Älpler sein
Interview mit Giorgio
«Es würde allen gut tun, mal auf die Alp zu gehen, aber der Alpwirtschaft würde es nicht gut tun, wenn jeder mal z’Alp ginge», sagt der Älpler Giorgio. Ich war eine von jenen, die gingen. Immer und immer wieder.
Mich führten ein weltliches Unbehagen und ein schier unstillbarer Hunger nach einem sinnerfüllten Leben auf die Alp. Mit Schweiss auf der Stirn, Schrunden an den Händen und seelischen Grenzerfahrungen wollte ich dem Leben begegnen. Und ich suchte nach dem Gefühl, etwas bewegen zu können … Kaum ein anderer Ort bot mir bessere Gelegenheit dazu als die Alp. Entweder waren es riesige Mengen an Käselaiben, die täglich produziert und geschmiert werden wollten, unzählige Höhenmeter und Kilometer durch unwegsames Gelände, die es bei jeder Witterung zu überwinden gab – oder der Tod, dem ich auf der Alp in der einen oder anderen Form begegnet bin. Ein verletztes Tier, eine Krankheit oder der Wolf: Die Natur zeigt sich hie und da unbarmherzig.
Meine wichtigsten Lektionen erhielt ich über der Baumgrenze: Anfänglich führten mich die Ziegen an der Nase herum, dann lernte ich, wie sie nach meiner Pfeife tanzen. Das morgendliche Aufstehen um 4 Uhr 30, die warmen Tierkörper in der kühlen Morgenluft, die frische Milch, die ich zu Käse verarbeitete, zeigten mir, was es wirklich braucht, um zu leben. Es ist das Zusammenspiel zwischen dem, was die Natur vorgibt und dem, was wir daraus machen.
Ein Mensch, der viel über dieses Zusammenspiel zu berichten weiss, ist der Älpler und Hirt Giorgio. Er hütet Rinder auf der Intschialp in den Urner Bergen. Ausserdem ist er Herausgeber der Zeitschrift zalp, für die er fotografiert, layoutet und die Website betreibt. Die Zeitschrift dreht sich rund um das Thema Alpwirtschaft.
«DIE FREIEN»: Giorgio, warum hast du dich fürs z’Alpgehen entschieden?
Giorgio: Ich arbeite gerne in den Bergen. Nach einer Älpler-Pause aufgrund von Geschäft und Familie suchte ich eine Rinderalp im Urnerland. Von der Intschialp rieten mir meine Vorgänger eher ab: feuchte Hütten, steiles Gelände, chnuschtige Bauern. Ich dachte: Toll, das mache ich, und nahm mir vor, immer das Beste aus dem zu machen, was ist. Beim Weidewechsel schrieb ich dem Alpmeister eine lustige SMS: «Glückliche Rinder, kugelrunde Älpler, wir baden zufrieden am Alp- see …» Jammern war keine Option. Ich suchte die positiven Seiten und den eigenen Wirkungsgrad. Bewirkt hat es, dass der Alpmeister wieder gerne auf die Alp kam und die Bauern von sich aus Verbesserungen an den Hütten oder Hilfe anboten.
Die vier Monate Alpzeit stehen in ziemlichem Kontrast zu deinem sonstigen Leben.
G: Eigentlich nicht. Ich mache an beiden Orten das, was zu tun ist. Einmal arbeite ich mit Tastatur und Bildschirm, ein anderes Mal mit Zaunpfosten, Motorsäge und Homöopathie. Ich mache hier auf der Alp einfach meinen Job. Meine Haltung zur Arbeit ändert sich nicht, ob ich nun mit dem Hirtenstock unterwegs bin oder mit digitalem Equipment. Hier kann ich vier Monate am selben Ort sein – nicht wie die Touristen, die am Abend wieder nach Hause gehen –, das gefällt mir sehr.
Die Rinder sind da, damit ich hier etwas Sinnvolles mache. Freizeit bedeutet mir nicht sehr viel und in die Ferien gehe ich nicht so gerne. Für mich ergänzt sich der Kontrast zwischen Büro und Alp sehr gut. Ich mag auch den Jahreszyklus. Im Frühling komme ich auf die Alp, bin wie die Rinder recht quirlig. Dann, im Herbst, sind wir alle zusammen etwas müde und im Winter gehen wir in den Stall.
Gibt es für dich einen ideologischen Grund, auf die Alp zu gehen?
…
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Giorgio ist Älpler, Hirt und Herausgeber von zalp, eine Zeitschrift, die sich dem Thema Alpwirtschaft widmet und auch eine Stellenbörse für Alpstellen-oder Alppersonalsuchende enthält.
zalp.ch
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