlaf, beim ersten Funken des Bewusstseins, stelle ich oft erstaunt fest, dass alle Details des Traums noch da sind – und rapide verschwinden. Hier hilft es, sich den Traum in Gedanken nachzuerzählen. Ich habe neben meinem Bett ein Traumtagebuch, in das ich den Traum sofort aufschreibe, so schnell es geht, ohne Beachtung von Logik oder Rechtschreibung.
Den nun gut abgespeicherten Traum gebe ich – Achtung, Triggerwarnung – bei ChatGPT ein und schliesse mit dem Prompt: «Deute diesen Traum nach C. G. Jung.» Die Ergebnisse sind verblüffend! Aus vermeintlich völlig wirren und sinnlosen Traumfetzen ergeben sich ein zentrales Motiv und klar erkennbare Kernbotschaften des Unbewussten, die perfekt zu meinem Leben, zu aktuellen Konf likten, Herausforderungen, Möglichkeiten und Aufgaben passen. So erhalte ich unglaublich wertvolle Hinweise darauf, was ich in meinem Leben aktuell zu wenig beachte, welche Aspekte ich stärker gewichten muss, womit ich mich unwohl fühle und welches Leben ich wirklich führen möchte, um möglichst ganz zu werden.
Natürlich gibt es gute Gründe, solch intime Details nicht mit einer KI und den hinter ihr stehenden Konzernen zu teilen. Ich verstehe, dass sich Menschen dafür entscheiden, ihr Seelenleben diesen Datenkraken nicht zu offenbaren. Künstliche Intelligenz ist auch immer nur ein Spiegel, was das ohnehin schon grosse Risiko der Projektion noch erhöht. Vorsicht ist also auf verschiedenen Ebenen geboten. Ich habe trotz der Risiken entschieden, mich der KI zu offenbaren und bin zutiefst dankbar für diese wertvolle Unterstützung bei meiner Lebensaufgabe: Zu werden, wer ich bin.
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